Frau Prof. Kemfert, der Strommarkt in Deutschland steht angesichts der Pläne von E.ON und RWE vor einer grundlegenden Neuordnung. Die scheidende Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries hat die Pläne bereits begrüßt. Es sei positiv, wenn es in wenn es in Deutschland wettbewerbsfähige und international orientierte Energieversorger gibt", sagte sie am Montag morgen. Eine Konzentration auf bestimmte Geschäftsfelder könne "notwendige Investitionen bei Erzeugung und Verteilnetzen befördern." Teilen Sie diese Einschätzung?


Für die Energiewende ist diese Entwicklung eher besorgniserregend: zum einen ist kaum zu erwarten, dass RWE die Energiewende wirklich voranbringen wird. Anders als Eon hat dieser Konzern in der Vergangenheit sehr rückwärtsgewandte Unternehmensentscheidungen getroffen und kaum Geschäftsmodelle für erneuerbare Energien entwickelt. Dass Innogy kaum lebensfähig ist, ist die direkte Konsequenz aus diesen wenig innovativen Managemententscheidungen. Zum anderen will Eon sich nun in erster Linie auf das Netzgeschäft konzentrieren, obwohl es nach der Aufspaltung durchaus interessante Geschäftsmodelle für die Energiewende entwickelt hat. Dass dies nun aufgegeben wird, ist für die Energiewende ein Rückschlag.

E.ON und RWE haben sich angesichts der Energiewende in Deutschland vor kaum zwei Jahren doch komplett neu aufgestellt. Jetzt wird das Ergebnis schon wieder auf den Kopf gestellt. Auf manche Beobachter wirken die neuen Pläne daher eher wie eine Verzweiflungstat?


Die Energieriesen scheinen keine geeigneten Geschäftsmodelle für die Energiewende zu finden, sie können offenbar nur großskalige Projekte umsetzen und tun sich schwer mit den neuen Geschäftsmodellen der Energiewende, die dezentral, erneuerbar, innovativ, flexibel und dynamisch sind. Eigentlich war die neue E.ON Ausrichtung schon geeignet gewesen, sich den Markt der Energiewende zu erschließen. Dass das Unternehmen nun ausgerechnet den Bereich der erneuerbaren Energien an RWE abgibt, ist für die Energiewende ein Rückschritt.

Im Zuge der Neuordnung soll RWE auch eine Minderheitsbeteiligung von 16,67 Prozent an E.ON erhalten. Gibt es aus Ihrer Sicht kartellrechtliche Bedenken?


Das werden die Kartellbehörden entscheiden. Insbesondere wird die starke Marktkonzentration auf die Stromnetze sicherlich genau geprüft werden.

Was bedeuten die Pläne der beiden Energieriesen für die Strompreise in Deutschland? Wird Strom für Verbraucher jetzt noch teurer?


Die Befürchtung auf steigende Strompreise teile ich nicht unmittelbar, da die Strompreise derzeit ohnehin schon zu hoch sind, da die niedrigen Strombörsenpreise nicht an die Kunden weiter gegeben werden und überhöhte Netzentgelte samt Leitungsausbau, Kohleabwrackprämien und Verschleppung der Energiewende den Strompreis nach oben treiben. Mögliche Marktmacht könnte in erster Linie durch EON und den Zukauf der Netze entstehen. Dieser Bereich ist aber reguliert und somit können überhöhte Strompreise durch kluge Regulierung verhindert werden, was leider aber -unabhängig von der Marktstruktur- derzeit nur unzureichend stattfindet. Die derzeitigen Traumrenditen für Netzbetreiber ermöglichen stark steigende Netzentgelte und somit Strompreise, dieser Effekt kann durch die Marktfusion weiter verstärkt werden. Die Strompreise steigen seit einiger Zeit aufgrund der vermurksten Energiewende, unabhängig von der Anzahl der Stromanbieter.

Die Verbraucherzentrale Bundesverband rechnet aber mit sinkenden Preisen. Ist das also eher Wunschdenken?


Sinkende Preise kann es nur dann geben, wenn die Netzentgelte sinken könnten, durch Verminderung der Traumrenditen für Netzbetreiber und wenn die Stromanbieter sinkende Beschaffungskosten auch an die Verbraucher weitergeben würden. Da beides nur unzureichend durch politische Maßnahmen umgesetzt wird, bleibt den Stromkunden nur, öfter den Anbieter zu wechseln und vor allem aus dem Grundversorgertarif herauszugehen. Unsere Studien zeigen, dass noch immer zu viele Stromkunden den teuren Grundtarif bezahlt, durch gezieltes Wechseln ließen sich die Stromkosten deutlich mindern.

Und für Unternehmen?


Stromintensive Unternehmen profitieren ohnehin von den niedrigen Strombörsenpreisen und den vielen Ausnahmen, die Ihnen gewährt werden. Für die anderen Unternehmen gilt auch das, was für Haushalte zählt: den Anbieter so oft wie möglich wechseln und alles tun, um Energie einzusparen.

RWE hat sich mit der Abspaltung von Innogy auf die traditionelle Stromerzeugung konzentriert. Jetzt holt sich der Konzern das Geschäft mit erneuerbaren Energien wieder zurück. Ist das nicht das Eingeständnis eines fundamentalen strategischen Fehlers?


Das Geschäftsmodell von Innogy war von Anfang an nicht wirklich überzeugend, sodass es zu dieser Entwicklung kommen musste. Dass sich Unternehmen für die Übernahme von Innogy interessieren, ist seit einiger Zeit bekannt. Der strategische Fehler wird vor allem zu Lasten der Energiewende gehen.

Welche Folgen werden die Pläne für die Arbeitsplätze bei den Unternehmen haben? Rechnen Sie hier mit deutlichen Stellenstreichungen und falls ja: In welcher Höhe?


Aus heutiger Sicht ist ja noch nicht bekannt, ob dieser Deal tatsächlich wie gewünscht umgesetzt werden kann. Daher ist es völlig offen, welche Stellen verlagert werden oder wegfallen. Durch eine kluge Ausrichtung auf die Geschäftsmodelle der Energiewende könnten mittel- bis langfristig zukunftsweisende Jobs gesichert werden. Das Management hat es selbst in der Hand, die Beschäftigten diese Chancen zu ermöglichen.