Der globale Pharmamarkt befindet sich im Umbruch. Die jährlichen Wachstumsraten werden sich im Zeitraum 2017 bis 2022 auf 5,4 Prozent beschleunigen. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Branchenstudie der Unternehmensberatung Deloitte. In Zahlen ausgedrückt bedeutet das einen Umsatzanstieg von 7,7 auf 10,1 Billionen US-Dollar. Die wesentliche treibende Kraft ist die zunehmende Alterung der Weltbevölkerung und die damit verbundenen höheren Gesundheitsausgaben.

Nach Jahren der Gewinnflaute hat sich die Pharmaindustrie neu aufgestellt. Die Forschung wurde verschlankt, die Konzerne beschränken sich auf weniger Krankheitsfelder. Darüber hinaus lassen sich mithilfe der genetischen Diagnostik die Patientenzahlen für klinische Studien und damit die Kosten verringern. "Der Trend zur personalisierten Medizin spielt dabei eine wichtige Rolle, wenn mithilfe von Biomarkern die Patientenpopulation, die für klinische Wirksamkeitstests von neuen Präparaten infrage kommt, genauer eingegrenzt werden kann", erklärt Andreas Bischof, geschäftsführender Gesellschafter des Vermögensverwalters Nova Funds. Ein wichtiger Schritt zur Kostenkontrolle bei Pharmafirmen sei, die kostspielige Produktion von biologischen Substanzen auszulagern, so der Experte.

Spielt die Biotechbranche ihre Innovationskraft vor allem bei neuen Technologien und in kommerziell lukrativen Nischenindikationen aus, dominiert "Big Pharma" weiter bei den Volkskrankheiten. "Je größer der Absatzmarkt für einzelne Krankheiten, umso wichtiger wird die Erfahrung bei klinischer Entwicklung, regulatorischen Erfordernissen und Vermarktung", sagt Daniel Wendorff, Analyst bei der Commerzbank. "Aus diesem Grund werden Pharmafirmen bei Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Autoimmunerkrankungen oder Krebs auch in Zukunft den Ton angeben."

Für Hanns Frohnmeyer, Senior Portfolio Manager bei BB Adamant, ist für die Profitabilität entscheidend, dass die Pharmakonzerne ihre Forschungs- und Entwicklungsausgaben auf wenige Indikationen fokussieren. "Mit einer Spezialisierung können auch die Vertriebsteams effizienter eingesetzt werden", erläutert der Fondslenker. "Außerdem lässt sich die Wertschöpfungskette der biotechnologisch hergestellten Präparate über die Entwicklung und Produktion von Biosimilars verlängern", so der Experte weiter.

Biosimilars - das sind Nachahmerprodukte sogenannter Biopharmazeutika, deren Patentschutz abläuft. Anders als mit den Generika chemischer Substanzen, bei denen ein knallharter Preiskampf herrscht, erzielen Biosimilars höhere Margen. Wegen ihrer komplexen Molekülstruktur ist ihre Herstellung aber aufwendig. Eine neue Produktionsanlage kostet schon einmal 250 Millionen US-Dollar. Dazu kommen weitere Kosten für klinische Studien, denn die Kopien müssen den Nachweis erbringen, dass sie genauso wirksam sind wie die Originalprodukte.

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Substanz und Wachstumsfantasie


Börsianer schätzen Pharmafirmen wegen der stabilen Margen und Cashflows als solide, defensive Investments. Das zeigte sich wieder im Herbst 2018, als sich der Sektor während der allgemeinen Ausverkaufswelle an den Finanzmärkten gut behauptete. Mit Blick auf andere Segmente des Gesundheitsmarkts wie Biotech sind Pharmaaktien inzwischen allerdings nicht mehr günstig bewertet (siehe Balkengrafik Seite 20). Gleichwohl kommen einzelne Pharmakonzerne aktuell auf ein höheres Umsatz- und Gewinnwachstum als zahlreiche Biotech-Schwergewichte. Für Analyst Wendorff bleibt der Pharmasektor indes im unteren Bereich seines langjährigen Schnitts niedrig bewertet: "Damit preist der Markt Unsicherheitsfaktoren ein, die von den USA durch politischen Druck auf die Medikamentenpreise kommen könnten."

Mit seinem Mix aus Wachstum und Profitabilität ist Pharma ein wichtiger Baustein für Anlegerdepots. Entscheidend bei der Titelauswahl ist, dass neue Produkte und Technologien auf der Umsatz- und Gewinnseite einen neuen Wachstumsschub für die nächsten Jahre generieren. Dazu kommt ein kontinuierlich hoher Cashflow, der in neue Technologien, Forschungsallianzen und Akquisitionen fließt. Firmen, die hier überdurchschnittlich abschneiden, können von ihrer Aktienbewertung her durchaus mit einem Aufschlag gegenüber dem gesamten Sektor gehandelt werden.

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Fünf Ertragsperlen


AstraZeneca fällt in diese Kategorie. Der britische Konzern hat mittlerweile seine zahlreichen Patentabläufe gut gemeistert und vor allem in der Krebsmedizin für reichlich Nachschub an neuen Produkten gesorgt. Mit diesen neuen Medikamenten hat es die Firma geschafft, sich neue Wachstumsmärkte wie China zu erschließen. Nach einem Übergangsjahr 2019 erwarten die Analystenschätzungen bis 2021 ein durchschnittliches Gewinnwachstum von 25 Prozent. Im Auftaktquartal 2019 toppte AstraZeneca mit seinem Zahlenwerk die Erwartungen.

Der französische Konzern Sanofi hat einen größeren Umbruch hinter sich. Anders als viele Wettbewerber bleibt Sanofi bei den Krankheitsfeldern breit aufgestellt. Global führend ist die Firma mit ihren Impfstoffen. Dazu kommt die Sparte für rezeptfreie Medikamente. Das durchschnittliche Gewinnwachstum soll in den nächsten drei Jahren auf 18 Prozent anziehen - was im Aktienkurs noch längst nicht eingepreist ist. Novartis aus der Schweiz hat sich Anfang April mit der Abspaltung der Augenheilsparte Alcon seines größten Sorgenkinds entledigt. Zugleich wurde das Biosimilargeschäft der Tochter Sandoz durch eine Kooperation gestärkt. Diese soll ein Nachahmerprodukt zu Herceptin, einem der umsatzstärksten Krebsmittel, auf den Markt bringen. Das operative Geschäft läuft: Ende April hat das Management nach den starken Quartalszahlen die Prognose für das Gesamtjahr erhöht.

Der US-Konzern Johnson & Johnson nimmt wegen seiner Struktur eine Sonderrolle ein. Unterteilt ist das Geschäft in die drei Bereiche Pharma, Medizintechnik und Konsumprodukte wie Mundspülungen oder Cremes. Vorwürfe, dass ein Babypuder asbestbelastet sei, sorgten im Dezember für einen Kurseinbruch. Seitdem hat sich die Aktie erholt. Das starke Pharmageschäft, die größte Sparte, legte dank neuer Produkte und einzelner Zukäufe im letzten Quartal um acht Prozent zu - und liefert weiter Kaufargumente.

Dank seiner aussichtsreichen Produktpipeline und der weiterhin moderaten Bewertung ist Merck & Co. unser aktueller Favorit. Insbesondere in der Krebs- und Impfstoffsparte hat das Unternehmen einige Produkte mit Milliardenumsätzen auf den Markt gebracht, die ihre beste Zeit noch vor sich haben. Größter Hoffnungsträger ist Keytruda, ein völlig neuartiger Ansatz in der Krebstherapie. Dabei wird das körpereigene Immunsystem aktiviert, die Tumorzellen anzugreifen. Mit einem satten Umsatzplus von 55 Prozent auf 2,3  Milliarden US-Dollar hatte Keytruda einen wesentlichen Anteil daran, dass Merck im ersten Quartal 2019 bei Umsatz und Gewinn die Erwartungen übertraf.

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Auf einen Blick: Pharma