Die Nachfrage ist groß, jetzt entspannt sich auch die Lieferkette. Der Flugzeugbauer steht womöglich vor einem kräftigen Wachstumsschub.

Hinweis: Dieser Artikel erschien zuerst am 08. Juli in der BÖRSE ONLINE-Ausgabe 29/26. Wenn Sie in Zukunft als Erstes die Einschätzung unserer Experten lesen wollen, dann werfen Sie einen Blick auf dieses Angebot.

Der europäische Luftfahrtkonzern Airbus befindet sich wieder im Aufwind. Nach Monaten, die von makro­ökonomischen Unsicherheiten und logistischen Engpässen geprägt waren, zeichnet sich für das zweite Halbjahr eine strukturelle Entlastung ab. Die Kombination aus anhaltend hoher Nachfrage, geopolitischer Entspannung und einer Neubewertung durch führende Wall-Street-Analysten verleiht der Aktie Auftrieb. Ausgehend von ihrem Korrekturtief im April hat sie bereits wieder mehr als 30 Prozent aufgeholt. Das Chartbild hat sich damit spürbar aufgehellt und ein Ende der Fahnenstange ist noch nicht in Sicht.

Bestellungen für zehn Jahre

Rückenwind liefert dabei vor allem das florierende Kerngeschäft, denn die Nachfrage nach den Flugzeugen des Konzerns ist enorm. Allein zwischen Anfang Januar und Ende Mai sind mehr als 800 Bestellungen für kommerziell genutzte Maschinen eingegangen. Damit übertrifft der Auftragseingang in diesem Jahr bereits die gesamten Auslieferungen des Vorjahrs. Besonders begehrt sind dabei weiterhin die Modelle der A320-Familie — speziell die A320neo und die etwas längere A321neo. Im Oktober 2025 hat Airbus damit sogar die 737 des US-Rivalen Boeing als weltweit meistverkauftes Verkehrsflugzeug überholt. Die Folge: Das Orderbuch von Airbus ist prall gefüllt. Der gesamte Auftragsbestand summierte sich zuletzt auf 9.253 Verkehrsflugzeuge mit einem kalkulatorischen Gesamtwert von über 600 Milliarden Euro. Dies bedeutet eine rechnerische Produktionsauslastung von mehr als zehn Jahren, basierend auf den aktuellen jährlichen Auslieferungszielen. Offiziell hält das Management um CEO Guillaume Faury bislang an der Zielgröße von 870 Flugzeugauslieferungen im Jahr 2026 fest. Intern soll nach einer starken Entwicklung im Juli aber bereits von 900 Auslieferungen die Rede sein, berichtete die Nachrichtenagentur Reuters am Montag. Demnach hat Airbus im Vormonat 89 Maschinen an die Kunden übergeben. Insgesamt summiert sich die Zahl der ausgelieferten Flugzeuge im ersten Halbjahr damit auf rund 350 Einheiten. Das entspricht etwa 40 Prozent des Jahresziels und spiegelt die branchenübliche Saisonalität wider. Das zweite Halbjahr ist traditionell durch eine Beschleunigung der Taktzahlen gekennzeichnet. Um das Jahresziel zu erreichen, ist ab Juli eine durchschnittliche monatliche Auslieferungsrate von rund 87 Maschinen erforderlich — ein ambitioniertes, aber angesichts der jüngsten Produktionssteigerungen realistisches Szenario.

Wir erwarten im zweiten Quartal ein starkes Ergebnis.

Ben Heelan Analyst bei der Bank of America (BofA)

Entspannung in der Lieferkette

Zumal sich bei den zuletzt angespannten Lieferketten Besserung abzeichnet. Engpässe bei Triebwerken — insbesondere durch verringerte Lieferzusagen von Zulieferern wie Pratt & Whitney — und Rohmaterialien bremsten zuletzt die Produktion. Nach dem offiziellen Ende des Irankonflikts dürften sich die globalen Logistik- und Frachtketten nun stabilisieren. Die temporären Risikoaufschläge auf Energieträger gehen spürbar zurück. Dies entlastet nicht nur die Margen, sondern sichert auch die kontinuierliche Versorgung der Airbus-Produktionsstandorte mit strategischen Bauteilen. Zudem greifen die internen Gegenmaßnahmen des Konzerns. Airbus hat das operative Risikomanagement durch sogenannte „Watchtowers“ (Frühwarnsysteme) intensiviert und Personal direkt in die Werke kritischer Zulieferer entsandt. Durch ­gezielte finanzielle Unterstützung und die Bereitstellung von Engineering-Ressourcen gelingt es zunehmend, Engpässe abzufedern, bevor sie zu Produktionsstillständen in den Endmontagelinien führen.

Favorit für das dritte Quartal

Diese operative Stabilisierung schlägt sich in den aktuellen Analystenkommentaren nieder. Besonders die Bank of America (BofA) hat mit ihrer jüngsten Studie ein starkes Signal an den Markt gesendet und die Airbus-Aktie in ihre Favoriten-Liste („Best Ideas“) für das dritte Quartal aufgenommen. Neben starken Zahlen für das abgelaufene zweite Quartal erwartet die US-Investmentbank, dass Airbus im Rahmen der Q2-Zahlen am 28. Juli einen formalen, mittelfristigen Gewinnrahmen für das zivile Flugzeuggeschäft vorlegen wird. Dadurch dürfte sich der Fokus weg von volatilen monatlichen Auslieferungsdaten hin zu einer langfristigen Ertragsperspektive verschieben. Das von Analyst Ben Heelan skizzierte Szenario basiert im mittelfristigen Verlauf bis 2027 auf einer monatlichen Produk­tionsrate von 75 Maschinen der A320-Familie und zwölf Maschinen des Typs A350. Unter Berücksichtigung konservativ ­geschätzter jährlicher Forschungs- und Entwicklungskosten (F&E) von drei bis vier Milliarden Euro beziffert die Bank das nachhaltig erzielbare operative Ergebnis (Ebit) im zivilen Kerngeschäft auf rund zehn Milliarden Euro. Zum Vergleich: Im abgelaufenen Geschäftsjahr 2025 hat Airbus ein bereinigtes Ebit von 7,13 Milliarden Euro ausgewiesen. Bis 2028 prognostizieren die von Bloomberg befragten Analysten einen Anstieg des Nettogewinns um durchschnittlich 15,1 Prozent pro Jahr auf 8,29 Milliarden Euro. Das KGV würde dann von derzeit 28,6 auf lediglich 19,4 im Jahr 2028 sinken. Der große Rivale Boeing kommt auf ein geschätztes 2028er-KGV von 27,1.

Fazit

Nach dem deutlichen Rücksetzer zu Jahresbeginn befindet sich die Airbus-Aktie inzwischen wieder im Aufwind. Mit dem Sprung über die 200-Tage-Linie hat sie ein technisches Kaufsignal geliefert und anschließend auch die psychologisch wichtige 200-Euro-Marke zurückerobert. Mit Blick auf die starken operativen Aussichten und den saisonalen Anstieg der Auslieferungen im zweiten Quartal können Neueinsteiger jetzt zugreifen. Wer bereits investiert ist, lässt die Gewinne mit angepasstem Ziel und Stopp laufen.

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