Bayer will für 66 Milliarden Dollar den US-Saatgutriesen Monsanto kaufen - ein Konzern, der seit Jahren wegen gentechnisch veränderter Produkte, des umstrittenen Unkrautvernichters Glyphosat und aggressiven Geschäftspraktiken am Pranger steht.

Bei seiner ersten Hauptversammlung als Bayer-Vorstandschef muss sich Werner Baumann am Freitag in Bonn auf besonders lautstarke Proteste gefasst machen - und sich den Fragen von Kritikern des Zukaufs stellen.

Noch vor einem Jahr hatte Baumann bei der Stabsübergabe durch seinen Vorgänger Marijn Dekkers beschworen, dass er keinen fundamentalen Strategiewechsel anstrebe. Er wolle aber "strategische Gestaltungsspielräume" nutzen. Nur 20 Tage später erfuhren Investoren, was Baumann darunter versteht: Bayer bestätigte Gespräche über eine Übernahme von Monsanto. Im September war der Deal dann eingetütet. Die Leverkusener legen für den Saatgutriesen so viel auf den Tisch wie nie zuvor ein deutsches Unternehmen für einen Zukauf ausgegeben hat.

"Bayer hat gezeigt, dass sie große Deals gut verarbeiten können, da mache ich mir keine Sorgen", sagt der Rechtsanwalt Marc Tüngler, der den größten deutschen Aktionärsverein DSW auf der Hauptversammlung vertritt. "Wir wollen aber wissen, was die Monsanto-Übernahme mit dem Konzern macht. Ich habe Sorge, dass das Pharmageschäft aus dem Fokus rückt und will wissen, wie es dort weitergeht." Denn nach Einschätzung Tünglers ist es gerade das Pharmageschäft, das Bayer in den vergangenen Jahren zwischenzeitlich zum wertvollsten Unternehmen im Dax gemacht hat. Das hat womöglich auch Begehrlichkeiten bei ausländischen Pharmariesen an einer Übernahme der Leverkusener geweckt. Mit der Monsanto-Übernahme schütze Baumann Bayer davor, selbst gekauft zu werden, lobt Tüngler. Der Preis dafür sei ein Unternehmen mit einem anderen Risikoprofil.

KEINE ABSTIMMUNG DER BAYER-AKTIONÄRE ÜBER MONSANTO-DEAL



Während sich Monsanto im Dezember grünes Licht von seinen Aktionären für den Kauf durch Bayer geholt hat, dürfen die Investoren von Bayer darüber nicht abstimmen. Das stößt manchen bitter auf: "Wir sind im Grundsatz der Meinung, dass im Falle eines Übernahmeangebots eine außerordentliche Hauptversammlung einberufen werden sollte, in der die Aktionäre über das Übernahmeangebot beraten und gegebenenfalls gesellschaftsrechtliche Maßnahmen beschließen können", sagt Michael Schmidt, Geschäftsführer bei der Fondsgesellschaft Deka im "FAZ"-Interview. Das Netzwerk "Coordination gegen Bayer-Gefahren", dem nach eigenen Angaben die Stimmrechte von Hunderten von Kleinaktionären übertragen wurden, hat zur Hauptversammlung mehrere Gegenanträge eingereicht. Der Verein fordert unter anderem eine Nicht-Entlastung von Vorstand und Aufsichtsrat "weil die Akquisition zahlreiche Gefahren heraufbeschwört". Zudem ist eine Demonstration unter dem Motto "Stop Bayer/Monsanto!" geplant, bei der unter anderem die Grünen-Politikerin Renate Künast als Rednerin angekündigt ist.

Knapp 200 internationale Organisationen, darunter Greenpeace, der BUND und der Naturschutzbund NABU haben die EU-Kommission Ende März in einem offenen Brief aufgefordert, die geplanten Zusammenschlüsse im Markt für Pflanzenschutzmittel und Saatgut abzulehnen. Sie fürchten, dass diese die Abhängigkeit der Landwirte erhöhen und den Einsatz von gefährlichen Chemikalien befördert. Denn neben der Monsanto-Übernahme stehen mit dem Kauf der Schweizer Syngenta durch Chemchina und der Fusion der US-Konzerne DuPont und Dow Chemical noch zwei weitere Mega-Deals an. Beide wurden von den EU-Wettbewerbshütern schon unter Auflagen genehmigt, bei Bayer/Monsanto steht die Zustimmung noch aus.

Für seine Übernahmepläne hat Bayer reichlich Kritik geerntet, auch wenn der Zukauf nach Einschätzung von Fachleuten strategisch sinnvoll ist. Gemeinsam mit Monsanto steigt Bayer zum weltweit größtem Anbieter von Pflanzenschutzmitteln und Saatgut auf. Die Amerikaner sind aber auch Entwickler des Unkrautvernichtungsmittels Glyphosat, das im Verdacht steht, krebserregend zu sein. "Was hat Bayer vor, dass Monsanto eine bessere Reputation bekommt?", fragt denn auch DSW-Hauptgeschäftsführer Tüngler. "Es gibt noch ein paar Unbekannte, aber im Kern sind wir für den Deal."

rtr