Der Streamingdienst Netflix muss ein neues Drehbuch für die Aktienmärkte entwerfen. Warum auch die neue Story Spaß machen soll.
Hinweis: Dieser Artikel erschien zuerst am 23. September in der BÖRSE ONLINE-Ausgabe 40/26. Wenn Sie in Zukunft als Erstes die Einschätzung unserer Experten lesen wollen, dann werfen Sie einen Blick auf dieses Angebot.
Ein scheinbar perfektes Leben: Joyce Gomora ist glamouröse Influencerin, erfolgreiche Geschäftsfrau, Ehefrau und Mutter. Hinter der Fassade sieht es allerdings anders aus. Joyce muss sich unangenehmen Wahrheiten stellen. Die TV-Dramaserie ist eine südafrikanische Produktion, basierend auf einem Roman der simbabwischen Autorin Sue Nyathi — und ein unerwarteter Streaminghit.
„The Polygamist“ steht für einen wichtigen Eckpfeiler der Zukunftsstrategie von Netflix. Um international zu wachsen und sich von der Konkurrenz aus Hollywood abzugrenzen, setzt Netflix immer stärker auf regional produzierte Inhalte. Vor einem Jahrzehnt machten Serien und Filme in anderen Sprachen als Englisch weniger als ein Zehntel der gesamten Nutzung auf Netflix aus, heute sind es mehr als ein Drittel. Manchmal entwickeln sich regionale Produktionen zu weltweiten Hits.
Die südkoreanische Serie „Squid Game“ ist so ein Fall. Die Dramaserie erreichte in mehr als 90 Ländern Platz 1 bei Netflix. Davon ist „The Polygamist“ noch weit entfernt, zieht aber ein beachtliches Interesse auf sich. Erstmals im Juni veröffentlicht, erreichte die Serie in 62 Ländern die Top Ten, darunter die USA, Brasilien und Deutschland. Das dürfte auch daran liegen, dass viele der Hauptmotive — Liebe, Verrat, Geld, dramatische Enthüllungen — Stoff für Diskussionen in sozialen Medien liefern.
Netflix ist ein globales Phänomen. Mehr als 97 Milliarden Stunden — das entspricht mehr als elf Millionen Jahren — haben Abonnenten allein im ersten Halbjahr auf der Plattform des weltgrößten Streamingdienstes verbracht. Bei derzeit rund 330 Millionen Abonnenten kommen auf jedes Abo im Schnitt mehr als 1,5 Stunden pro Tag.
Extra-Erlöse steigen, aber...
Da bei vielen Abos Werbespots im Programm platziert werden, steigen mit der Zahl der Stunden auch die Extraerlöse. Auf das jüngste Drama an den Aktienmärkten hätten Investoren allerdings gerne verzichtet. Nach dem Hoch bei 113 Euro im Sommer vergangenen Jahres ging es in der Spitze auf weniger als 60 Euro nach unten. Die zuletzt etwas enttäuschenden Geschäftsergebnisse sind nur ein Teil des Problems.
Die größte Sorge: Netflix könnte dem Zenit nahe sein. Ein Wachstumswert, der nicht mehr wächst, ist fast immer eine schlechte Investmentstory. Die gestreamten Stunden stiegen im ersten Halbjahr gegenüber dem Vorjahreszeitraum nur um zwei Prozent. Netflix rechnet für das dritte Quartal mit einem währungsbereinigten Umsatzwachstum von elf Prozent, nach zwölf Prozent im zweiten Quartal.
Gleichzeitig ist der Konkurrenzdruck intensiv. Rivalen wie Disney, die die Streaming-Revolution zunächst verschlafen haben, sind aufgewacht. Dass Netflix seine Abonnentenzahlen nicht mehr veröffentlicht und detaillierte Sehdaten künftig nur noch jährlich statt bisher halbjährlich vorlegen will, weckt vor diesem Hintergrund Misstrauen. Der inzwischen abgesagte Versuch, den Medienkonzern Paramount zu übernehmen, wurde von vielen Börsianern als Zeichen der Schwäche interpretiert.
Ein neues Drehbuch
Wie kann Netflix die Kontrolle über das eigene Narrativ zurückgewinnen? Die Basis für den Erfolg bleibt ein attraktives Angebot an Filmen und Serien. Das Politdrama „House of Cards“ mit Kevin Spacey und Robin Wright verhalf Netflix einst zum Durchbruch. Zuletzt zog die Mystery-Serie „Stranger Things“ viele Zuschauer in den Bann. Beides sind klassische Hollywood-Produkte.
„The Polygamist“ ist nicht nur wichtig, weil er international erfolgreich ist, sondern weil Afrika für Netflix bislang ein Nischenmarkt ist und erhebliches Wachstumspotenzial verspricht. Neben dem Kundenwachstum war auch die Zahl der Sehstunden lange Zeit ein wichtiger Leistungsindikator. Der Streamingdienst erklärt, dass diese Maßstäbe allein betrachtet an Relevanz verlieren.
„Zwischen der Zahl der gesehenen Stunden sowie Umsatz und Gewinn besteht kein linearer Zusammenhang, weil nicht alle Sehstunden gleichwertig sind“, betonte Co-CEO Gregory Peters in der jüngsten Telefonkonferenz mit Finanzanalysten.
Ein Beispiel: Live-Übertragungen ziehen nicht so viele Sehstunden wie Filme oder Serien, was daran liegen dürfte, dass der Unterhaltungswert nach Ende des Events schnell nachlässt. Live lockt aber überproportional viele neue Kunden an. Sechs der zehn Tage mit den meisten Neuanmeldungen in den vergangenen fünf Jahren seien auf solche Events entfallen. Deshalb sind für das laufende Jahr fünf Prozent der Content-Ausgaben für Live-Übertragungen veranschlagt, obwohl diese nur rund ein Prozent der Sehstunden ausmachen dürften.
Weiter Wachstumspotenzial
Trotz der hohen Abozahlen sieht Finanzvorstand Spencer Neumann für das Kerngeschäft weiter Wachstumspotenzial: „Wir haben derzeit weniger als 45 Prozent der weltweit adressierbaren Haushalte erreicht.“ Den Anteil von Netflix an der weltweiten Fernsehnutzung bezifferte er auf rund fünf Prozent — aus seiner Sicht ein weiterer Hinweis auf den verbleibenden Wachstumsspielraum. Neue Kategorien sollen Schwung bringen: Rund die Hälfte der Sehstunden auf Netflix entfällt auf den Abend.
Video-Podcasts von Netflix werden dagegen überproportional tagsüber und auf mobilen Geräten konsumiert. Das wertet Netflix als Indiz dafür, dass diese Angebote zusätzlich genutzt werden, also das Kerngeschäft nicht kannibalisieren. Künstliche Intelligenz ist auch in der Filmwelt ein kontroverses Thema. Netflix betont, die Technologie sei ein Werkzeug für Kreative und solle diese nicht ersetzen.
Im Frühjahr übernahm der Streamingdienst die von Schauspieler Ben Affleck gegründete KI-Firma Interpositive, deren Technologie Netflix in seinen Produktionsprozess einbindet. KI wurde bislang vor allem in der Nachbearbeitung eingesetzt, aber auch bei der Produktion komplexer Szenen. Für die Dokumentarserie „American Experiment“ wurden 17 Minuten durch KI optimiertes Material produziert — doppelt so schnell und halb so teuer wie mit bisherigen Mitteln, betont Co-CEO Theodore Sarandos. Auch das soll ein Signal an die Aktienmärkte sein.
Nach Jahren starken Wachstums rücken Gewinne und Gewinnqualität in den Vordergrund. Netflix hat sich zu einer Art digitalem Versorger entwickelt. Auch wenn es nicht um lebenswichtige Dienste geht, ist das Programm für viele Nutzer fester Bestandteil ihres Alltags. Für unsere Hochrechnung gehen wir davon aus, dass Netflix wie vom Konsens erwartet im kommenden Jahr rund 57 Milliarden US-Dollar Umsatz liefert. Bei einer Marge von 33 Prozent ergibt das einen operativen Gewinn von rund 19 Milliarden. Nach Steuern und sonstigen Abzügen dürften etwas mehr als 15 Milliarden bleiben, knapp 3,85 Dollar je Aktie. Als defensivem Wachstumswert gestehen wir Netflix ein KGV von 25 zu, was zu einem Kursziel von 95 Dollar, umgerechnet rund 83 Euro, führt. Das liegt leicht über dem Analystenkonsens.
Fazit
Netflix befindet sich in einem Übergangsstadium von einem schnell wachsenden Unternehmen zu einer Art digitalem Versorger. Darum dürfte es weiter starke Ausschläge geben. Das Bewertungsniveau ist inzwischen aber attraktiv.