(neu: Aussagen der Bahnchefin Evelyn Palla sowie des Chefs der ukrainischen Eisenbahn)

BERLIN (dpa-AFX) - Ob im Zugbetrieb, bei der Reparatur oder dem Bau von Schienenstrecken: Künstliche Intelligenz spielt auch im Bahnsektor längst eine wichtige Rolle - was nach und nach auch die Fahrgäste merken sollen. Die Technik könne etwa in den Leitstellen dabei helfen, verspätete Züge wieder schneller in den Takt zu bringen und die Auswirkungen auf den restlichen Zugverkehr zu reduzieren, sagte der Chef des Zugbauers Siemens Mobility, Michael Peter, bei der Eröffnungsfeier der Mobilitätsmesse Innotrans in Berlin.

Dort geht es um zahlreiche Innovationen, bei denen in der Regel KI im Mittelpunkt steht. Siemens-Wettbewerber Alstom etwa stellt auf der Messe seinen KI-Assistenten "Talk to my train" vor, der Instandhaltungsteams dabei helfen soll, Probleme an den Zügen schneller zu finden und zu reparieren.

Züge wieder schneller im Einsatz

Das System greift dabei auf bereits gesammelte Daten von Zügen, Signal- und Zugsteuerungssystemen und der Infrastruktur zurück. Die Reparatur soll auf diese Weise effizienter durchgeführt werden und die Züge schneller wieder im Einsatz sein.

"Die digitale Revolution wird dazu führen, dass der Zug in ein goldenes Zeitalter eintreten wird", sagte der neue Alstom-Chef, Martin Sion, vor der Messeeröffnung der "Frankfurter Allgemeine Zeitung". "Die Digitalisierung ermöglicht es, auf bestehender Infrastruktur deutlich mehr Züge fahren zu lassen und die Bahn noch zuverlässiger zu machen."

Noch spüren Fahrgäste wenig

In Deutschland spüren die Fahrgäste davon allerdings wenig. "Die Schiene in Deutschland leistet heute nicht das, was wir von ihr erwarten", sagte Bundesverkehrsminister Steffen Bilger (CDU) bei der Eröffnungsfeier der Innotrans. Verspätungen und Zugausfälle plagen die Fahrgäste. Grund dafür ist vor allem das überalterte Schienennetz.

Bei der notwendigen Sanierung Dutzender vielbefahrener Korridore traten zuletzt zudem immer wieder Probleme auf. "Das Konzept der Korridorsanierung hat die hohen Erwartungen bislang nicht erfüllt", betonte Bilger. "Wenn wir eine Strecke monatelang sperren mit allen Belastungen, die damit einhergehen, muss sie danach spürbar besser funktionieren."

Bahn-Strategie der zwei Geschwindigkeiten

Bahnchefin Evelyn Palla verwies bei einem Treffen auf der Messe mit mehreren Bahn-Verantwortlichen auf die neue strategische Ausrichtung des Konzerns. Unter dem Motto "DB 2035" will das Unternehmen sich und den Betrieb wieder so aufstellen, dass Beschäftigte und Reisende stolz sein könnten.

Dabei bewege sich die Bahn in zwei Geschwindigkeiten, betonte Palla. Dinge wie Sicherheit und Sauberkeit sollen möglichst kurzfristig geändert werden, sodass sich Fahrgäste trotz der hohen Unpünktlichkeit in den Zügen wohlfühlten. Die Wiederaufbereitung der Infrastruktur dauere hingegen noch Jahre. Hier gebe es keine Abkürzungen, betonte Palla.

Warnungen vom Bahnchef der Ukraine

Bei den vielen Investitionen in eine leistungsfähige Infrastruktur sollten die europäischen Bahnunternehmen auch den militärischen Schutz mitdenken, warnte der Chef der ukrainischen Eisenbahn, Oleksandr Pertsovskyi. Fahrende Züge wurden in den vergangenen Monaten immer häufiger Ziel von russischen Drohnen. Immer wieder sind bei den Angriffen Zivilisten ums Leben gekommen.

Die ukrainische Bahn überwache inzwischen den Luftraum über dem Schienennetz von unterirdischen Zentren aus, sagte Pertsovskyi. Immer wieder müssten Bahnen gestoppt und evakuiert werden, weil ein Angriff drohe. "Inzwischen können wir in 99 Prozent der Fälle rechtzeitig handeln", betonte er. Der Angriff auf fahrende Züge sei früher schwer vorstellbar gewesen. Inzwischen sei er technisch möglich, wie die Ukraine auf dem harten Weg habe lernen müssen.

Eine Reise, ein Ticket - quer durch Europa

Als nicht ganz einfach gestaltet sich für Fahrgäste auch das Bahnreisen über Landesgrenzen hinweg. Bislang ist es kaum möglich, ein Ticket für eine grenzüberschreitende Verbindung mit mehreren Zugunternehmen zu kaufen. Die EU-Kommission will das ändern. Verkehrskommissar Apostolos Tzitzikostas bekräftigte auf der Innotrans die Bedeutung von einheitlichen Bahntickets für Reisen quer durch Europa.

"Für die Fahrgäste ist der Fahrkartenverkauf ein weiterer klarer Test dafür, ob wir wirklich über ein europäisches Eisenbahnsystem verfügen", sagte er. "Das Ziel: Eine Reise, eine Buchung, volle Rechte für Fahrgäste - das wird grenzüberschreitende Reisen mit verschiedenen Zuganbietern einfacher und viel attraktiver machen."

Neue Nachtzugverbindung ab März 2027

Auf der Messe dreht sich derweil nicht alles um digitale Technik. Das Start-up Nox plant ab März 2027 eine neue Nachtzugverbindung zwischen Hamburg und München. Angeboten werden dabei Reisen in Einzel- und Doppelabteilen mit Arbeits- und Schlafmöglichkeiten. Die Waggons stellt das Unternehmen ebenfalls auf der Messe vor. Zudem startet heute der Ticketverkauf für die Verbindung.

Bei der 30. Ausgabe der Fachmesse Innotrans stehen neben neuen Zügen vor allem neuen Technologien für die Bahnindustrie im Fokus. Es geht etwa um die Digitalisierung von Schienenwegen und automatisierten Verkehren. Vertreten sind der Berliner Messe zufolge 3.170 Aussteller aus 59 Ländern./maa/DP/nas

Quelle: dpa-Afx