Der Ölkonzern aus Texas will viel Geld in ­Venezuela investieren. Die Risiken sind hoch, aber auch die Chancen. Was der neue Milliardendeal jetzt für die ­Aussichten der Aktie bedeutet.

Hinweis: Dieser Artikel erschien zuerst am 9. September in der BÖRSE ONLINE-Ausgabe 38/26. Wenn Sie in Zukunft als Erstes die Einschätzung unserer Experten lesen wollen, dann werfen Sie einen Blick auf dieses Angebot.

Nördlich des Orinoco-Flusses in ­Venezuela erstreckt sich über mehrere Hundert Kilometer eine der größten Erdölregionen der Welt. Auch wenn nur ein Teil der Vorkommen bei den heutigen technologischen Möglichkeiten und einem ökonomisch sinnvollen Aufwand gefördert werden kann, ist das wirtschaftliche Potenzial enorm. Der texanische Ölriese Chevron will jetzt über ein Gemeinschaftsunternehmen mit dem venezolanischen Staatskonzern PDVSA mehr als sieben Milliarden US-Dollar investieren, um die Produktion in der Region auszubauen und zusätzliche Flächen zu erschließen. Der Vorstoß eröffnet der Aktie von Chevron neue Möglichkeiten. Die Details zeigen allerdings, dass Venezuela ein komplexes Projekt wird. Konkret erwartet Chevron für die Förderung in dem südamerikanischen Land Gesamtkosten von weniger als 20 US-Dollar je Barrel. Damit müsste selbst ein Ölpreis deutlich unter dem aktuellen Niveau auf eine attraktive Gewinnspanne hinauslaufen. Zunächst sind allerdings hohe Inves­titionen erforderlich. Ein Vorteil für ­Chevron: Man kennt sich aus. Der US-Konzern ist bereits an Projekten im Bundesstaat Zulia beteiligt und will die Produktion in Venezuela über die Joint Ventures mit PDVSA in den kommenden fünf Jahren von rund 280.000 auf rund 600.000 Barrel pro Tag steigern. Das wären aufs Jahr gesehen rund 117 Millionen Barrel zusätzlich. Eine vereinfachte Hochrechnung: Bei einem Ölpreis von 60 Dollar und Gesamtkosten von 20 Dollar verbliebe eine Bruttomarge von rund 40 Dollar. Bezogen auf den zusätzlichen Ausstoß von 117 Millionen Barrel entspräche das einem Bruttoertrag von rund 4,7 Milliarden Dollar im Jahr. Auf Chevron entfällt davon aber nur ein Teil, da PDVSA Mehrheitsgesellschafter ist. Hinzu kommen Abzüge etwa für Steuern, Transportkosten und Preisabschläge dafür, dass es sich um nicht so leicht zu verarbeitendes Schweröl handelt. Unter dem Strich dürfte für Chevron immerhin ein Betrag im niedrigen einstelligen Milliarden-Dollar-Bereich realistisch sein. Venezuelas Infrastruktur braucht dringend Investitionen. Viele der großen ausländischen Konzerne wurden nach der Jahrtausendwende aus dem Land getrieben, erfahrene Angestellte des staatlichen Ölkonzerns entlassen. Chevron gehört zu den wenigen ausländischen Unternehmen, die geblieben sind. Der Durchhaltewille scheint sich jetzt bezahlt zu machen. Anfang des Jahres haben Spezialeinheiten des US-Militärs Staatspräsident Nicolas Maduro festgenommen. Die Interimsregierung ­Venezuelas ist offen für ausländische Teilhaber. Neben Chevron kündigten auch GE Vernova und der italienische Energiekonzern Eni umfangreiche Investitionen an. Venezuela ist ein Land, das langfristig großes Potenzial hat, aber auch besondere Risiken birgt. Die massive Einflussnahme der US-Regierung unter Trump, aber auch die schwer einzuschätzende Lage im Land selbst können schnell zu einer Belastung werden. Auch ist nicht abzusehen, wie sich ein Regierungswechsel in Washington auf das Verhältnis der USA zu Venezuela auswirken würde. „In Venezuela und darüber hinaus gibt es sehr starke rechtliche Schutzvorkehrungen, die Teil dieser Vereinbarung sind und uns das Vertrauen geben, diese Investition zu tätigen“, betont Chevron-Chef Wirth.

Gewinn mehr als verdoppelt
Die neuen Investitionen in Venezuela kommen in einer für die Ölindustrie lukrativen Zeit. Der Irankrieg und die Störung des Schiffverkehrs in der Straße von Hormus haben den Ölpreis in die Höhe getrieben. Im zweiten Quartal lag der Brent-Preis bei rund 100 Dollar im Vergleich zu 68 Dollar im Vorjahreszeitraum. Im ersten Halbjahr hat Chevron seinen Nettogewinn auf 14,3 Milliarden Dollar mehr als verdoppelt. Der operative Cashflow stieg von knapp 14 Milliarden auf mehr als 25 Milliarden Dollar. Die Finanzschulden hat der Konzern seit Jahresbeginn um neun Prozent auf 37,1 Milliarden Dollar gedrückt. Die gute Geschäftsentwicklung hilft ­Chevron auch, die 53 Milliarden Dollar teure Übernahme von Hess zu verarbeiten. Durch den Zukauf hat Chevron Zugriff auf große Vorkommen in Guyana bekommen und ist zu 30 Prozent an einem entsprechenden Joint Venture beteiligt. Das Feld in Guyana gilt wegen niedriger Förderkosten, hoher Qualität des Rohöls und der großen Menge als eines der attraktivsten Ölvorkommen der Welt. Das dürfte das Profil von Chevron auch aus Sicht der ­Aktienmärkte deutlich verbessern. Schon jetzt erhöht die Übernahme das Produktionsvolumen. Die jährlichen Synergien beziffert Chevron auf 1,5 Milliarden Dollar. Chevron verfügt über ein breit aufgestelltes Öl- und Gasgeschäft. Ende 2025 lagen die nachgewiesenen Reserven bei 10,6 Milliarden Barrel Öläquivalent. Wichtige Förderregionen sind das Permian-­Becken in Texas und New Mexico, das Bakken-Gebiet, der Golf von Mexiko, Kasach­stan, Australien, Israel sowie mehrere Länder Afrikas und Asiens. Zugleich baut Chevron das Erdgasgeschäft aus. Mit ­Microsoft wurde ein Vertrag für ein direkt an ein Rechenzentrum in West-Texas ­gekoppeltes Gaskraftwerk geschlossen. Das Projekt Kilby soll ab 2028 Strom liefern und langfristig rund 2,67 Gigawatt Leistung erreichen. Der Ölpreis bleibt der wichtigste Einflussfaktor für den Aktienkurs. Kurzfristig richten sich die Blicke auf die Straße von Hormus. Längerfristig geht es um die Frage, welche Rolle Öl bei der Energieversorgung der Welt spielen wird. Der wachsenden Verbreitung von erneuerbaren Energien und Elektroautos steht eine weiterhin steigende Nachfrage insbesondere in den Schwellenländern entgegen. Laut jüngsten Zahlen des britischen Energy Institute stieg der globale Ölverbrauch im vergangenen Jahr um 1,3 Prozent auf einen neuen Höchststand.

Fazit

Bei 180 Euro hat die Chevron-Aktie ­unser Kursziel erreicht und attackiert jetzt mit der Kursspitze aus dem Frühjahr bei 210 Dollar einen wichtigen charttechnischen Widerstand. Ein Ölpreis „höher für länger“ liefert Argumente für einen Durchbruch. Die Aktie bleibt eine Absicherung gegen geopolitische Krisen, ist zugleich aber auch ein zuverlässiger Dividendenlieferant. Den Break-even-Punkt für Investitionen und Dividende sieht Chevron im Durchschnitt der Jahre 2026 bis 2030 bei weniger als 50 Dollar je Barrel Brent. Venezuela dürfte in den Kalkulationen der Wall Street bislang allenfalls ein kleiner Posten sein, aber längerfristig Aufwärtspotenzial bieten. Das durchschnittliche Kursziel der Analysten für Chevron liegt bei 219 Dollar beziehungsweise 188 Euro und würde damit noch Potenzial lassen. Wir heben unser Kursziel auf 205 Euro an und liegen damit nahe am oberen Rand der Analystenspanne. Der Stopp wird nachgezogen.

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