Die Worte klingen wie aus einer längst vergangenen Zeit. Dabei ist es nur gut sechs Jahre her, dass Chakib Khelil eine düstere Prophezeiung wagte: Sollte der Iran im Zuge des damals schwelenden Streits um Teherans Atomprogamm kein Öl mehr liefern dürfen, so der Präsident der OPEC 2008, könne der Preis explodieren. "200, 300 oder 400 Dollar pro Fass sind vorstellbar." Heute wäre die OPEC schon froh, wenn sich Öl über der Schwelle von 50 Dollar je Barrel (159-Liter-Fass) hielte.

Seit vergangenem Juni ist Erdöl der US-Sorte WTI von 107 Dollar je Fass in der Spitze auf gut 45 Dollar gefallen, die Nordseesorte Brent hat sich seit Jahresbeginn um 15 Prozent verbilligt. Nach Jahren von Preisen jenseits der Marke von 100 Dollar scheinen die Zeiten dreistelliger Notierungen vorerst vorüber.

Unruhen in Förderländern wie Libyen und Nigeria oder der Ukraine-Konflikt kümmern an den Ölmärkten derzeit niemanden. Dort hat sich ein gewaltiges Überangebot aufgebaut. Grund ist vor allem die neue Fördertechnologie Fracking: Dank des Schieferölbooms fördern die USA so viel Öl wie seit 31 Jahren nicht mehr, binnen sechs Jahren haben sie den Ausstoß um 80 Prozent gesteigert. Daneben fördert Kanada so viel Ölsand aus dem Alberta-Becken im Westen des Landes, wie der Boden hergibt.

Das stetig wachsende Ölangebot aus Förderländern jenseits der OPEC-Staaten setzt das Kartell unter Druck. Saudi-Arabien fürchtet, Marktanteile an die US-Konkurrenz zu verlieren, und lehnt eine Kürzung der Fördermenge ab - selbst auf Kosten niedrigerer Preise. Auf der OPEC-Konferenz Ende November setzten sich die Saudis durch, die Fördermenge bleibt bei gut 30 Millionen Fass täglich. Denn anders als arme OPEC-Länder wie der Iran, Venezuela und Nigeria kann Saudi-Arabien niedrige Ölpreise eine Weile aushalten. Energieminister Ali Al-Naimi betonte, es sei nicht im Interesse Riads, die Produktion zu kürzen, "selbst wenn der Preis auf 20 Dollar fällt".

Zudem wächst die globale Ölnachfrage nur langsam. Für Europa und Asien hat die Internationale Energiebehörde IEA ihre Prognose für 2015 jüngst reduziert. Das Ergebnis: An den Märkten werden ihr zufolge täglich 1,5 Millionen Barrel mehr angeboten als nachgefragt.

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Gegenbewegung ja - aber wann?

Etliche Banken glauben daher, dass der Verfall in den kommenden Monaten noch weitergeht. Erst kürzlich halbierte die Investmentbank Goldman Sachs ihre Prognose fürs Jahr 2015: Sie rechnet im zweiten Quartal des Jahres mit einem Preis von 40,50 Dollar je Barrel bei WTI-Öl und mit 42 Dollar bei Brent. Die Bank of America sieht Brent-Öl Ende des ersten Quartals sogar schon bei 31 Dollar.

Morgan Stanley wiederum vergleicht die derzeitige Lage mit dem Verfall der Jahre 1985/86. Auch damals war der Ölpreis über Jahre relativ konstant, ebenso wuchs das Angebot aus Ländern jenseits der OPEC bei zugleich schwacher Nachfrage - und der Preis brach heftig ein. Binnen weniger Monate fiel Öl von 30 auf unter zehn Dollar. Doch in den Folgejahren stieg es wieder auf 20 Dollar. Eine solche Gegenbewegung erwarten die Experten auch dieses Mal - früher oder später.

Denn mit dem Preisverfall geraten die Frackingbetriebe nun selbst unter Druck. Bei den aktuellen Preisen ist die relativ teure Fördermethode für einige Firmen unrentabel. "Die Unternehmen in den USA können die Verluste eine gewisse Zeit auffangen", sagt Martin Hüfner, Chefvolkswirt beim Vermögensverwalter Assenagon, "aber irgendwann kommt die Stunde der Wahrheit." Er erwartet Betriebsschließungen und Insolvenzen. Erste Anzeichen gibt es schon: Seit Oktober ist die Zahl der aktiven Bohrlöcher in den USA von 1609 auf 1421 gefallen. Vor Kurzem wurden in einer Woche 61 Löcher geschlossen, der stärkste Rückgang seit 1991.

Und die Kurse von Hochzinsanleihen, mit denen viele amerikanische Frackingbetriebe neue Bohrungen finanzieren, sind teilweise bis auf 50 Prozent des Nennwerts eingebrochen. Goldman Sachs erwartet Ausfälle, sollte der Ölpreis über Monate bei 40 Dollar bleiben. All das deutet darauf hin, dass die US-Schieferölschwemme zurückgeht.

So schnell wird das Überangebot aber nicht sinken. Noch seien die Lager randvoll, meldete die US-Energiebehörde EIA kürzlich. Auf Supertankern horten Spekulanten zudem Öl, um es später teurer loszuschlagen. Und bereits finanzierte, gerade erst in Betrieb genommene Förderanlagen produzieren weiter.

So vermutet die Internationale Energiebehörde, dass eine nachhaltige Erholung der Preise noch nicht unmittelbar bevorsteht. Die Experten der österreichischen Raiffeisen Bank rechnen erst ab der zweiten Jahreshälfte mit einer Wende. Ende Dezember 2015 schließlich sehen 45 vom Nachrichtendienst Bloomberg befragte Analysten Brent-Öl deutlich höher: Sie rechnen dann im Schnitt mit gut 73 Dollar je Barrel.