(neu: SdK-Statement im 9. Absatz, Kurs aktualisiert im 2. Absatz.)

BERLIN/SAN FRANCISCO (dpa-AFX) - Der deutsche Lieferdienst-Konzern Delivery Hero schlüpft nach jahrelangen Verlusten unter das Dach des US-Konzerns Uber . Der Fahrdienstvermittler und Lieferdienst aus den Vereinigten Staaten hat sich einen Großteil der Delivery-Hero-Anteile gesichert und will sich in einem Milliardendeal auch den Rest einverleiben. Die Führung des Berliner Konzerns zieht dabei mit und wirbt bei Aktionären und Beschäftigten für den Zusammenschluss. Zugleich will Delivery Hero sein Geschäft in 14 Ländern an einen Finanzinvestor abstoßen.

An der Börse wurden die Neuigkeiten zunächst mit leichten Kursverlusten quittiert. Später drehte der Kurs in die Gewinnzone, am Nachmittag lag er dann 0,2 Prozent im Plus bei 38,25 Euro. Damit blieb er jedoch noch klar unter dem Preis von 41,50 Euro, den Uber für jedes Papier bietet.

Das könnte daran liegen, dass sich der Vollzug des Deals auch wegen Kartellfragen noch etwas hinziehen dürfte. Branchenexperte Giles Thorne vom Investmenthaus Jefferies sieht indes kaum Chancen, dass ein weiterer Bieter auftaucht, der den Preis nach oben treiben könnte. Er glaubt auch nicht, dass die Aktionäre einen höheren Übernahmepreis durchsetzen können. Dennoch beließ er sein Kursziel für die Aktie von Delivery Hero bei 42,50 Euro und damit einen Euro über dem aktuellen Gebot.

Ubers Offerte bewertet Delivery Hero insgesamt mit knapp 13 Milliarden Euro. Dabei wurde die Aktie des Lieferdienst-Konzerns mit Kursen von an die 40 Euro zuletzt rund doppelt so teuer gehandelt wie noch vor wenigen Monaten.

Mitte April hatte das Papier noch weniger als 20 Euro gekostet. Als dann bekannt wurde, dass Uber seinen Anteil aufgestockt hat, trieb dies den Kurs deutlich nach oben. Mit dem jetzigen Gebot von 41,50 Euro greift Uber zudem deutlich tiefer in die Tasche als zunächst geplant: Noch im Mai war von 33 Euro je Aktie die Rede gewesen.

Zuletzt hielt Uber bereits knapp 25 Prozent an dem Berliner Konzern, hinzu kamen Finanzinstrumente über knapp 12 Prozent. Zudem gibt der Delivery-Hero-Großaktionär Prosus seinen Anteil von knapp 17 Prozent an Uber ab. Dazu hatte sich die niederländische Beteiligungsgesellschaft im Zuge des Kaufs des Konkurrenten Just Eat Takeaway (Lieferando) bereit erklärt. Den Vollzug der Übernahme erwarten Uber und Delivery Hero für die zweite Jahreshälfte 2027.

Delivery Hero hat seinen Sitz in Berlin, hat sein Deutschland-Geschäft aber vor einigen Jahren verkauft und ist hierzulande nicht mehr als Lieferdienst aktiv. Wegen seiner starken Präsenz in Asien, Südeuropa, der arabischen Halbinsel und Afrika zählt das Unternehmen jedoch zu den größten Essenslieferdiensten der Welt. Uber betreibt mit Uber Eats selbst einen Essenslieferdienst - auch in vielen Städten Deutschlands.

Uber verpflichtet sich im Zuge des Kaufs dazu, den Hauptsitz von Delivery Hero in Berlin beizubehalten und bis mindestens 2029 keine Änderungen an der Belegschaft in der Bundeshauptstadt vorzunehmen.

Die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger geht unterdessen fest davon aus, dass die Übernahme für Berlin einen Verlust von Arbeitsplätzen bedeute. "Umstrukturierungen sind zu erwarten. Delivery wird die Eigenständigkeit verlieren", teilte der Sprecher des Kleinanlegervereins, Michael Kunert, mit. Insgesamt verlöre der Wirtschaftsstandort Berlin durch die Übernahme weiter an Bedeutung "und am Ende werden auch Arbeitsplätze verloren gehen. Da darf man sich keine Illusionen machen", betonte Kunert.

Unterdessen will sich Delivery Hero von seinem Geschäft in 14 Ländern trennen, in denen Delivery Hero bisher mit dem Lieferdienst Uber Eats konkurriert. Betroffen sind Österreich, Chile, Zypern, die Tschechische Republik, Ecuador, Griechenland, Moldau, Norwegen, Polen, Portugal, Rumänien, Spanien, Schweden und die Türkei.

Käufer ist den Angaben zufolge die Beteiligungsgesellschaft SSW Partners aus New York. Sie bezahle dafür 1,4 Milliarden Euro. Voraussetzung ist, dass die Übernahme von Delivery Hero durch Uber gelingt. Jefferies-Experte Thorne wertet den Schritt positiv, denn dadurch dürften Uber und Delivery Hero kartellrechtlichen Bedenken zuvorkommen.

Delivery Heros Aufsichtsratschefin Kristin Skogen Lund räumte ein, dass der Berliner Konzern in seinem Geschäft zu kämpfen hatte. "Das Liefergeschäft ist hochkompetitiv und in hohem Maße von Skaleneffekten abhängig", sagte sie. "Der Zusammenschluss mit einem starken Partner ist jetzt der richtige Schritt, um die zukünftige Wettbewerbsfähigkeit und Fähigkeit zur Wertschöpfung für alle Stakeholder von Delivery Hero bestmöglich zu sichern."

Delivery Hero hat jahrelang unter dem Strich fast durchweg rote Zahlen geschrieben. Einen Überschuss fuhr der Konzern nur im Jahr 2019 ein. Da hatte er sein Deutschlandgeschäft mit den Marken Foodora, Lieferheld und Pizza.de an den Rivalen Takeaway.com (heute Just Eat Takeaway) verkauft und damit einen hohen Sondergewinn eingestrichen. Just Eat Takeaway ist hierzulande vor allem mit der Marke Lieferando vertreten und konkurriert hier auch mit Uber Eats.

Uber-Chef Dara Khosrowshahi und Delivery-Hero-Chef und -Mitgründer Niklas Östberg warben nun für den Zusammenschluss mit Uber: "Durch die Zusammenführung unserer Plattformen bringen wir erschwingliche, zuverlässige Lieferdienste zu Millionen weiterer Menschen in einigen der dynamischsten Volkswirtschaften der Welt", sagte Khosrowshahi. Östberg dankte seinen Beschäftigten dafür, "dass sie dieses Unternehmen über 15 Jahre hinweg aufgebaut haben"./stw/bvi/men

Quelle: dpa-Afx