Vor allem die mächtigen Großinvestoren redeten Klartext: "Selten wurde ein Konzern so ins Chaos gestürzt", schimpfte Fondsmanager Ingo Speich von Union Investment. "Die Informationspolitik ist gelinde gesagt eine Katastrophe", setzte Winfried Mathes vom Sparkassen-Fondsanbieter Deka oben drauf.

Dabei begrüßen die Eigner eigentlich Reitzles Plan, aus Linde und Praxair den weltgrößten Anbieter von Industriegasen zu formen. "Grundsätzlich stehen wir als langfristig orientierter Investor sinnvollen Fusionsvorhaben offen gegenüber", sagte etwa Hendrik Schmidt vom Vermögensverwalter Deutsche Asset Management. Doch die Reputation hat gelitten. Die Zustimmung der Aktionäre für das Top-Management fiel deshalb nicht so gut aus wie im vergangenen Jahr, als der Vorstand mit fast 100 Prozent und der Aufsichtsrat mit fast 98 Prozent entlastet wurden. In der diesjährigen Einzelabstimmung kam Reitzle auf gut 94 Prozent und lag damit hinter Vorstandschef Aldo Belloni und dessen Vorgänger Wolfgang Büchele mit jeweils mehr als 96 Prozent.

AUS ZWEI MAL GUT SOLL WELTKLASSE WERDEN



Linde/Praxair würde mit einem gemeinsamen Umsatz von rund 30 Milliarden Euro und rund 90.000 Mitarbeitern den französischen Rivalen Air Liquide überholen. "Wir machen aus zwei guten Unternehmen ein Weltklasseunternehmen", warb Reitzle für den Plan, dessen Stand er am Tag vor der Hauptversammlung im Reuters-Interview erläutert hatte. Belloni bekräftigte, beide Konzerne ergänzten sich geografisch und hätten Größenvorteile beim Einkauf sowie bei Forschung und Entwicklung. Damit ließe sich auch eine Wirtschaftskrise besser überstehen. Daniel Bauer von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) begrüßte das Vorhaben ebenfalls, kritisierte aber, dass Linde und Praxair beim Umtauschverhältnis beider Aktien gleich hoch bewertet werden sollen. Zwar sei Praxair profitabler, doch sei Linde größer und habe mehr Potenzial, sagte er. "Eigentlich müsste das Verhältnis eher 60 zu 40 zugunsten der Linde-Aktionäre sein."

Rund lief es bei dem Vorhaben von Anfang an nicht: Nach einem gescheiterten ersten Anlauf hatten im vergangenen Jahr der damalige Linde-Chef Büchele und Finanzvorstand Georg Denoke den Konzern verlassen. Reitzle räumte ein "Zerwürfnis im Vorstand" infolge "fundamental unterschiedlicher Vorstellungen" ein. Denokes Weggang stehe allerdings nicht im Zusammenhang mit den Fusionsgesprächen. Nun will Reitzle mit dem von ihm installierten Belloni einen zweiten Anlauf nehmen.

"MICH STÖRT DIESES DURCHDRÜCKEN"



Der 68-jährige Reitzle prägte Linde bereits viele Jahre als Vorstandschef. "Wir wissen, dass Sie das Unternehmen als Lebenswerk ansehen. Das ist auf dem ersten Blick auch nichts Verwerfliches", sagte Deka-Mann Mathes. "Allerdings gewinnt man den Eindruck, dass Sie dem Vorstand die ganze Übernahme aus der Hand nehmen." In diese Kerbe schlug auch die Kleinaktionärsvertreterin Daniela Bergdolt. "Mich stört das, dieses Pressen auf Gedeih und Verderb, dieses Durchdrücken, ohne links und rechts zu schauen", sagte die Vizechefin der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW).

Bergdolt monierte, dass Linde die Aktionäre nicht auf der Hauptversammlung über den Plan abstimmen lassen will. Sie erkenne zwar an, dass bisher noch kein Fusionsvertrag vorliege. Dieser soll nach Bellonis Worten bis Ende Juni fertig sein. Bergdolt drohte aber mit einer Klage für den Fall, dass Linde bei seiner Auffassung bleibt, dass das geplante Angebot an die Aktionäre zum Umtausch ihrer Aktien eine formelle Abstimmung ersetzt. Die DSW behalte sich vor, diese Frage vor Gericht prüfen zu lassen.

Reitzle und Belloni entgegneten, durch den geplanten Umtausch seien die deutschen Aktionäre sogar besser gestellt als bei einer formellen Abstimmung auf einer Hauptversammlung. Denn Voraussetzung für die Fusion sei, dass mindestens 75 Prozent der Aktionäre das Angebot annehmen. So könne jeder Aktionär die Entscheidung für sich treffen. Bei Praxair ist dagegen nach US-Recht nur eine Mehrheit von mindestens 50 Prozent auf der Hauptversammlung vorgesehen.

Ende April protestierten bereits Tausende Linde-Mitarbeiter gegen die Fusion. Sie fürchten um Arbeitsplätze und den Wegfall ihrer Mitbestimmung im Aufsichtsrat, wenn der Konzernsitz wie geplant ins Ausland verlegt wird. Belloni nannte am Mittwoch Irland als bevorzugten Firmensitz und betonte zugleich, der ohnehin geplante Stellenabbau in Deutschland falle mit der Fusion geringer aus als ohne die Fusion. Die Arbeitnehmervertreter im paritätisch besetzten Aufsichtsrat haben angekündigt, geschlossen gegen die Fusion zu stimmen. Reitzle will im Falle einer Kampfabstimmung von seinem doppelten Stimmrecht Gebrauch machen - und das Projekt so durchboxen.

rtr