Am Donnerstag stehen wichtige Weichenstellungen für den VW-Konzern an, die alle Stakeholder betreffen: Mitarbeiter, Aktionäre und Politik. Worum es geht – und was das für den Aktienkurs bedeuten würde.

Am Donnerstag findet sie nun endlich statt: Die mit Spannung – und von einigen mit Sorge – erwartete Aufsichtsratssitzung des Volkswagen-Konzerns. Darin wird VW-Chef Oliver Blume sein bereits in Teilen durchgesickertes Sparprogramm für den Konzern vorstellen. Es trage den Arbeitstitel „Group Target Picture 2030“, berichtet das „Handelsblatt“. Medienberichten zufolge stehen vier deutsche Werke und bis zu 100.000 Arbeitsplätze auf dem Spiel. Angeblich will Blume den VW-Konzern stark verschlanken, indem er Marken auslagert, einstellt (Seat) oder an die Börse bringt (Audi). Ein Vorschlag aus der Politik lautet, einzelne VW-Werke für die Produktion anderer Hersteller zu öffnen. Dabei geht es vor allem um Hersteller aus China, die so europäische Strafzölle auf ihre E-Autos umgehen könnten.

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VW hat zu große Kapazitäten

Blumes Hauptargument: Der Volkswagen-Konzern verkauft derzeit knapp neun Millionen Fahrzeuge im Jahr, betreibt aber Kapazitäten für mehr als zehn Millionen Autos. Das bedeutet: Die Werke sind nicht ausgelastet – und werden es im aktuellen Zuschnitt auch nie wieder sein. Denn die alten Stückzahlen werden nicht zurückkommen: In Europa ist VW auch auf Basis der gesunkenen Verkaufszahlen noch klarer Marktführer, denn die Verkaufszahlen im Markt gehen generell zurück. Dass auch der Absatz in China eingebrochen ist, spielt für diese Überlegungen zunächst nur eine Nebenrolle. 

Es geht um vier Werke in Deutschland: Die VW-Standorte Hannover, Emden und Zwickau mit insgesamt rund 25.000 Mitarbeitern sowie das Audi-Werk in Neckarsulm, in dem 15.000 Menschen beschäftigt sind.

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Aufsichtsrat derzeit nicht voll besetzt

Dem Vernehmen nach trifft sich das derzeit 19-köpfige Gremium in Wolfsburg. Der VW-Aufsichtsrat besteht – wie bei börsennotierten deutschen Aktiengesellschaften üblich – zur Hälfte aus Vertretern der Kapitalseite, allen voran der Familien Porsche und Piëch, dem Land Niedersachsen in Person von Ministerpräsident Olaf Lies und anderen Kapital-Vertretern. Derzeit ist die Kapitalseite jedoch in Unterzahl, weil die frühere Chefin des Rüstungszulieferers Renk, Susanne Wiegand, ihre Kandidatur kurz vor der Hauptversammlung im Juni überraschend zurückgezogen hatte. 

Die anderen zehn Personen stellen die Arbeitnehmer. Dazu zählen allen voran die Vorsitzende des Konzernbetriebsrats, Daniela Cavallo, und Christiane Brenner, Erste Vorsitzende der IG Metall.

Gelingt VW der ersehnte Befreiungsschlag?

Drinnen müssen sie mitentscheiden, draußen werden IG Metall und Betriebsrat gleichzeitig mit einem bundesweiten Aktionstag an allen Konzernstandorten gegen den Sparkurs demonstrieren. An mehreren Standorten sind Kundgebungen geplant, bei Porsche in Stuttgart – ebenfalls eine VW-Tochter – steht ein Autokorso auf dem Programm. Porsche hatte in diesem Jahr wegen der angespannten Lage nicht einmal mehr eine Mitarbeiterprämie gezahlt. 

Doch selbst wenn die komplette Arbeitnehmerseite gegen die Sparpläne stimmt, könnte das nicht reichen. Denn bei einem Patt zählt die Stimme des Aufsichtsratsvorsitzenden Hans Dieter Pötsch doppelt. Er gilt als enger Vertrauter der Familien Porsche und Piëch und war einst selbst Finanzvorstand in Wolfsburg. 

Um eine Mehrheit gegen die Sparpläne zu mobilisieren, müsste das Land Niedersachsen mitstimmen. Ministerpräsident Lies hat die Wahl zwischen einer – vermutlich auch nur vorübergehenden – Sicherung von Arbeitsplätzen oder langfristig wieder sprudelnden Steuereinnahmen aus einem gesundeten VW-Konzern.

Volkswagen Vz. (WKN: 766403)

Erinnerungen an den „Würger von Rüsselsheim“

Ersteres wäre – trotz der unbestritten harten Folgen für die Beschäftigten – ein eher fauler Kompromiss. Würde sich das Gremium jedoch tatsächlich zu einem scharfen Sparkurs à la Blume durchringen können, wäre das für den Konzern und die VW-Aktie womöglich der lang ersehnte Befreiungsschlag. 

Dass es im VW-Konzern Reformbedarf gibt, ist unbestritten. Manche erinnert die gegenwärtige Situation an das Jahr 1993. Damals machte der Konzern fast zwei Milliarden D-Mark Verlust im Jahr. Die Produktionskosten zählten zu den höchsten der Branche. Es war das Jahr, in dem Ferdinand Piëch den Chefposten übernahm – und einen knallharten Cost-Cutter holte: José Ignacio López, damals Einkaufschef von Opel. Dort hatte López mit knallharten Vorgaben die Preise der Zulieferer gedrückt, was ihm in der Opel-Zentrale den Beinamen „Würger von Rüsselsheim“ einbrachte – und Opel einen Rekordgewinn.

Doch manchmal übertrieb es López. So gilt der VW Golf 3 – auch "López-Golf" genannt - unter Gebrauchtwagenhändlern und TÜV-Prüfern bis heute als eines der qualitativ schlechtesten Fahrzeuge, die VW je gebaut hat.

Nicht zu handeln „wäre unsozial“

Jetzt scheint es wieder an der Zeit für unpopuläre Maßnahmen bei VW. Indirekt mahnt die sogar der Verband der Automobilindustrie (VDA) an. VDA-Präsidentin Hildegard Müller sprach am Mittwoch in einer Mitteilung von weiterem Reformbedarf in der Branche– auch bei Kosten und Personal. Die Entscheidungen seien schwierig und müssten im Dialog mit allen Beteiligten ausgestaltet werden, sagte Müller. Auch wenn sie den Namen VW nicht nannte, ist klar, wer gemeint ist. „Die Unternehmen der Automobilindustrie werden mit Blick auf die andauernden und akuten Standortprobleme weitere Reformen und Anpassungen vornehmen müssen“, so Müller. „Dazu gehören Kostendisziplin, leider auch notwendige Personalanpassungen und tiefgreifende Reformen der Geschäftsmodelle.“ Diesen Handlungsbedarf zu leugnen, sei keine Option. „Es ist kurzsichtig und wegen seiner Konsequenzen unsozial.“

Wie reagiert die Aktie?

So werden VW-Beschäftigte und Aktionäre am Donnerstag gleichermaßen gespannt auf die Ergebnisse der vermutlich historischen Aufsichtsratssitzung warten. Egal wie es ausgeht, die VW-Aktie wird auf das Ergebnis stark reagieren. 

Damit die VW-Aktie deutlich steigt, reicht es allerdings nicht, dass sich Blume allein auf dem Papier mit seinen Plänen durchsetzt. Es muss mit der Umsetzung auch schnell gehen. Das heißt: Der Betriebsrat muss den heftigen Sparkurs ausdrücklich mittragen und darf den Prozess nicht verschleppen. Zu oft haben die Aktionäre bei VW schon faule Kompromisse erlebt. Sie sind ein Grund dafür, warum der Karren jetzt so tief im Dreck steckt.

Das ist VW auch den Beschäftigten schuldig, die immer neue Hängepartien leid sind. Oder wie es die VDA-Chefin sagt: Nichts zu tun wäre „unsozial“.

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Häufige Fragen zum Thema

Welche Maßnahmen umfasst der Sparplan von VW-Chef Oliver Blume?

Medienberichten zufolge will Blume bis zu 100.000 STellen abbau, bis zu vier Werke schließen und eien Marken wie Audi aus VW-Konzern abspalten.

Wann entscheidet der VW-Aufsichtsrat?

Der Aufsichtsrat trifft sich am 9. Juli 2026 in Wolfsburg, um über den Sparplan zu beraten.

Wer war José Ignacio López?

1993 machte der Volkswagen-Konzern fast zwei Milliarden D-Mark Verlust im Jahr. Die Produktionskosten zählten zu den höchsten der Branche. Der neue VW-Chef Ferdinand Piëch warbn deshalb den Einkaufschef von Opel ab: José Ignacio López. Der hatte dort mit knallharten Vorgaben die die Preise der Zulieferer gedrückt, was ihm - passend zum Standort der Opel-Zentrale -  den Beinamen „Würger von Rüsselsheim“ einbrachte. López sparte auch bei VW - oft zu viel. So gilt der VW Golf 3  – auch "López-Golf" genannt - unter Gebrauchtwagenhändlern und TÜV-Prüfern bis heute als eines der qualitativ schlechtesten Fahrzeuge, die VW je gebaut hat.

und Opel einen Rekordgewinn.

Hinweis auf Interessenkonflikte
Der Autor und der Vorstand und Mehrheitsinhaber der Herausgeberin Börsenmedien AG, Herr Bernd Förtsch, sind unmittelbar und mittelbar Positionen über die in der Publikation angesprochenen nachfolgenden Finanzinstrumente oder hierauf bezogene Derivate eingegangen, die von der durch die Publikation etwaig resultierenden Kursentwicklung profitieren können: Volkswagen Vz..