Der Konzern kämpft mit Klagen, Patentabläufen und einem hohen Schuldenberg. Doch hinter den Kulissen entwickelt sich Bayer zu einem Datenkonzern

Hinweis: Dieser Artikel erschien zuerst am 27. Mai in der BÖRSE ONLINE-Ausgabe 23/26. Wenn Sie in Zukunft als Erstes die Einschätzung unserer Experten lesen wollen, dann werfen Sie einen Blick auf dieses Angebot.

Im Zentrum von Bayers KI-Strategie steht die digitale Sparte von Bayer Crop Science mit Sitz in San Francisco. Ihr Hauptprodukt Climate Fieldview ist mittlerweile die größte digitale Farmplattform der Welt. Die Plattform aggregiert Maschinen-, Boden-, Wetter-, Satelliten- und Ertragsdaten und übersetzt sie über Machine-Learning-Modelle in konkrete Handlungsempfehlungen für Landwirte — von der Aussaat über die Düngung bis hin zur Ertragsprognose. Landwirte, die Fieldview zur Aussaat nutzen, ernten laut Unternehmensangaben im Schnitt rund acht Prozent mehr Ertrag pro Hektar als Anwender manuell erstellter Pläne.

Gleichzeitig sollen die Inputkosten um etwa 15 Prozent sinken. Jeder Hektar auf Fieldview verbessert die Trainingsdaten für Bayers eigene Saatgut- und Pflanzenschutz-Empfehlungen und bindet den Kunden ans hauseigene Produktportfolio. Über das BayerValue-Programm gibt es 50 Prozent Rabatt auf das Fieldview-Abo, ein wirksames Instrument, um Landwirte langfristig an das eigene Produktportfolio zu binden. Präzisionsanwendungen ermöglichen den Einsatz teurerer, hochwirksamer Spezialwirkstoffe statt billiger Massenherbizide wie Glyphosat. Bayer kann die Marge je behandeltem Hektar erhöhen, auch wenn die Wirkstoffmenge sinkt. Das ist genau die Strategie hinter neuen Wirkstoffen wie Icafolin, an denen Bayer arbeitet.

Bayer positioniert sich strategisch weg vom reinen Wirkstoffverkauf hin zu inte­grierten Lösungen aus Saatgut, Chemie, Daten und Beratung. Das ist eine bewusste Antwort auch auf Druck aus China bei Glyphosat. Der zweite KI-Hebel sitzt in der Forschung. Bayer setzt Algorithmen ein, um die Entwicklung neuer Sorten zu beschleunigen. Statt teurer Feldversuche simulieren ML-Modelle Millionen genetischer Kombinationen. Das Ergebnis sieht man in Produkten wie dem Preceon Smart Corn System — einem Systemangebot mit kompakteren Maispflanzen und besserer Standfestigkeit — oder der Vyconic-Sojabohne, die nach Konzernangaben Toleranzen gegen fünf Herbizide vereint. Beide Innovationen wurden vom CFO Wolfgang Nickl in der jüngsten Investoren-Roadshow als zentrale Wachstumstreiber für die mittelfristige Margenstrategie der Agrarsparte benannt — das Management strebt im Schnitt rund ein Prozent Margenausweitung pro Jahr an. Dass diese Strategie aufgeht, lässt sich an den Zahlen ablesen. Im ersten Quartal 2026 sprang die Ebitda-Marge von Crop Science um 6,2 Prozent auf rund 40 Prozent, das bereinigte Ebitda stieg um 17,9 Prozent auf 3,01 Milliarden Euro. Laut Unternehmenschef Bill Anderson verarbeitet Bayer mehr als 25 Milliarden Datensätze in der Genotypisierung von Saatgut. „Wenn uns Dynamic Shared Ownership dabei hilft, die Firma unternehmerischer aufzustellen, kann uns agentenbasierte künstliche Intelligenz dabei helfen, sie effektiver zu machen. Indem jede und jeder bei Bayer über mehr Daten, mehr Autonomie und mehr Ressourcen verfügt, um unsere Mission umzusetzen“, so der Konzernchef. Die Pharmasparte steht noch unter dem Druck auslaufender Patente bei Xarelto und Eylea. Im ersten Quartal sank das bereinigte Ebitda um 7,5 Prozent auf 1,24 Milliarden Euro, schlug damit aber dennoch die Erwartungen. Das Prostatakrebs-Medikament Nubeqa ist mit einem Umsatzwachstum von 45 Prozent auf 749 Millionen Euro bereits umsatzstärkstes Pharmaprodukt, das Nierenmedikament Kerendia legte um 84 Prozent zu. Im Mai kündigte Bayer mit der Übernahme des Augenheilkunde-Spezialisten Perfuse Therapeutics den ersten größeren Pharmazukauf seit Jahren an. Pharmachef Stefan Oelrich hat das Ziel gesetzt, bis 2030 eine Marge von 30 Prozent zu erreichen. Auch hier spielt KI eine Rolle, etwa in der Wirkstoffsuche und im Pipeline-Management.

Wichtiges Urteil wird erwartet

Der Glyphosat-Prozess ist aktuell noch Thema für den Bayer-Konzern. Anfang Juni endet eine Frist für den im Februar vorgelegten Sammelvergleich über 7,25 Milliarden Dollar, mit dem rund 67.000 anhängige sowie potenzielle Klagen der nächsten 21 Jahre beigelegt werden sollen. Wenige Wochen später wird der US Supreme Court im Fall Durnell ein Grundsatzurteil fällen, das nach einer Schätzung von JP Morgan rund 80 Prozent der Glyphosat-Fälle abdecken könnte. Die Anhörung Ende April zeigte allerdings ein gespaltenes Richtergremium, ein einstimmiges Urteil gilt als ausgeschlossen. Parallel scheiterte Bayers Lobby-Vorstoß, über eine Gesetzesänderung mehr Rechtssicherheit zu schaffen.

Aktuell handelt Bayer auf dem rund achtfachen EV/Ebitda für 2026, ein deutlicher Abschlag zu Pure-Play-Wettbewerbern. Analysten von JP Morgan, UBS und Barclays sehen Kursziele zwischen 48 und 52 Euro. Wer auf ein positives Urteil für Bayer setzt und bereit ist, größere Risiken einzugehen, kann einen Call-Optionsschein auf die Bayer-Aktie kaufen. Der in der Tabelle gelistete Schein bietet bei einem Anstieg der Aktie auf 50 Euro rund 130 Prozent Kurspotenzial. Der Break-even-Point liegt bei einem Kurs von 44,25 Euro. Bleibt Bayer bis zum Bewertungstag unter 40 Euro, droht ein Totalverlust.

Fazit

Ein positives Urteil hieße deutlich weniger Vergleichsdruck, potenziell niedrigere oder auflösbare Rückstellungen und eine bessere Planbarkeit. Insofern würde ein positives Urteil voraussichtlich zu einem deutlichen Kursanstieg führen. Mit dem Einsatz von Künstlicher Intelligenz ist der Konzern zudem auf dem Weg, seine Margen in der Agrar- und Pharmasparte weiterhin zu verbessern. 

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Hinweis auf Interessenskonflikte:

Der Vorstand und Mehrheitsinhaber der Herausgeberin Börsenmedien AG, Herr Bernd Förtsch, ist unmittelbar und mittelbar Positionen über die in der Publikation angesprochenen nachfolgenden Finanzinstrumente oder hierauf bezogene Derivate eingegangen, die von der durch die Publikation etwaig resultierenden Kursentwicklung profitieren können: Bayer