D er bedeutendste deutsche Aktienindex, der DAX, wird bereits seit dem 1. Juli 1988 von der Deutschen Börse berechnet und hat sich in den vergangenen Jahren nicht nur von der Kursperformance her zu einer echten Erfolgsgeschichte gemausert. Bis September 2021 hatte er die Wertentwicklung der 30 größten und liquidesten Unternehmen des deutschen Aktienmarkts abgebildet und damit bereits rund 75 Prozent der Marktkapitalisierung aller börsennotierten deutschen Aktiengesellschaften berücksichtigt. Dazu gehören seither ohne Unterbrechung die Aktien von Allianz, BASF, Bayer, BMW, Daimler, Deutsche Bank, Eon, Henkel, Linde, RWE, Siemens und Volkswagen.

Ab September 2021 hat sich die Gewichtigkeit und Zusammenstellung des DAX wesentlich geändert: Der neue DAX 40 besteht grundsätzlich aus den bekannten DAX-30-Unternehmen zuzüglich der ehemals zehn größten Unternehmen aus dem MDAX. Dadurch haben sich wesentliche Eigenschaften und Charakteristiken im deutschen Aktienindex geändert, welche genauer betrachtet werden sollen. Beim DAX 40 wurde nicht nur mengenmäßig die Aktienanzahl signifikant gesteigert, zugleich haben auch die Marktkapitalisierung und die internationale Bedeutung zugelegt. Zudem entwickelte sich aus der Aufnahme der neuen Indexmitglieder eine größere Bandbreite an neuen Branchen und Sektoren sowie eine stärkere Gewichtung der Zukunftsbranchen Informationstechnologie und Healthcare.

Die Zusammensetzung des DAX wird zukünftig zweimal statt nur einmal jährlich regulär überprüft. Dabei spielt die Marktkapitalisierung der Unternehmen die wichtigste Rolle. Das bisher ebenfalls herangezogene zweite Kriterium, der Handelsumsatz, fällt als Entscheidungsgrund für eine Indexaufnahme künftig weg. Wer zukünftig beispielsweise mit ETFs und Fonds auf den DAX 40 setzt, sollte sich des Aspekts einer veränderten Diversifikation bewusst sein. Bisher lag der Schwerpunkt auf den vier Branchen Chemie, Autoindustrie, Energie und Finanzen. Nun sind die Zukunftssektoren stärker eingebunden, wodurch die deutsche Wirtschaft repräsentativer abgebildet wird. Das Gewicht der klassischen Old Economy hat mit der Neugestaltung des DAX zugunsten der New Economy abgenommen. Des Weiteren kann die künftig zweimal jährlich stattfindende Überprüfung der reduzierten Aufnahmekriterien zu einer höheren Fluktuation der Indexmitglieder führen als bisher.

Zieht man nun einige Handelswochen nach der Indexneugestaltung Bilanz, lässt sich feststellen, dass ausgerechnet die fünf Old-Economy-Vertreter unter den zehn Neuzugängen zu den Gewinneraktien im DAX 40 gehören, die Vertreter aus den neuen Branchen wie Zalando, Hellofresh, Sartorius, Qiagen und Symrise hingegen zu den Verlierern. Zalando hält derzeit mit der schlechtesten Performance als DAX-Mitglied die rote Laterne. Die Indexneugestaltung stellt somit eine bedeutende Veränderung des DAX und seines bisherigen Handelscharakters dar. Dies wird sich zukünftig sowohl in der Kursperformance als auch der Schwankungsbreite (Volatilität) zeigen.

Der MDAX musste im Gegenzug zehn Aktien abgeben und verliert damit an Marktkapitalisierung sowie an Bedeutung. In diesem Zusammenhang ist es schade, dass nicht zeitgleich über eine Neukonstellation des dann weniger gewichtigeren, da von 60 auf 50 Unternehmen reduzierten Mittelstandsbarometers nachgedacht worden ist und auch keine Anknüpfungspunkte für die immer bedeutenderen Nachhaltigkeitskriterien gesetzt worden sind. Positiv ist jedoch, dass der deutsche Leitindex zu anderen wichtigen und marktbreiteren Aktienindizes wie beispielsweise dem französischen CAC 40 und dem Euro Stoxx 50 Index aufgeschlossen hat. Die Weichen für eine weiterhin signifikante Erfolgsgeschichte sind damit gestellt. Wie diese mit den neuen Indexeigenschaften und Handelscharakteristika aussieht, wird sich aber erst noch zeigen müssen.

 


Andreas Lipkow

ist einer der gefragtesten deutschen Börsenkommentatoren, wie zahlreiche Interviews in Presse, Hörfunk und Fernsehen belegen. Seit Juli 2017 ist er für die Comdirect Bank AG als Marktexperte tätig. Zuvor war er bei der Kliegel & Hafner AG für die Entwicklung und Validierung von Handelsstrategien zuständig. Seit Oktober 2019 ist er zudem ehrenamtliches Vorstandsmitglied im Arbeitskreis Blockchain Bitkom e.V.