Alle drei Monate überprüft die Deutsche Börse die Zusammensetzung des DAX. Die Redaktion hat nachgerechnet: Welchen Einfluss hat die Entscheidung auf den Aktienkurs eines Unternehmens? Vor allem ein Effekt ist spannend
Traurige Gesichter und Tränen. Beschimpfungen, manchmal auch ein bisschen Randale. Ein Abstieg ist im Profifußball ein emotional herausforderndes Ereignis. Die VfL Wolfsburg Fußball-GmbH gehört zu 100 Prozent dem Volkswagen-Konzern. Der unerwartete Absturz des Werksklubs in die Zweite Bundesliga fällt zusammen mit der zermürbenden Krise der deutschen Automobilindustrie. Der Nettogewinn bei Volkswagen ist allein im vergangenen Jahr um 38 Prozent gefallen, die Aktie ist weit von alten Bestwerten entfernt. Volkswagen muss nicht um seinen Platz im DAX, dem Oberhaus des deutschen Aktienmarktes, fürchten. Die Kursverluste aber schlagen mit voller Wucht auf die Beteiligungsgesellschaft Porsche Holding SE durch, deren wichtigstes Investment VW-Stammaktien sind. Die Konsequenz: Am 22. Juni steigt Porsche in den MDAX ab und wird durch den Baukonzern Hochtief ersetzt. Entscheidendes Kriterium für die Indexzugehörigkeit ist die Marktkapitalisierung der frei handelbaren Aktien.
Anders als beim Fußball wird ein Abstieg in der Finanzwelt ohne große Gefühlsregungen zur Kenntnis genommen. Die Zugehörigkeit zu einem Index habe keine Auswirkungen auf Geschäftsmodell, Strategie oder Finanzkraft des Unternehmens, heißt es bei der Porsche SE. Wie aber sieht es mit der Aktie aus? Der DAX ist der prominenteste deutsche Börsenindex. Die Mitgliedschaft dort bringt nicht nur mediale Aufmerksamkeit. Allein über den ETF-Marktführer iShares sind mehr als acht Milliarden Euro in den DAX investiert.
Börse Online hat die Kursentwicklung der Ab- und Aufsteiger des DAX aus den vergangenen zehn Jahren ausgewertet. Nicht berücksichtigt wurde die Indexerweiterung im September 2021. Auch Wirecard haben wir aufgrund der besonderen Umstände ignoriert. Es bleiben 38 Datenpunkte, jeweils 19 Auf- und Absteiger.
Die erste und offensichtlichste Erkenntnis: Absteiger haben sich in den Monaten vor dem Ereignis deutlich schlechter entwickelt als der DAX, die Aufsteiger besser. Spannend ist ein anderer Punkt: Die Dynamik der Aktienkurse wird durch die Indexentscheidung nicht nachhaltig verändert. Viele Absteiger verlieren in den zwölf Monaten nach dem Abstieg weiter an Wert, bei den Aufsteigern geht es tendenziell weiter nach oben.
Es gibt eine bemerkenswerte Verzerrung: Im ersten Monat nach dem Ereignis haben sich die Absteiger gegen den längerfristigen Trend im Schnitt besser entwickelt als der DAX und auch besser als die Aufsteiger. Diese wiederum verlieren vorübergehend an Dynamik. Das kann ein Hinweis sein, dass Börsianer im Vorfeld der Indexumstellung zu stark auf die Nachricht reagieren und diese Überreaktion dann korrigiert wird.
„Ein historischer Meilenstein unserer Reise“
Warum es nicht reicht
Letztlich steht hinter jedem Unternehmen eine individuelle Investmentstory. Die der Porsche SE ist ungewöhnlich. Schaut man auf Bewertungskennziffern, ist die Aktie extrem günstig. Der Börsenwert liegt weit unter Buchwert, die Dividendenrendite ist größer als das Kurs-Gewinn-Verhältnis. Die meisten Unternehmen wären in dieser Konstellation klare Kaufempfehlungen. Bei der Porsche SE ist die Sache komplizierter. Das Management hat keinen direkten Einfluss auf das operative Geschäft der Beteiligungen. Zudem hängt der Wert des Portfolios nahezu komplett an den beiden Hauptbeteiligungen. Neben VW ist das ein großes Paket mit Aktien des Sportwagenherstellers Porsche AG.
Weil es bei beiden nicht gut läuft, entwickeln sich die Geschäftszahlen der Porsche SE in die falsche Richtung. Das um Wertberichtigungen angepasste Ergebnis nach Steuern sank im vergangenen Jahr um rund acht Prozent auf 2,89 Milliarden Euro. Für das laufende Jahr erwarten Analysten einen weiteren Rückgang. Die Konsensschätzung liegt bei knapp 2,5 Milliarden Euro.
Was wäre möglich für die Aktie? Mehrere Komponenten kommen zusammen. Vom Kurszielwert des Portfolios müssen die Nettoschulden in Höhe von rund fünf Milliarden Euro abgezogen werden, dazu ein Betrag für verbliebene Rechtsrisiken. Unterm Strich bleibt nach Hochrechnung der Deutschen Bank ein theoretischer Wert von 56 Euro je Aktie. Zieht man pauschal 20 Prozent für die Struktur als Beteiligungsgesellschaft ab, bleiben 45 Euro und damit ein Potenzial von mehr als 40 Prozent zum aktuellen Kurs. Nach den deutlichen Kursverlusten wäre zumindest eine Gegenbewegung gerechtfertigt. Eine Voraussetzung dürfte sein, dass sich die gesamtwirtschaftliche Lage verbessert. Eine Spekulation auf eine Gegenbewegung der Aktie sollte mit einem Stoppkurs abgesichert werden.
Völlig anders ist die Konstellation bei Scout24. Seit einem Dreivierteljahr ist der Internetdienstleister im DAX. Die Aktie verhält sich für einen Aufsteiger untypisch. Schon kurz vor der Aufnahme in den Leitindex drehte der Kurs nach unten. In der Spitze hat sich der Börsenwert nahezu halbiert. Und das obwohl die Geschäftsergebnisse die Erwartungen im Wesentlichen erfüllt haben. Wie bei vielen anderen Softwarefirmen ist die Angst vor der disruptiven Kraft künstlicher Intelligenz der Hauptgrund für den Kursrutsch. KI-Assistenten könnten Immobilienangebote aus verschiedenen Quellen zusammensuchen und eine Plattform wie Immoscout24 umgehen. Zugleich könnten die Eintrittsbarrieren für neue Konkurrenten sinken und den Wettbewerb verschärfen.
Scout24 sieht künstliche Intelligenz dagegen als Chance. Ein wichtiges Argument ist die riesige Datenmenge, die das Unternehmen über die vergangenen 25 Jahre gesammelt hat. Die mehr als 19 Millionen Menschen, die Immoscout24 nutzen, vergrößern diesen Fundus kontinuierlich. Gleichzeitig setzt das Unternehmen selbst auf KI-Anwendungen, etwa Chatbots für die Wohnungssuche oder auch Programme, die Makler bei der Erstellung und Aktualisierung ihrer Angebote unterstützen. Mit dem kräftigen Kursrutsch sind die Bewertungskennziffern deutlich geschrumpft. Das KGV ist seit Indexaufstieg um fast ein Drittel gefallen und liegt unter dem längerfristigen Durchschnitt. Die Aktie hat also einen Risikopuffer aufgebaut.
Das Tagesgeschäft von Scout24 entwickelt sich weiterhin gut. Der Analystenkonsens erwartet für das laufende und kommende Jahr Gewinnsteigerungen von mehr als 15 Prozent. Seit Januar kauft das Unternehmen wieder eigene Aktien zurück. Das Programm hat ein Volumen von bis zu 500 Millionen Euro. Das entspricht rund neun Prozent des aktuellen Börsenwerts und ist damit ungewöhnlich groß. Charttechnisch ist die Aktie aus ihrem Abwärtstrend ausgebrochen. Das hat die Chancen im Abstiegskampf verbessert. In der Juni-Rangliste ist Scout24 nicht mehr unter den größten 40 Unternehmen, hat mit Zalando und der Porsche SE aber zwei schlechter positionierte DAX-Werte hinter sich. Sollte es die Immobilienplattform bei der nächsten Indexüberprüfung im September trotzdem erwischen, könnte die Aktie erneut das typische Muster durchbrechen, also trotz Abstieg an Wert gewinnen.
Comeback-Kandidat
In der Warteschleife zum DAX kreist die Lufthansa. Bei der jüngsten Indexüberprüfung hat die Fluggesellschaft erneut keine Landegenehmigung erhalten. In der Juni-Rangliste gehört die Airline aber bereits zu den 40 größten Unternehmen. Das stark zyklische Geschäft macht Prognosen zur Geschäftsentwicklung schwer. Die noch immer angespannte Lage im Nahen Osten bleibt eine Risikoquelle. Der Branchenverband IATA geht in seiner Prognose davon aus, dass sich der Gewinn der Airlines weltweit in diesem Jahr nahezu halbiert. Die Lufthansa will sich von der negativen Stimmung nicht anstecken lassen. Und das obwohl es erhebliche Belastungen gibt. So dürfte die Spritrechnung in diesem Jahr trotz Absicherungsgeschäften um 1,7 Milliarden Euro höher ausfallen. Der Vorstand will solche Belastungen kompensieren durch höhere Erlöse aus dem Ticketverkauf, eine bessere Organisation des Netzwerkes und Kostensenkungen.
Im Auftaktquartal konnte der Kranich Kapazitätskürzungen auf der Kurz- und Mittelstrecke ausgleichen durch ein leichtes Wachstum auf der Langstrecke. Die Frachtsparte profitiert derweil von Ausfällen bei den arabischen Konkurrenten. Die Jahresprognose hat die Lufthansa Anfang Mai bestätigt. Sofern es nicht zu Lieferengpässen beim Treibstoff oder zu weiteren Streiks kommt, sei man trotz gestiegener Risiken der Ansicht, ein Jahresergebnis deutlich über Vorjahresniveau von 1,96 Milliarden Euro erzielen zu können. Viele Börsianer teilen die Zuversicht des Managements nicht. Die Konsenserwartung liegt unter der Konzernprognose. Die Analysten von MWB Research verweisen darauf, dass allein die Flotte der Lufthansa einen Großteil des Unternehmenswerts abdeckt. Der Kranich war als Gründungsmitglied mehr als drei Jahrzehnte im Leitindex, ehe die Turbulenzen der Corona-Pandemie die Aktie im Jahr 2020 erschütterten. Wir ziehen den Stopp nach.
Nach 29 Jahren
Nicht immer ist eine schwache Wertentwicklung der Grund für einen Abschied aus dem DAX. Einige Indexmitglieder wurden übernommen oder haben mit anderen fusioniert. Volkswagen wurde im Dezember 2009 durch sich selbst — Vorzüge statt Stammaktien — ersetzt. Einige Absteiger melden sich zurück. Die Metallgesellschaft feierte nach 29 Jahren ein Comeback als Gea Group. Der Kosmetikkonzern Beiersdorf ist sogar zweimal abgestiegen und zurückgekehrt. Wie beim Fußball ist ein Abstieg also nicht das Ende der Welt.
Fazit
Die Aufnahme in einen prominenten Index wie den DAX oder der Abstieg erregen öffentliches Interesse. Das kann die Kursentwicklung vorübergehend verzerren. Auf längere Sicht bleibt die Dynamik im operativen Geschäft eines Unternehmens der entscheidende Faktor.
Hinweis auf Interessenkonflikte
Der Vorstand und Mehrheitsinhaber der Herausgeberin Börsenmedien AG, Herr Bernd Förtsch, ist unmittelbar und mittelbar Positionen über die in der Publikation angesprochenen nachfolgenden Finanzinstrumente oder hierauf bezogene Derivate eingegangen, die von der durch die Publikation etwaig resultierenden Kursentwicklung profitieren können: Porsche Automobil Holding.