MÜNCHEN (dpa-AFX) - Der unter Milliardenschulden ächzende Agrarhandels- und Mischkonzern Baywa muss seinen Sanierungsfahrplan um zwei Jahre verlängern. Anstelle der erhofften finanziellen Gesundung bis Ende 2028 gehen Vorstand und Aufsichtsrat des Münchner Traditionsunternehmens nun davon aus, dass die Sanierung erst Ende 2030 abgeschlossen werden kann. Dementsprechend sollen auch die Bankkredite um zwei Jahre verlängert werden, die Baywa bei ihren hohen Zinszahlungen entlasten sollen. Darauf hat sich der Vorstand mit den Gläubigerbanken und den beiden Großaktionären im Grundsatz verständigt, wie das Unternehmen in München mitteilte. Bis Herbst soll eine neue Sanierungsvereinbarung erstellt werden.

Die aus der Genossenschaftsbewegung hervorgegangene Baywa ist für Landwirtschaft und Lebensmittelversorgung vor allem im Süden und Osten Deutschlands wichtig: Das 1923 gegründete Unternehmen kauft einerseits die Ernten an und beliefert die Bauern andererseits mit Saatgut, Dünger und Landmaschinen. Die Krise ist Folge einer auf Kredit finanzierten und schlussendlich missglückten Expansion auf den internationalen Agrarmärkten im vergangenen Jahrzehnt. Abgesehen von der Sanierung hat die Krise auch strafrechtliche Folgen: Die Münchner Staatsanwaltschaft ermittelt gegen mehrere ehemalige Vorstände, teils wegen Verdachts einer geschönten Konzernbilanz 2023, teils wegen möglicher Untreue.

Banken und Großaktionäre ringen sich wechselseitig Zugeständnisse ab

Bei der Sanierung erklären sich nun sowohl die Gläubigerbanken als auch die beiden Großaktionäre - das sind die Beteiligungsgesellschaften der bayerischen Volks- und Raiffeisenbanken und der österreichischen Genossenschaften - zu potenziell schmerzhaften Opfern bereit.

Die zwei Großaktionäre sollen ihren Baywa-Anteil von zusammen gut 67 Prozent an einen Treuhänder übertragen. Nur für den Fall, dass die beiden Gesellschaften im Jahr 2029 mindestens 220 Millionen Euro für eine Kapitalerhöhung zur Verfügung stellen, sollen sie die Papiere zurückbekommen - anderenfalls darf der Treuhänder das Aktienpaket verkaufen.

Die Banken wiederum wollen 700 Millionen Euro Baywa-Kredite in ein "Nachranginstrument" umwandeln. Falls auch der geplante neue Sanierungsfahrplan missglückt, würde das bedeuten, dass die Forderungen anderer Gläubiger Vorrang vor dem Anspruch der Banken auf diese 700 Millionen Euro hätten.

Ökostrom-Tochter vergrößert die Schwierigkeiten der Mutter

Anlass ist jedoch kein aktueller Finanzengpass. Mit der Verlängerung des Sanierungszeitraums reagiert die Baywa auf die schwierige Lage der Ökostromtochter Baywa r.e., die eigentlich für 1,7 MiIliarden Euro hätte verkauft werden sollen. Doch da die r.e. selbst in einer tiefen Krise steckt, hatte die Baywa-Chefetage im Frühjahr eingestanden, dass die Tochter nicht so teuer verkauft werden kann. Nunmehr gehen die Beteiligten davon aus, dass die r.e. 800 MiIlionen Euro weniger einbringen wird.

Der ursprüngliche Sanierungsfahrplan der Muttergesellschaft Baywa AG sah vor, die Schuldenlast bis Ende 2028 um vier Milliarden Euro zu reduzieren. Dieser Plan ist wegen der Probleme der r.e. nicht zu halten.

Erbe des Ex-Chefs wird abgewickelt

Die Baywa ist insbesondere in ihren bayerischen Heimatregion eine Institution, deren Lagerhäuser ebenso zum ländlichen Ortsbild gehören wie Kirchtürme und Feuerwehrhäuser. Über Jahrzehnte war das Unternehmen auf den inländischen Agrarhandel beschränkt. Der langjährige Vorstandschef Klaus Josef Lutz jedoch verordnete der Baywa während seiner Amtszeit von 2008 bis 2023 die Expansion. Lutz baute das Ökostromgeschäft mit der ebenfalls zum Sanierungsfall gewordenen Baywa r.e. auf und kaufte die niederländische Agrarhandelsgruppe Cefetra, den großen neuseeländischen Apfelplantagenbetreiber Turners & Growers und andere Beteiligungen. Die Sanierung läuft darauf hinaus, das Werk des früheren Baywa-Chefs abzuwickeln und das Unternehmen wieder weitgehend auf den heimischen Agrarmarkt zu beschränken. Lutz hat mehrfach alle Kritik zurückgewiesen, er trage die Verantwortung für das Debakel./cho/DP/he

Quelle: dpa-Afx