Die Schwäche am Anleihemarkt eröffnet derzeit wieder Chancen. So gibt es je nach Laufzeit deutlich über vier Prozent Rendite mit Anleihen der Republik Polen.

Hinweis: Dieser Artikel erschien zuerst am 23. September in der BÖRSE ONLINE-Ausgabe 40/26. Wenn Sie in Zukunft als Erstes die Einschätzung unserer Experten lesen wollen, dann werfen Sie einen Blick auf dieses Angebot.

Anleihen der EU-Länder hatten es am Markt zuletzt schwer. Die Unsicherheit über den weiteren Zinspfad der Notenbanken hat die Kurse festverzinslicher Papiere quer durch Europa unter Druck gesetzt. Doch genau darin liegt die Chance. Denn wo die Kurse fallen, steigen die Renditen. Und wer jetzt einsteigt, sichert sich Konditionen, von denen man vor wenigen Monaten nur träumen konnte. Großzügig fällt der Ertrag etwa bei einem Nachbarn aus, den viele Investoren nicht auf dem Zettel haben: Polen. 

Zinsen mit Sicherheit

Wie großzügig, zeigt ein konkretes Beispiel: Die Anleihe der Republik Polen mit einem Kupon von 3,875 Prozent und Fälligkeit 2037 (siehe Kasten oben rechts) bringt aktuell eine Rendite von 4,40 Prozent. Da sind gut 0,9 Prozentpunkte mehr, als eine vergleichbare Bundesanleihe derzeit abwirft. Ansonsten gibt es viele Gemeinsamkeiten. Das Papier aus Polen wird in Frankfurt gehandelt, notiert in Euro und richtet sich mit ihrer Mindestanlage von einem Stück an Privatanleger. 

Und ist damit kein Einzelfall: In Deutschland sind rund zwei Dutzend kleinanlegerfreundliche Polen-Anleihen notiert. Renditen von deutlich über vier Prozent gibt es indes erst bei den Papieren ab zehn Jahren Restlaufzeit. Wer es ganz lang möchte, der bekommt sogar eine Anleihe mit einer Laufzeit bis 2049 bei ­einer Rendite von etwa 4,7 Prozent. 

Hinter den Anleihen steht eine Volkswirtschaft, die zu den Musterschülern Europas gehört. Während Deutschland seit Jahren zwischen Stagnation und Mini-Wachstum pendelt, legte Polens reale Wirtschaftsleistung 2025 um rund 3,6 Prozent zu, für 2026 rechnen EU-Kommission, IWF und die polnische Regierung mit Raten zwischen 3,3 und 3,6 Prozent. Das ist mehr als das Doppelte des Euroraum-Durchschnitts. Getragen wird der Aufschwung von einer breit aufgestellten Wirtschaft, einem robusten Konsum der rund 37 Millionen Einwohner mit steigenden Einkommen sowie kräftigen Investitionen in Infrastruktur, Energiewende und Digitalisierung. Auch beim Wohlstand holt das Land rasant auf. 

Gemessen an der Kaufkraft dürfte Polen bis Ende des Jahrzehnts das Niveau Großbritanniens erreichen. Regierungschef Donald Tusk gibt das Tempo vor: Er hat 2026 zum „Jahr der polnischen Beschleunigung“ erklärt und die zuvor von Brüssel eingefrorenen EU-Milliarden freigeschaltet, die nun in Infrastruktur und Energiewende fließen. Sein Motto beim Wirtschaftsplan: „Investitionen, Investitionen und noch mehr Investitionen.“

Top-Rating mit einem Aber
Ganz ohne Schatten kommt das Bild jedoch nicht aus. Polen rüstet massiv auf und gibt fast fünf Prozent seiner Wirtschaftsleistung für Verteidigung aus. Das treibt die Verschuldung. Die Ratingagentur Fitch erwartet einen Anstieg der Schuldenquote von knapp 60 Prozent (2025) auf gut 72 Prozent bis 2028 und ein Haushaltsdefizit von 6,9 Prozent — deutlich mehr als bei vergleichbar bewerteten Staaten. Fitch bestätigte das Rating im August 2026 zwar bei einem soliden „A−“, senkte den Ausblick aber wegen des fehlenden Konsolidierungsplans auf negativ. 

Trotzdem, das Rating bleibt klar im Investment-Grade-Bereich, gestützt auf eine große, diversifizierte und widerstandsfähige Wirtschaft. Und genau diese Mischung erklärt den Renditevorsprung. Weil Polen weder zur Kernzone des Euroraums zählt noch die absolute Top-Bonität Deutschlands vorweisen kann, verlangt der Markt einen Aufschlag. Und das sind aktuell die geschilderten gut 0,9 Prozentpunkte gegenüber Bundespapieren — ein spürbarer Mehrertrag, für den Anleger ein doch recht überschaubares Zusatzrisiko eingehen.

Fazit

Unterm Strich bietet die aktuelle Zinsunsicherheit mit Polen-Anleihen eine gute Gelegenheit gerade für vorsichtige Anleger: die Rendite eines dynamischen Aufsteigers, kombiniert mit dem Komfort der Euro-Notierung. Wer bereit ist, die Anleihe bis zur Fälligkeit 2037 zu halten, macht bei überschaubarem Risiko ein gutes Geschäft. Ein Blick über die Oder lohnt sich also ganz klar. Gerade jetzt.

Sie wollen weitere starke Analysen lesen? Dann werfen Sie jetzt einen Blick auf das exklusive BÖRSE ONLINE Probe-Abo.

Weiterführende Links