John Ternus folgt auf Tim Cook und übernimmt einen hochprofitablen Konzern. Jetzt muss er beweisen, dass Apple auch in Zeiten von KI und akutem Chipmangel Wachstum liefern kann.
Am 1. September übernimmt John Ternus offiziell das Zepter von Apple-CEO Tim Cook. Der erste große Auftritt als neuer Chef des Techgiganten dürfte wenige Tage später stattfinden, denn in der ersten September-Hälfte steht traditionell die Keynote zur Präsentation der neuen iPhone-Generation an. Die offizielle Einladung liegt noch nicht vor, gemunkelt wird aber, dass das Event am 8. oder 9. September stattfinden könnte. Der Termin steht diesmal allerdings unter dem Vorzeichen der globalen Chip-Knappheit. Und auch im Hinblick auf die umstrittene KI-Strategie kann sich der designierte CEO bereits auf kritische Fragen einstellen. Immer neue iPhones allein werden auf Dauer nämlich nicht reichen, um die ambitionierte Bewertung zu rechtfertigen. In rund 15 Jahren an der Konzernspitze hat Cook Apple in ein hochprofitables Unternehmen verwandelt. Unter seiner Führung wurde aus dem Hardwarepionier eine Cash-Maschine mit stark gewachsenem Dienstleistungsgeschäft: Die Service-Sparte steuert inzwischen mehr als 20 Prozent zum Umsatz bei. Die Bruttomarge liegt dort mit über 75 Prozent deutlich über dem Konzernschnitt von 47 Prozent. Finanziell betrachtet ist das vielleicht das bedeutendste Erbe seiner Amtszeit. Ternus steht nun vor einer schwierigen Aufgabe. Er soll Apple verändern, ohne das Erfolgsrezept seines Vorgängers über Bord zu werfen. Der 51-Jährige kennt den Konzern seit fast einem Vierteljahrhundert und war zuletzt als Senior Vice President für die Hardware-Entwicklung verantwortlich. An praktisch allen wichtigen Produktkategorien hat er mitgearbeitet — vom iPhone über das iPad bis zu AirPods und Apple Watch. Das spricht für Kontinuität. Genau darin liegt aber auch das Risiko. Apple braucht nicht nur einen guten Ingenieur, sondern auch einen Konzernchef, der Hardware, Software und Services zusammenbringt.
Aufholjagd im KI-Bereich
Die größte strategische Baustelle für Ternus ist das Thema KI. Während Konkurrenten wie Microsoft und Alphabet im Bereich generativer Systeme früh Akzente setzten, agierte Apple gewohnt zurückhaltend. Die Monetarisierung der eigenen KI-Funktionen steht erst am Anfang. Der Kapitalmarkt verlangt jedoch Antworten darauf, wie KI-Anwendungen nicht nur das Nutzererlebnis verbessern, sondern auch messbare Erlöse generieren. Dort bietet sich für Ternus zugleich die größte Chance. Mit über zwei Milliarden aktiven Geräten verfügt Apple über einen einzigartigen Vertriebskanal. Der Schlüssel liegt in der tiefen Integration von On-Device-KI, die Prozesse direkt auf dem Endgerät ausführt. Das wahrt Apples Versprechen von Datenschutz und Diskretion. Gelingt es Ternus, KI-Funktionen so einzubinden, dass sie den Upgrade-Zyklen der Hardware neuen Schwung verleihen und zugleich die Service-Einnahmen über Abonnements antreiben, kann Apple Rückstände schnell in einen Vorteil verwandeln. Auch die Strategie, auf Partnerschaften (etwa mit Alphabet) zu setzen, statt Hunderte Milliarden in eigene KI-Infrastruktur zu investieren, findet inzwischen Anklang.
Härtetest für die Margen
Auch im Hardwaresektor hat Apple mit Gegenwind zu kämpfen. Die globale Chip-Knappheit trifft die Branche in einer Phase drastisch steigender Anforderungen an Hochleistungshalbleiter. Höhere Wafer-Preise bei Fertigungspartnern wie TSMC setzen die Rohmargen im Gerätegeschäft unter Druck. Bei der Zahlenvorlage Ende Juli warnte Tim Cook ungewohnt deutlich vor stark steigenden Komponentenkosten. Der Umsatzausblick für das Septemberquartal blieb knapp unter den Erwartungen der Wall Street. Für Ternus, der aus der Ingenieurpraxis kommt, ist diese Herausforderung vertrautes Terrain, operativ aber eine Belastungsprobe. Apple ist für diese Engpässe jedoch besser gerüstet als der Wettbewerb. Dank enormer Abnahmemengen genießt der Konzern Priorität bei Zulieferern. Bei Hardware für den chinesischen Markt könnten zudem Chips lokaler Hersteller wie CXMT für Entspannung sorgen. Die Eigenentwicklung der Apple-Silicon-Prozessoren erlaubt es zudem, Chiparchitektur und Software ohne Effizienzverluste aufeinander abzustimmen. Kostensteigerungen lassen sich durch die hohe Preissetzungsmacht im Premiumsegment weitgehend an die Kundschaft weitergeben. Die Fähigkeit, Lieferketten präziser zu steuern als die Konkurrenz, könnte Apples Marktanteile im oberen Preissegment sogar weiter festigen. Mit Blick auf die Bewertung geht die Börse derzeit fest davon aus, dass der Konzern auch in Zeiten von Chipmangel und künstlicher Intelligenz erfolgreich sein wird. Mit einem 2027er-KGV von 32,0 ist die Aktie nicht gerade günstig. Das sind die Produkte des Konzerns aber auch nicht. Viel Spielraum für Enttäuschungen bleibt auf dem aktuellen Niveau nicht, doch diesen Druck ist man in Cupertino bereits gewöhnt.
Fazit
Die Herausforderungen durch KI und Chip-Knappheit sind real, aber zu bewältigen. Zumal John Ternus einen hervorragend kapitalisierten Konzern übernimmt. Investierte Anleger bleiben dabei. Langfristig orientierten Neueinsteigern bietet der aktuelle Rücksetzer vom Rekordhoch eine Kaufchance.
Hinweis auf Interessenkonflikte:
Der Vorstand und Mehrheitsinhaber der Herausgeberin Börsenmedien AG, Herr Bernd Förtsch, und der Autor sind unmittelbar und mittelbar Positionen über die in der Publikation angesprochenen nachfolgenden Finanzinstrumente oder hierauf bezogene Derivate eingegangen, die von der durch die Publikation etwaig resultierenden Kursentwicklung profitieren können: Apple.