Aus einem klapprigen Truck-Versicherer baute Prem Watsa einen Konzern mit rund 69 Milliarden Euro Anlagevermögen. Das Geheimnis des Erfolgs: Das Unternehmen verdient an jeder Police zweimal. Wir erklären, wie das geht und warum die Aktie derzeit trotzdem so billig ist wie selten zuvor
Angefangen hat alles 1985 in Kanada mit einem Sanierungsfall. Der mit einer Handvoll Mitarbeitern recht übersichtliche Truck-Versicherer Markel Financial brauchte dringend neun Millionen kanadische Dollar Kapital, um zu überleben. Und da kam Prem Watsa ins Spiel. Der damals 34-Jährige sah in der klapprigen Firma keinen hoffnungslosen Fall, sondern die Basis für seine Geschäftsidee: Risiken sauber versichern und die Prämien geduldig investieren. Watsa, geboren in Hyderabad, nach Kanada ausgewandert, hatte sich zuvor als Vertreter von Haushaltsgeräten über Wasser gehalten. Nun übernahm er mit Partnern die Kontrolle bei Markel. Und schon ein Jahr später standen 6,5 Millionen kanadische Dollar Nettogewinn in den Büchern. Etwas später bekam die Firma auch ihren heutigen Namen Fairfax Financial, erfunden von einer Sekretärin als Kurzform für „Fair and friendly Acquisitions“. Schlag auf Schlag wurde danach aus dem Unternehmen ein globaler Verbund, der im Kern aus fünf großen Schaden- und Rückversicherern besteht. Drumherum hält der Konzern aber auch Nicht-Versicherer, angefangen von Banken über Logistik bis zu Hotels. Fairfax ist damit beides, Versicherer und Investmentholding in einem. Und genau in dieser Doppelrolle besteht der Reiz der Company: Wer Fairfax nur als reinen Versicherer betrachtet, liegt verkehrt.
Klassisch und langfristig
Denn das Geschäftsmodell ähnelt dem der weit bekannteren Investment-Holding Berkshire Hathaway. Nicht umsonst gilt Fairfax-Chef Watsa als der „Warren Buffett Kanadas“. Ähnlich wie Buffett ist er auch als klassischer Value-Investor bekannt. Er investiert mit einem sehr langfristigen Anlagehorizont und profitiert davon, dass Fairfax früher Prämien vereinnahmt, als man Schäden bezahlen muss. Regional ist man vor allem in Nordamerika stark, verfügt aber auch über ein Spezial- und Rückversicherungsgeschäft weltweit.
Ein paar Größen zur Einordnung: Das Anlagevermögen — also das Geld, das die Versicherungstöchter investiert haben —liegt aktuell bei rund 69 Milliarden Euro und hat sich seit 2020 fast verdoppelt. Das ist mehr als doppelt so viel wie die Fairfax-Marktkapitalisierung, die bei rund 33 Milliarden Euro liegt. Dass der Börsenwert kleiner ausfällt als das Anlagevermögen, wirkt paradox, ist bei Versicherern aber normal, da ein großer Teil der Mittel eben für künftige Schäden reserviert ist.
Der Buchwert je Aktie wiederum (also das Eigenkapital je Aktie) kletterte von rund 700 Euro vor vier Jahren auf etwa 1.160 Euro Ende 2025. Das ist eine Kennzahl, mit der sich Fairfax den Ruf eines „Compounders“ verdient hat, eines Unternehmens, das es schafft, den inneren Wert und die Gewinne über Jahre oder Jahrzehnte hinweg konstant und überdurchschnittlich zu steigern. Das gelingt, weil Fairfax wie eine Maschine mit zwei Motoren funktioniert. Motor eins ist dabei das Versicherungsgeschäft, im Branchenjargon „Underwriting“ genannt. Motor zwei ist die Kapitalanlage, Geld, das Fairfax in diversen Beteiligungen und Investmentvehikeln hält, etwa in der Tochter Fairfax India.
Und beide Motoren sind verzahnt. Denn die Prämien, die von den Versicherungstöchtern Odyssey, Crum & Forster, Allied World, Northbridge und anderen eingenommen werden, können investiert werden, da mögliche Schadenfälle wie beschrieben erst in der Zukunft bezahlt werden — „Float“ nennt man diese Gelder. Wenn beide Motoren rundlaufen, verdient der Konzern also zweimal am selben Euro. 2021 und 2022 waren das in Summe jeweils gut drei Milliarden Euro, im Folgejahr vier Milliarden, 2024 knapp 3,6 Milliarden Euro und 2025 mit rund 4,4 Milliarden Euro so viel wie nie zuvor.
„Der Float ist unser Trumpf.“
Eine Frage der Bewertung
Dass die Aktie zuletzt dennoch etwas stagnierte, liegt an einer Bewertungsproblematik. Beim zweiten Motor, der Kapitalanlage, verbuchte Fairfax im ersten Quartal des laufenden Geschäftsjahres einen Nettoverlust, entstanden durch nicht realisierte Verluste, also Buchverluste. Und das liegt am hohen Anteil der Anleihen im Vermögen (siehe Grafik links). Fällt der Kurs eigener Anleihen, so wie es in der jüngeren Vergangenheit aufgrund der Zinsunsicherheit war, sieht das in der Bilanz zunächst unschön aus, auch wenn nichts verkauft wurde. Genau diese Schwankung erklärt dann auch, warum die Aktie seit Monaten schwer „sauber“ zu bewerten ist. Zum Jahreswechsel markierte sie noch ein Allzeithoch, seither konsolidiert sie. Am Tag der Quartalszahlen für das erste Quartal ging es dabei um rund fünf Prozent nach unten — der Markt reagiert empfindlich, wenn die Kapitalanlage schwächelt, selbst wenn das Underwriting überzeugt. Der an sich defensive Investment-Stil wurde also im zurückliegenden Quartal zum Malus.
Doch langfristig war und ist die Auswahl dieser Investments sehr erfolgreich. Seit der Gründung wurde der Buchwert der Holding nach Berechnungen der Fondsgesellschaft Taunustrust um 18,7 Prozent pro Jahr gesteigert, der Aktienkurs stieg parallel dazu um 19,5 Prozent pro Jahr. Das sind immerhin acht Prozentpunkte mehr, als der S&P 500 im gleichen Zeitraum schaffte. Zum Vergleich: Beim Konkurrenten Berkshire waren es 15,4 Prozent.
Fazit
Wie einst Warren Buffett denkt Watsa, heute 75 Jahre alt, noch lange nicht ans Aufhören. Es sieht also nach Kontinuität aus bei Fairfax. Die Bewertung der Aktie liegt aktuell auf dem halben Niveau des historisch üblichen 20er-KGV. Zum Vergleich: Berkshire notiert trotz Abgang von Buffett weiter bei 24.