BERLIN (dpa-AFX) - Der Ökonom Simon Gerards Iglesias vom Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) hält das Niedrigwasser am Rhein für die deutsche Wirtschaft für "dramatisch". Gerade in den am Rhein liegenden Bundesländern bezögen sehr viele Unternehmen ihre Güter, Rohstoffe und Vorprodukte über den Rhein. "Für ein Unternehmen wie BASF ist es lebensnotwendig, dass ein Rhein als Wasserstraße funktioniert, wenn es um 40 Prozent seiner Produkte hierüber abfertigt", sagte Iglesias im ZDF-"Morgenmagazin".

Iglesias befürchtet wegen des Niedrigwassers einen Einbruch des Wirtschaftswachstums in Deutschland, ähnlich wie im Dürrejahr 2018. Damals habe das Niedrigwasser die Wirtschaftsleistung um schätzungsweise 0,4 Prozent reduziert, sagte er der dpa mit Verweis auf eine Analyse des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW). "Da der Pegelstand aktuell seit vergleichbarer Zeit unter der kritischen Marke liegt, gehen wir von einer ähnlichen Größenordnung aus." Die Bundesbank rechnet derzeit für 2026 noch mit einem Wachstum von 0,5 Prozent für Deutschland.

Das Niedrigwasser zeige, "dass wir doch nicht so resilient sind, dass wir in Krisensituationen schneller auf andere Verkehrsträger zum Beispiel switchen könnten". Bei den Wasserstraßen habe man wie bei allen anderen Verkehrswegen in Deutschland auch das Problem, dass sie jahrzehntelang vernachlässigt wurden. "Und die Wasserstraßen vielleicht noch ein Stück weit stärker als die Schiene und die Straße", so der Wirtschaftsexperte.

Kurzfristig könne man nicht sehr viel gegen die Folgen des Niedrigwassers tun. Man könne zwar Felsen, die im Weg stehen und jetzt aufgrund des niedrigen Wasserstandes für Engpässe sorgen, beseitigen, um die Schiffbarkeit zu verbessern. Für eine wirkliche Veränderung aber brauche es eine "Korridorsanierung" des Rheins, ähnlich wie auch bei anderen Verkehrsträgern wie der Bahn. Aber: "Wir haben gerade auch in den Wasserstraßen das Problem, dass lange Genehmigungsverfahren und Prüfverfahren wirklich auch eine Modernisierung verhindern." Geplante Infrastrukturprojekte müssten viel schneller auf den Weg gebracht werden.

Folgen "wahrscheinlich bald auch an der Zapfsäule sehen"

Die Folgen des Niedrigwassers könne man "wahrscheinlich bald auch an der Zapfsäule sehen". 2018 hätten eine lange Dürre und niedrige Wasserstände die Spritpreise entlang des Rheins höher getrieben. "Die Raffinerien hier entlang des Rheins erhalten weniger Mineralöl. Das muss über Umwege kommen oder die Produktion muss sogar heruntergefahren werden. Und das treibt natürlich die Preise."

Über den Umgang mit dem extremen Niedrigwasser des Rheins und anderer Wasserstraßen sprechen heute in Bonn Wirtschaftsverbände mit dem neuen Bundesverkehrsminister Steffen Bilger (CDU). Zu dem Treffen sind Vertreter von Industrie, Häfen und Binnenschifffahrt eingeladen./mxx/DP/mis

Quelle: dpa-Afx