In Russland schwindet das Vertrauen in den Kreml und seine Finanzen. Das sichtbarste Zeichen sind steigende Bargeldabhebungen, die für Putin zu einem ersten Problem werden könnten.
In Russland findet derzeit eine stille Flucht ins Bargeld statt. Allein in den ersten beiden Augustwochen seien umgerechnet rund 2,9 Milliarden Euro von russischen Konten abgehoben worden, im Juli bereits rund 6,3 Milliarden Euro, meldet der Nachrichtensender n-tv unter Berufung auf Zahlen von Reuters. Seit Jahresbeginn seien damit rund 24 Milliarden Euro aus dem Bankensystem abgeflossen.
Für den Kreml hat das handfeste Folgen: Wenn Sparer und Unternehmen ihr Geld aus dem System ziehen, wird Liquidität knapp – und die fehlt dem russischen Staat ohnehin schon. Die Banken müssen ihn finanzieren, die Kreditvergabe ist hoch. Doch gleichzeitig wächst in der Bevölkerung die Furcht vor einem Zugriff der Regierung auf private Vermögen.
Bargeldnachfrage auf Rekordniveau
Die Bargeldnachfrage liegt inzwischen deutlich über dem bisherigen, bereits erhöhten Niveau seit Ausbruch des Kriegs in der Ukraine. Im ersten Jahr nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine zogen die Russen im gesamten Jahr umgerechnet rund 20 Milliarden Euro an Bargeld aus dem System ab, jetzt wurde dieser Wert bereits im Sommer übertroffen. Das spricht für zunehmende Nervosität in der Bevölkerung.
Allen voran steht offenbar die Sorge, der Staat könne auf Guthaben zugreifen, um den Krieg zu finanzieren. Ein Sberbank-Manager verwies laut Reuters auf entsprechende Äußerungen von Politikern. Auch eine frühere Beraterin der russischen Zentralbank, Alexandra Prokopenko, sieht darin ein klares Zeichen für einen Vertrauensverlust.
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Banken geraten unter Druck
Für die Institute ist das unangenehm, weil sie ohnehin bereits an mehreren Fronten kämpfen. Die Kreditvergabe musste zur Finanzierung der Rüstungsproduktion ausgeweitet werden, zugleich belasten immer mehr faule Kredite die Bankbilanzen. Wenn jetzt auch noch in großem Stil Einlagen abgezogen werden, könnte die gesamte Wirtschaft auf ein Liquiditätsproblem zusteuern.
Laut Sberbank drohen bereits Engpässe. Das Finanzministerium musste zuletzt sogar geplante Anleiheemissionen absagen. Das ist ungewöhnlich, weil russische Banken üblicherweise zu den wichtigsten Käufern staatlicher Anleihen zählen. Wenn bei ihnen das Geld knapp wird, bekommt auch der Staat das zu spüren.
Der Staat braucht Geld
Genau deshalb wird das Problem auch für Wladimir Putin akut: Sein Staat braucht wegen des Krieges immer mehr Geld, aber die Finanzierungsbasis wird immer kleiner. Das Haushaltsdefizit ist von Januar bis Juli bereits auf umgerechnet rund 65 Milliarden Euro gestiegen – deutlich mehr als ursprünglich für das gesamte Jahr geplant war.
Gleichzeitig verliert die Wirtschaft plötzlich an Schwung. Im ersten Halbjahr lag das Wachstum nur noch bei 0,3 Prozent. Hohe Zinsen bremsen Investitionen, die Energieinfrastruktur wird von der Ukraine mit Drohnen attackiert, und die Inflation bleibt hoch. Das ist kein Umfeld, in dem Menschen ihr Kapital entspannt im Bankensystem parken.
Wer kann, schafft sein Geld weg
Auch Unternehmen versuchen offenbar, ihre Vermögen außer Reichweite zu bringen. Laut der Washington Post wurden im zweiten Quartal umgerechnet mehr als 8 Milliarden Euro aus Russland heraus transferiert – trotz aller Sanktionen.
Die Sorge scheint berechtigt: Schon in den vergangenen Jahren hat der Kreml immer wieder Vermögenswerte beschlagnahmt und Unternehmen verstaatlicht. Das Vermögen des Unternehmers Wadim Moschkowitsch wurde laut n-tv im Juni eingezogen. Es geht um Werte in Milliardenhöhe.
Am Ende entsteht ein toxischer Kreislauf. Kriegsfinanzierung, hohe Zinsen, Vermögensangst und schwächere Konjunktur treiben immer mehr Geld aus dem System. Die Banken verlieren Einlagen, der Staat verliert Finanzierungsoptionen, und die Bevölkerung verliert weiter Vertrauen.
Für den Kreml ist das heikel, weil Bargeldflucht auch ein politisches Signal ist. Solange Russlands Krieg die Wirtschaft verschlingt, wird die Bevölkerung weiter auf Nummer sicher gehen wollen. So könnte der schleichende Entzug des Vertrauens Putins Machtbasis womöglich schneller erodieren lassen als ein oft beschworener Kollaps seiner Kriegswirtschaft.
Häufige Fragen zum Thema
Können die Russen noch Geld ins Ausland überweisen?
Ja, Geldüberweisungen aus Russland ins Ausland sind grundsätzlich noch möglich, unterliegen jedoch massiven Einschränkungen. So wurden viele große russische Banken vom internationalen Zahlungssystem SWIFT ausgeschlossen und sanktioniert. Gleichzeitig hat die russische Zentralbank strenge Obergrenzen und Verbote für den Kapitalabfluss erlassen, insbesondere für Transaktionen in "unfreundliche Staaten" oder auf eigene Konten im Ausland. Gängige westliche Überweisungsdienste wie PayPal, Wise oder Western Union bieten keine regulären Transfers mehr an. Transaktionen funktionieren teils noch über kleineren, nicht sanktionierte Institute, die an das SWIFT-System angebunden sind oder Korrespondenzbanken in Drittländern nutzen. Auch die Nutzung von Bankverbindungen in befreundeten Nachbarländern wie Kasachstan, Georgien oder Armenien dient vielen Russen als Zwischenstation. Auch Kryptowährungen werden zunehmend als alternative und unregulierte Methode für grenzüberschreitende Transfers genutzt.
Wie hoch ist das Wirtschaftswachstum in Russland?
Nach einem anfänglichen kriegsbedingten Rüstungsboom in den Jahren 2023 und 2024 mit Wachstumsraten von mehr als vier Prozent verlangsamt sich das Wirtschaftswachstum Russlands mittlerweile drastisch. Für das Jahr 2026 korrigierte die Regierung die Prognose auf ein schwaches Plus von rund 0,4 bis 1,1 Prozent herunter. Hohe Leitzinsen, Arbeitskräftemangel und staatliche Eingriffe bremsen die zivile Konjunktur.