Inflation? Stagnation? Nicht bei unseren Schweizer Nachbarn. Dort wuchs die Wirtschaft im zweiten Quartal um 1,5 Prozent, die Inflation beträgt gerade mal 0,4 Prozent. Wie geht das?
Die Schweizer Wirtschaft hat im zweiten Quartal einen bemerkenswerten Sprung gemacht. Das reale Bruttoinlandprodukt legte von April bis Juni auf bereinigter Basis um 1,5 Prozent gegenüber dem Vorquartal zu. Das Staatssekretariat für Wirtschaft bestätigte damit seine erste Schätzung von Mitte August. Gegenüber dem ersten Quartal hat sich das Wachstum damit ungefähr verdreifacht.
Noch eindrucksvoller fällt der Blick auf die unbereinigte Zahl aus: Nominal wuchs die Wirtschaft um 1,9 Prozent. Analysten hatten lediglich mit einem Plus von 1,7 Prozent gerechnet. Ein stärkeres Quartalswachstum hatte die Schweiz zuletzt 2021 verzeichnet, als die Erholung nach der Corona-Krise die Wirtschaft anschob.
Starkes Wachstum, kaum Preisdruck
In vielen Volkswirtschaften würde ein derart kräftiges Wachstum den Druck auf die Preise und damit auf die Notenbank erhöhen, die Zinsen anzupassen. In der Schweiz ist davon bislang wenig zu sehen. Die Inflation lag im August bei 0,4 Prozent im Jahresvergleich und damit auf dem Niveau des Vormonats. Erwartet worden war ein Anstieg auf 0,5 Prozent.
Auch die Kerninflation, bei der besonders schwankungsanfällige Komponenten stärker herausgerechnet werden, blieb mit 0,4 Prozent niedrig. Sie lag damit zwar leicht über dem vorherigen Wert von 0,3 Prozent, signalisiert aber weiterhin keinen breiten und kräftigen Preisschub. Die Schweiz wächst also schnell, ohne dass die Verbraucherpreise im gleichen Maß nachziehen. Wie geht das?
Der Kontrast ist auch deshalb bemerkenswert, weil die Energiepreise seit Beginn des Iran-Konflikts deutlich gestiegen sind. Nach Einschätzung der Commerzbank schlagen diese höheren Kosten bisher aber noch nicht voll auf die Schweizer Preise durch. Ein Grund dafür ist der Schweizer Franken: Mit dem Ausbruch des Irankriegs begann eine Flucht in sichere Häfen – auch in den Franken. Das führte zu einem Aufwertungsdruck – und diesmal ließ die Notenbank das zu. Denn ein starker Franken, so die Überlegung, könnte helfen, die steigenden Energiepreise im Land abzufedern.
So geschah es. Das Überraschende ist jedoch, dass die Wirtschaft, die in der Schweiz ebenfalls stark exportorientiert ist, so wenig darunter leidet.
Schub aus der Pharmabranche
Das liegt offenbar daran, dass derzeit vor allem konjunkturunabhängige Branchen die Schweizer Wirtschaft anschieben. Der wichtigste Wachstumstreiber war die chemisch-pharmazeutische Industrie. Zugleich nahm die Wertschöpfung in zahlreichen weiteren Branchen zu, und auch die Binnennachfrage erholte sich nach einem schwachen Jahresauftakt. Das zeigt auch, dass der starke BIP-Anstieg keineswegs nur ein statistischer Ausreißer ist.
Ganz ohne Vorbehalte sollten Anleger die Zahl dennoch nicht interpretieren. Die Schweiz bereinigt ihre Wachstumsdaten um große Sportveranstaltungen. Lizenz- und Übertragungseinnahmen können das BIP verzerren. Das ist relevant, weil internationale Sportverbände wie die FIFA ihren Sitz in der Schweiz haben. Das erklärt zwar das nominale Wachstum von 1,9 Prozent. Der bereinigte Anstieg von 1,5 Prozent bleibt aber auch unter diesem Gesichtspunkt außergewöhnlich.
Verglichen damit fällt die Kursreaktion am Schweizer Leitindex SMI noch ungewöhnlich verhalten aus: Er stieg in diesem Jahr bisher um 8,6 Prozent. Zum Vergleich: Der DAX machte 6,2 Prozent gut.
Die SNB hat Zeit
Für die Schweizerische Nationalbank SNB entsteht aus dieser Kombination von hohem Wachstum und niedriger Inflation ein ungewöhnlich großer Spielraum. Das starke Wachstum allein zwingt sie nicht zu einer Zinserhöhung. Die Volkswirte der Commerzbank merken an, dass die SNB in der Vergangenheit nur selten mit Zinserhöhungen auf steigende Wachstumszahlen reagiert hat. Entscheidend für die Schweizer Notenbanker sei der Preisdruck – und der bleibt vorerst gering.
Am Markt wird eine erste Zinserhöhung der SNB inzwischen erst für Mitte kommenden Jahres erwartet. Sollte die Inflation niedrig bleiben, könnte sich dieser Termin sogar ins Jahr 2028 hinein verschieben.
Für den Franken ist das ein ambivalentes Signal. Eine robuste Wirtschaft kann eine Währung grundsätzlich stützen. Wenn das Wachstum aber nicht in höhere Zinserwartungen mündet, bleibt der geldpolitische Rückenwind aus. Deshalb dürften für den Franken zunächst andere Faktoren wichtiger sein: das Image als sicherer Hafen in geopolitischen Krisen, die Zinsdifferenzen zu anderen Währungsräumen und geopolitische Entwicklungen.
Es gibt nur zwei Haken
Ein Risiko bleibt jedoch: Dass ausgerechnet die chemisch-pharmazeutische Industrie den größten Wachstumsimpuls lieferte, könnte nach Einschätzung der Commerzbank auch mit Vorzieheffekten zusammenhängen, weil Unternehmen angesichts der unsicheren Lage rund um die US-Zölle Lieferungen oder Produktionsschritte vorgezogen haben.
Sollte sich dieser Effekt in der zweiten Jahreshälfte umkehren, wäre dann eine Abkühlung des Wachstums möglich. Trotzdem spricht einiges dafür, dass die Schweizer Wirtschaft derzeit kerngesund ist, was der Notenbank viele Spielräume verschafft. Dinge, von denen man jenseits der Schweizer Grenzen in Euroland nur träumen kann.
Und so erlebt die Schweiz derzeit tatsächlich eine wirtschaftliche Traumkonstellation aus kräftigem Wachstum bei gleichzeitig kaum vorhandenem Preisdruck.
Es gibt nur ein einziges Risiko: Die Banken mit dem Koloss UBS mittendrin würden bei Problemen in ihren Bilanzen das ganze schöne Konstrukt zum Einsturz bringen. Aber wir wollen ja nicht unken.
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Fragen zum Thema
Warum wächst die Schweizer Wirtschaft derzeit so stark?
Der wichtigste Wachstumstreiber war im zweiten Quartal die chemisch-pharmazeutische Industrie. Zugleich nahm die Wertschöpfung in zahlreichen weiteren Branchen zu, und auch die Binnennachfrage erholte sich. Das könnte dafür sprechen, dass der starke BIP-Anstieg nicht nur ein statistischer Ausreißer ist. Nach Einschätzung der Commerzbank könnte es aber auch Vorzieheffekte gegeben haben, weil Unternehmen angesichts der Zollstreitigkeiten mit den USA Lieferungen oder Produktionsschritte vorgezogen haben.
Warum steigen die Energiepreise, nicht aber die Schweizer Inflationsrate?
Ein Grund dafür ist der Schweizer Franken: Mit dem Ausbruch des Irankriegs begann eine Flucht in sichere Häfen. Das führte zu einem Aufwertungsdruck für den Franken – den die Notenbank diesmal zuließ. Denn ein starker Franken, so die Überlegung, könnte helfen, die steigenden Energiepreise im Land abzufedern.
Gibt es gar keine Risiken für die Schweizer Wirtschaft?
Doch. Sie liegen vor allem im Bankensektor. Allein die Großbank UBS hat eine Bilanzsumme, die das jährliche BIP der Schweiz übersteigt. Käme es dort zu einer Schieflage, gerieten der Schweizer Staat und die Notenbank bei einer Bankenrettung in massive finanzielle Schwierigkeiten. Die Folge wäre dann wohl eine Abwertung des Franken, was so eine Krise verschärfen würde.