Seit März an der Börse, aber längst kein Neuling. Das Unternehmen aus Wedel liefert seit über 60 Jahren den Strom für Europas Militärtechnik. Damit haben sie sich fast unersetzbar gemacht. Die Auftragslage ist hervorragend, die Bilanzen solide.

Hinweis: Dieser Artikel erschien zuerst am 2. September in der BÖRSE ONLINE-Ausgabe 37/26. Wenn Sie in Zukunft als Erstes die Einschätzung unserer Experten lesen wollen, dann werfen Sie einen Blick auf dieses Angebot.

Vor wenigen Monaten, im März, ging ein Unternehmen an die Börse, das seit mehr als 60 Jahren Militärtechnik baut und trotzdem unter dem Radar fliegt: Vincorion. Zu Hause in Wedel bei Hamburg, gelistet im Prime Standard der Frankfurter Börse und seit Juni auch im SDAX, sorgt das Unternehmen dafür, dass ganz Elementares bei militärischen Geräten wie einem Leopard-Panzer oder einem Patriot-Raketenabfangsystem funktioniert. Denn Vincorion liefert die nötige Energie. Das Unternehmen entwickelt und baut Stromgeneratoren, Stabilisierungseinheiten und ganze ­Energieversorgungssysteme, die im Inneren von Fahrzeugen und Luftfahrtsystemen stecken. Produkte, die man nicht sieht, ohne die aber nichts läuft. Zur Kundschaft gehören viele Großkonzerne der Rüstungsindustrie, Rheinmetall etwa oder KNDS, der Zusammenschluss von Krauss-Maffei Wegmann und der französischen Nexter-Gruppe.

Über Star Capital an die Börse

Dazu kommt ein ziviles Standbein: Für Airbus entwickelt Vincorion eine elektrische Rettungswinde für Hubschrauber. Erstlieferungen sind für 2027 geplant. Ein weiteres Produkt ist das EU-geförderte Sentinel-Projekt: Vincorion übernimmt dabei die industrielle Federführung für Deutschland in einem Konsortium aus 42 Partnern in 16 Ländern. Ziel ist die autarke Stromversorgung für mobile Feldlager. Der Europäische Verteidigungsfonds fördert das Vorhaben mit 39,9 Millionen Euro. 

Die Expertise dafür kommt nicht von ­ungefähr, reicht doch die Geschichte des Unternehmens weit zurück bis in die 1960er-Jahre, als der einstige deutsche Elektrogigant AEG den Grundstein legte. Über mehrere Konzernzugehörigkeiten war Vincorion bis 2021 dann Teil des ­Jenaer Technologiespezialisten Jenoptik, ehe der britische Finanzinvestor Star Capital übernahm und den Börsengang vorbereitete. Der Ausgabepreis lag bei 17 Euro und auch nach dem IPO hält Star Capital noch 47,5 Prozent der Anteile. Die Lock-up-Frist endet am 17. September. Wedel, Essen, Altenstadt in Bayern und El Paso, Texas: Vincorion beschäftigt an diesen Standorten mehr als 900 Mitarbeiter. Der Hauptsitz ist Wedel, eine kleine Stadt westlich von Hamburg direkt an der Elbe. Dort sitzen Unternehmensführung, Entwicklung und der größte Teil der Produktion. Der Knackpunkt beim Unternehmen: Die Produkte werden nicht einfach geliefert oder eingebaut. Nein, sie sind Teil komplexer Systeme, die regelmäßig gewartet, repariert und aufgerüstet werden müssen. Das sichert Business auf viele Jahre hinaus. Oder ­anders formuliert: Vincorion ist bei rund 85 Prozent seiner Umsätze alleiniger Lieferant. Und sind die eigenen Systeme einmal in Plattformen wie Leopard 2, dem Schützenpanzer Puma oder dem Patriot-System eingebaut, bleiben sie dort über deren ­gesamten Lebenszyklus.

Zahlen, die überzeugen

Fakt ist auch, wer einmal als einziger Lieferant für eine militärische Plattform zertifiziert ist, wird so schnell nicht ­ersetzt. Denn das kostet Zeit, Geld und Nerven, und genau deshalb lässt es kaum einer der Großkunden darauf ankommen. Und so stammen rund 55 Prozent der Erlöse bei Vincorion aus dem Servicegeschäft: Ersatzteile, Wartung, Nachrüstung. Das ist Geld, das regelmäßig fließt, unabhängig davon, ob gerade neue Panzer bestellt werden oder nicht. Selbst wenn die Rüstungsausgaben irgendwann sinken sollten, läuft die Bestandsflotte weiter.

Die Zahlen bestätigen das. Schon 2025 schaffte Vincorion einen Umsatz von 240 Millionen Euro. Im ersten Halbjahr 2026 legte das Unternehmen dann nochmals deutlich zu. Der Umsatz stieg um gut 42 Prozent auf 150 Millionen Euro. Das bereinigte operative Ergebnis verbesserte sich auf 28,4 Millionen Euro bei einer Marge von knapp 19 Prozent. Zum Vergleich: ­Viele Industrieunternehmen bewegen sich bei der Marge im einstelligen Bereich.

Der Auftragseingang hat dabei noch mehr Fahrt aufgenommen als der Umsatz. Im ersten Halbjahr 2026 vervierfachte er sich auf 330 Millionen Euro. Allein im Juni kamen Aufträge von über 100 Millionen Euro herein. Hinzu kommt ein NATO-Rahmenvertrag der Beschaffungsagentur NSPA: 60 Millionen Euro bis 2030 für die Modernisierung von Patriot-Systemen in fünf Mitgliedsstaaten. Der gesamte Auftragsbestand liegt mittlerweile bei 1,2 Milliarden Euro — mehr als drei Jahresumsätze auf aktuellem Niveau. Für das Gesamtjahr 2026 erwartet Vincorion einen Umsatz am oberen Ende der Prognose zwischen 280 und 320 Millionen Euro. Die operative Marge soll bei 18 bis 19 Prozent bleiben.

Die Analysten von JP Morgan und Berenberg sind sich einig: Das ist erreichbar, wahrscheinlich sogar konservativ geschätzt. Beide haben nach den Halbjahreszahlen ihre Kursziele auf 27 Euro angehoben. Denn Europa rüstet auf und Vincorion steckt überall mit drin. Deutschland hat das Zwei-Prozent-Ziel der NATO nicht nur erreicht, sondern überschritten. Die Bundeswehr modernisiert ihren Fuhrpark in einem Tempo, das es seit Jahrzehnten nicht gegeben hat. 

Besonders gefragt ist gerade alles rund um Flugabwehr. Europa versucht seit Jahren, die Bestände an Abwehrsystemen auszubauen. Der Vincorion-CEO Kajetan von Mentzingen, ehemals Qualitätsmanager bei der Rüstungssparte von Airbus, bringt es auf den Punkt: Vincorion liefere das „Fundament der Energieversorgung für moderne Kriegsführung und Zivilschutz“. Der Satz klingt technisch, aber er beschreibt genau das Geschäftsmodell: unverzichtbar, eingebettet, kaum ersetzbar. 

Fazit

Vincorion wächst in seinen Bereichen profitabel, die Marktposition ist stark, der Rückenwind hält durch die geopolitische Lage an. Das Unternehmen mag kein Weltkonzern sein, kein „neues Rheinmetall“. Aber genau das macht den Reiz aus. Das Unternehmen aus Wedel punktet auch ohne Milliardenumsätze mit einer Top-Marktstellung, stabilen Einnahmen und einem Auftragsbestand, der Planbarkeit für viele Jahre ermöglicht. 

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