Mit der üblichen Militärparade erinnerten die Russen am wichtigsten Feiertag des Landes, am 9. Mai, an den Sieg über das Dritte Reich. Zumindest ein wenig Anlass zum Feiern gibt es endlich auch wieder am russischen Aktienmarkt. Denn nachdem der Leitindex RTS im Januar auf den tiefsten Stand seit 2009 gerutscht war, geht es seitdem endlich wieder aufwärts mit den Notierungen.

Vorweg marschiert der MICEX. Dieser in Rubel berechnete Landesindex erreichte im April sogar ein neues Rekordhoch. Ein Ereignis, von dem ausländische Investoren, die mit dem RTS vorliebnehmen müssen, nur träumen können. Denn der auf Dollarbasis berechnete RTS notiert auch nach der jüngsten Erholung noch immer um rund 63 Prozent unter der im Jahr 2008 aufgestellten Bestmarke. Die Landeswährung ist daher der Faktor, der ausländischen Anlegern das Geldverdienen in Russland schwer macht. Denn in den vergangenen Jahren wertete der Rubel gegenüber Dollar und Euro stetig ab.

Der entscheidende Taktgeber ist der Ölpreis. Steigen die Notierungen für das schwarze Gold, hilft das tendenziell dem Rubel und dem RTS auf die Sprünge. Bei fallenden Ölpreisen geht es hingegen für beide nach unten. In diesem Jahr erwies sich der steigende Ölpreis bisher als wichtigste Kursstütze. Erklären lässt sich das anhand der Bedeutung, die Öl und andere Rohstoffe als Schmiermittel für die russische Wirtschaft haben.

Öl als wichtigste Einnahmequelle



Der starke Verfall des Ölpreises von Mitte 2014 bis Anfang 2016 war vor diesem Hintergrund sicherlich eine größere Bürde für Russland als die viel diskutierten Sanktionen, die der Westen im Zuge der Krim-Krise gegen das Land verhängte. Negative Ereignisse wie diese ließen 2015 nicht nur die Wirtschaft schrumpfen (minus 3,7 Prozent zum Vorjahr), sondern auch die Preise deutlich steigen (plus 15,5 Prozent). Besserung soll eine Rückbesinnung auf im eigenen Land hergestellte Produkte bringen. Im Grunde keine schlechte Idee, allerdings wird eine erfolgreiche Umsetzung durch alte sozialistische Prinzipien erschwert. Der angestrebte Wandel wird quasi von oben herab befohlen.

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Schrumpfende Bevölkerung



Ein ungelöstes Problem ist die demografische Entwicklung. Prognosen sagen von 2015 bis 2050 einen Rückgang der russischen Bevölkerung von 143,5 Millionen auf 128,6 Millionen Menschen voraus. Reagiert die Politik nicht und belässt im Staatshaushalt alles beim Alten, wird laut S&P Global Ratings die Nettoverschuldung bis 2050 auf über 250 Prozent des Bruttoinlandsprodukts steigen. Dank der vor einigen Jahren noch sprudelnden Öleinnahmen ist die Schuldenlast derzeit noch tragbar.

Dennoch signalisieren die zuletzt angefallenen Defizite Handlungsbedarf. Ein neues Hilfsmittel soll den Staatssäckel füllen: die an Staatsunternehmen gerichtete Vorschrift, mindestens 50 Prozent der Gewinne auszuschütten - eine deutliche Erhöhung gegenüber den bisher üblichen 25 Prozent. Von der Regelung, die bis 2019 gelten soll, erhofft sich der Staat Mehreinnahmen von 100 Milliarden Rubel (1,34 Milliarden Euro). Als größte Dividendenzahler an den Staat sind die Energiekonzerne Gazprom, Rosneft und Bashneft sowie der Diamentenproduzent Alrosa betroffen.

Wird die Regel durchgesetzt, hätte das auch aus Anlegersicht erhebliche Folgen. Im Fall von Gazprom müsste sich die Ausschüttung nach Berechnungen von Renaissance Capital auf 16,60 Rubel je Aktie erhöhen. Beim Aktienkurs von derzeit 159 Rubel würde das auf eine Dividendenrendite von über zehn Prozent hinauslaufen. Aber Russland wäre nicht Russland, bestünden nicht Zweifel an der Wirkung dieser Vorgabe. Die Bedenken kommen daher, dass frühere Vorschriften dieser Art nie konsequent eingehalten wurden.



Trotzdem könnte die Dividende ein Argument sein, wieder mehr Anleger für russische Aktien anzulocken. Zumal es auch abseits der Staatsunternehmen den einen oder anderen Titel mit ansehnlichen Ausschüttungssätzen gibt. Ob die oft als Kaufargument angeführte niedrige Bewertung als Investitionsgrundlage taugt, hängt vom Blickwinkel ab: Das optisch günstige Indexkurs-Gewinn-Verhältnis des RTS von etwa sieben auf Basis der Gewinnschätzungen für die nächsten zwölf Monate liegt sogar etwas über dem Schnitt der jüngsten fünf Jahre von 6,6. Wobei auch früher schon mangelnde Rechtssicherheit und fehlende Transparenz zu Bewertungsabschlägen führten.

Engagements in Russland bleiben eine Wette darauf, dass der Ölpreis und Unternehmensgewinne wieder steigen und die Sanktionen aufgehoben werden. Mitmischen sollten nur spekulativ veranlagte Anleger mit dickem Fell. Denn im Guten wie im Bösen ist Russlands Börse stets für eine Überraschung gut.



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