Anthropics Börsenprospekt hebt die Stimmung rund um das Geschäft mit der Künstlichen Intelligenz (KI). Auch Chipaktien gewinnen schon den zweiten Tag in Folge. Wird der Lauf anhalten?

Die KI-Wette ist an den Märkten zurück. Der S&P 500 legt am Dienstag 0,6 Prozent zu, der Nasdaq gewinnt sogar 1,32Prozent (Stand 18 Uhr MEZ). Besonders gefragt waren erneut Chipwerte: Broadcom sprang um mehr als drei Prozent, AMD stieg um nahezu drei Prozent und Micron um mehr als ein Prozent. Der Halbleitersektor setzte seine Erholung auf breiter Front fort.

Nasdaq (ISIN: US6311011026)

Anthropic-Zahlen machen Hoffnung

Den Auslöser dafür sehen Beobachter im Börsenprospekt von Anthropic. Darin hat der KI-Pionier Zahlen geliefert, die für den gesamten Sektor Hoffnung machen. Der Anbieter des Sprachmodells Claude erwirtschaftete im ersten Halbjahr 2026 einen Umsatz von knapp 16,3 Milliarden US-Dollar. Davon erlöste Anthropic allein im zweiten Quartal 11,6 Milliarden US-Dollar – ein Zuwachs von 144 Prozent gegenüber dem ersten Quartal.

Vielleicht noch wichtiger: Anthropic liefert den ersten, zarten Beleg dafür, dass sich mit künstlicher Intelligenz doch genug Geld verdienen lässt, um die enormen Ausgaben für Rechenzentren, Chips und Strom zu rechtfertigen. Denn das Unternehmen erreichte im ersten Halbjahr operativ einen Gewinn von 1,6 Milliarden US-Dollar. Dieser wurde allerdings adjustiert, indem Mitarbeitervergütungsprogramme herausgerechnet wurden. Der adjustierte Nettogewinn fiel mit 2,67 Milliarden US-Dollar sogar noch höher aus. Hier griff Anthropic allerdings tief in die Bilanzarithmetik ein und rechnete zum Beispiel die – von den US-GAAP-Regeln vorgeschriebenen – Kosten für Wertberichtigungen aus dem möglichen Umtausch von Wandelschuldverschreibungen heraus. Die aber sind für Aktionäre, die mit dem Börsengang neu hinzustoßen, durchaus relevant, weil sie ihren Gewinnanteil auffressen.

Nach den offiziellen US-GAAP-Regeln lag der Nettoverlust im ersten Halbjahr bei 81 Milliarden US-Dollar. Operativ lag Anthropic mit minus 693 Millionen US-Dollar aber auch hier deutlich näher an der Gewinnschwelle als im Vorjahr, als noch ein operativer Verlust von 2,1 Milliarden US-Dollar entstanden war. Im zweiten Quartal erzielte Anthropic sogar einen operativen Gewinn von 974 Millionen US-Dollar.

KI-Kunden süchtig nach Tokens

Was aber wirklich aufhorchen lässt, ist die sogenannte „Retention Rate“, die Bindung der Bestandskunden. Anthropic weist im Prospekt eine Netto-Umsatzbindung von 900 Prozent aus. Bestehende Kunden haben also im betrachteten Zeitraum ein Vielfaches mehr für die KI-Nutzung ausgegeben als ein Jahr zuvor. Das heißt: Wer einmal mit KI anfängt, ist süchtig nach mehr Tokens. Die Nutzungsintensität steigt und damit der Umsatz pro Kunde. Damit lassen sich steigende Infrastrukturinvestitionen hervorragend rechtfertigen.

Mega-Aufträge für Broadcom

Die wachsende Begeisterung für die Anthropic-Zahlen überträgt sich an der Börse nun auf die Zulieferkette. Zumal am Dienstag ein Bankenkonsortium aus Bank of America, Citigroup, Morgan Stanley und Blackstone eine Finanzierung von 63 Milliarden US-Dollar einfädelte, mit denen Anthropic Technologie von Broadcomeinkaufen wird. Der Deal schob die Broadcom-Aktie an und schürt die Erwartungen, dass die Investitionen in Rechenkapazität und Netzwerktechnik weiterhin hoch bleiben.

Portfoliomanager Jed Ellerbroek von Argent Capital Management beschrieb die Stimmung gegenüber dem US-Börsensender CNBC so: „Der Markt durchläuft immer wieder Phasen, in denen die Ausgaben für KI Anlass zur Sorge geben. Doch dann kehren wir in der Regel wieder zum Normalzustand zurück, und der Technologiesektor treibt die Kurse nach oben.“ In den vergangenen zwei Wochen sei der Schalter ausgeschaltet gewesen. „Doch es sieht so aus, als wäre er an den ersten beiden Handelstagen dieser Woche wieder eingeschaltet worden.“

Broadcom (WKN: A2JG9Z)

Fazit für Anleger

Anthropic hat die KI-Rallye mit starken Zahlen zu Wachstum und Margen neu befeuert. Aus Sicht der Aktionäre von Broadcom, AMD, Micron und anderen Zulieferern ist das ein Beweis dafür, dass die Nachfrage nach KI-Infrastruktur nicht nur aus Erwartungen besteht, sondern zu realen Milliardenumsätzen führen wird - und zwar noch lange.

Schon morgen werden diese Erwartungen einem erneuten Realitätscheck unterzogen: Mittwochabend nach Börsenschluss melden Microsoft und Alphabet ihre Zahlen zum dritten Quartal. Sie werden dann auch ein Update zu ihren geplanten KI-Investitionen geben. Bisher spricht viel dafür, dass auch die beiden Platzhirsche ihre KI-Rechenzentren weiter stark ausbauen.

Wenn Sie MIttwochabend sofort informiert werden wollen, sobald die Zahlen von Alphabet und Microsoft bekannt sind, sollten Sie sich jetzt die BÖRSE ONLINE-App herunterladen ( iOS/ Android) und unter "Einstellungen" die Benachrichtigungen aktivieren.

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