An den US-Börsen brechen am Montag die Kurse von Chip- und Speicherwerten ein. Auslöser sind Aussagen der Chefs von Anthropic, OpenAI und SpaceX, die ein langsameres Tempo bei der KI-Entwicklung fordern. Ist das womöglich eine Chance zum Nachkaufen?
Die KI-Rally hat zum Wochenstart einen herben Dämpfer erhalten. Aktien aus dem Bereich der künstlichen Intelligenz fielen am Montag deutlich, nachdem Anthropic-Chef Dario Amodei am Wochenende eine Verlangsamung bei der Entwicklung immer leistungsfähigerer Modelle gefordert hatte – aus Sicherheitsgründen. Gleichzeitig signalisierte OpenAI-Chef Sam Altman, dass sein Unternehmen den geplanten Börsengang wegen der Sicherheitsbedenken verschieben werde. Und sogar SpaceX-Gründer Elon Musk signalisierte Unterstützung.
Immer auf dem Laufenden bleiben: Jetzt die BÖRSE ONLINE-App herunterladen ( iOS/ Android) und unter "Einstellungen" die Benachrichtigungen aktivieren.
Verluste quer durch die Bank
In Asien verloren die Aktien des Speicherchipherstellers SK Hynix daraufhin bereits am Morgen mehr als sechs Prozent, Aktien von Samsung Electronics gaben mehr als vier Prozent ab. Softbank, einer der größten Investoren bei OpenAI, rauschte an der Tokioter Börse rund zehn Prozent in den Keller. Auch in Europa standen Werte aus dem KI- und Chipumfeld deutlich unter Druck. Der Chipausrüster ASML, der Chipkonzern Infineon und auch Nokia, das ebenfalls zuletzt von KI-Fantasie profitierte, gaben deutlich ab, genauso wie Siemens Energy und Schneider Electric, die vom Ausbau der Rechenzentrumsinfrastruktur profitieren. Der KI-Cloud-Newcomer Nebius aus Amsterdam gab zeitweise mehr als neun Prozent ab.
An der Wall Street gerieten vor allem Speicher- und Halbleiterwerte unter Druck. Micron verlor im vorbörslichen Handel rund fünf Prozent, Intel fast sechs Prozent und Nvidia knapp drei Prozent. Microsoft, Amazon und Alphabet gaben etwas moderater nach.
Elon Musk schrieb: „Dario hat recht.“
Auslöser der Debatte war ein Beitrag von Anthropic-Chef Dario Amodei. „Wir müssen das Tempo verlangsamen, in dem wir die Fähigkeiten von KI-Modellen verbessern“, schrieb der Anthropic-Chef. Amodei sprach zwar ausdrücklich nicht von einem Entwicklungsstopp und betonte, dass der Fortschritt weiterhin schnell erscheinen werde.
Hinzu kam, dass Sam Altman von OpenAI Amodeis Forderung unterstützt. Auch er stellte klar, dass „geringeres Tempo“ nicht „Stopp“ bedeuten werde. Fortschritte sollten lediglich langsamer erfolgen, als es technisch möglich wäre. Denn Sicherheitsprüfungen und eine bessere Überwachung verursachen zusätzliche Kosten und kosten Zeit.
Elon Musk schrieb auf X: „Dario hat recht.“ Gleichzeitig deutete er an, dass SpaceX im kommenden Jahr weiterhin wie geplant von Nvidia angetriebene KI-Server im All starten wolle. Von einer konkreten Kürzung der Investitionen ist also bislang nichts zu sehen.
Der Geist ist aus der Flasche
Aber der Geist war damit aus der Flasche: Wenn die KI-Entwickler den Fuß vom Gas nehmen, so die Lesart, wird sich auch der Aufbau von Rechenzentren verzögern. Und das bedeutet geringere oder zumindest zeitlich stärker gestreckte Investitionen – mit unmittelbaren Folgen für die Nachfrage nach KI- und Speicherchips, Stromanschlüssen und anderen Komponenten. Das würde auch bedeuten, dass die Preise, die bisher eine massive Knappheit widerspiegeln, sinken. Damit stünden die Gewinnerwartungen zahlreicher Zulieferer infrage.
Zoe Gillespie von RBC Brewin Dolphin warnte gegenüber CNBC, die Aktienrally beruhe stark auf künftigem Gewinnwachstum und Produktivitätsgewinnen durch KI. Wenn diese Erwartungen ins Wanken gerieten, könne das die Aktienkurse destabilisieren.
Besonders empfindlich reagierten Speicherhersteller. UBS-Analysten schätzen, dass rund 90 Prozent der für 2025 bis 2027 erwarteten KI-Investitionen von knapp einer Billion US-Dollar in Speicher fließen sollen. Eine echte Pause beim Aufbau der Infrastruktur würde Micron und SK Hynix daher besonders hart treffen.
Nvidia bleibt das Maß der Dinge
Trotz des Kursrückgangs sieht die US-Finanzzeitung Barron’s besonders Nvidia unter den Chipwerten gut positioniert. Der Konzern wäre zwar ebenfalls von einer Verlangsamung bei Anthropic und OpenAI betroffen. Nvidia habe aber seine Abhängigkeit von wenigen Großkunden reduziert, schreibt Barron’s, indem das Unternehmen in Start-ups investiert und offene KI-Modelle unterstützt.
Nvidia investierte bisher schon 30 Milliarden US-Dollar in OpenAI und stellte Anthropic bis zu 10 Milliarden US-Dollar in Aussicht. Verschieben sich Börsengänge oder verliert die Nachfrage dieser Kunden an Dynamik, wäre das für Nvidia ein Rückschlag. Gleichzeitig verfügt der KI-Platzhirsch aber über weitere Abnehmer, die schon Schlange stehen, und ein breiteres Ökosystem als viele Konkurrenten.
Und noch etwas kommt hinzu: Nicht die gesamte KI-Nachfrage hängt am Training neuer LLM-Modelle. Bei der sogenannten Inferenz nutzen die User fertige Modelle im laufenden Betrieb. Und hier steigt die Nachfrage derzeit immer noch stark an, wie die Quartalszahlen von Alphabet, Salesforce und zuletzt sogar Oracle zeigten. Laut Ben Barringer von Quilter Cheviot übersteigt in diesem Sektor die Nachfrage nach entsprechender Rechenleistung weiterhin das Angebot. Selbst wenn Anthropic & Co. die Geschwindigkeit beim Training und der Einführung neuer KI-Modelle etwas drosseln, müssten die Umsätze der Chipkonzerne dadurch nicht zwangsläufig einbrechen.
Steigende Zinsen verschärfen die Lage
Doch es gibt noch eine andere Lesart, warum die KI-Branche gerade jetzt auf die Bremse tritt: OpenAI ist immer noch nicht profitabel und hätte es wohl schwer, den Investoren bei einem Börsengang im Herbst schon eine schlüssige Story zu erzählen. Anthropic wiederum sieht sich Sicherheitsbedenken gegenüber, weil es zuletzt den Eindruck erweckte, dass es die eigenen Modelle nicht voll unter Kontrolle hat, wenn sich diese – wie im Mythos – unbeobachtet in fremde Systeme hacken.
Hinzu kommt ein Thema, von dem man lange dachte, dass es die Kolosse der Technologiebranche nicht betrifft: Die Zinsen am Bondmarkt steigen. Weil aber selbst Cash-Maschinen wie Google, Amazon und Microsoft mittlerweile so viel Geld in den KI-Ausbau investieren, dass ihre eigenen Cashflows dafür nicht mehr ausreichen, zapfen sie mittlerweile mit Anleihen selbst den Bondmarkt an. Steigen dort die Zinsen, bedeutet das für sie höhere Finanzierungskosten – was den Ausbau erneut verteuert.
Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen, die den Zins auch für Unternehmensanleihen de facto vorgibt, lag am Freitag bei 4,97 Prozent. Und am Mittwoch dürfte die Federal Reserve über eine Zinserhöhung entscheiden, die dann die kurzlaufenden Anleihen beeinflusst.
Barron’s kommt deshalb zu dem Schluss: Die Forderungen nach einem langsameren Entwicklungstempo bei der künstlichen Intelligenz könnten lediglich der Anlass für eine Korrektur sein, auf die der Markt ohnehin gewartet hat.
Was tun als Anleger?
So schwer es fallen mag: Aktionäre der betroffene Unternehmen sollten einmal die kommenden Tage abwarten. Der heutige Ausverkauf bei Nvidia, Micron, ASML und anderen KI-Werten ist ein Warnsignal, aber noch kein Beweis für das Ende des KI-Booms. Die Aussagen der Chefs der großen KI-Labore erhöhen zwar die Unsicherheit im Markt, doch bislang hat kein führendes Unternehmen seine Investitionspläne wirklich gekürzt.
Allerdings wäre das Korrekturpotenzial bei den Kursen groß, wenn sich die Erwartungen wirklich als überhöht erweisen würden und die bereits angekündigten Investitionen in Rechenzentren gestreckt würden. Genau deshalb ist es auch zu früh, heute schon nachzukaufen - bis auf einige wenige Ausnahmen viellecht.
Unter den Aktien Im KI-Sektor scheint Nvidia für ein solches Szenario vergleichsweise solide aufgestellt. Auch ein Unternehmen wie Apple, das gerade erst in größerem Stil mit dem Thema KI beginnt, könnte sogar profitieren, wenn die Speicherpreise sinken. Den dann steigt die Marge auf seine Greäte, also Macbooks udn iPhones.,
Viele andere könnten dagegen schnell in Schwierigkeiten geraten, wenn sich geplante Aufträge plötzlich verzögern. Das gilt vor allem dann, wenn sie hohe Zahlungsverpflichtungen aus Schulden oder begebenen Anleihen aufweisen. Der Fed-Znentscheid am Mittwoch bekommt dadurch eine noch größere Bedeutung.
Hinweis auf Interessenkonflikte
Der Vorstand und Mehrheitsinhaber der Herausgeberin Börsenmedien AG, Herr Bernd Förtsch, ist unmittelbar und mittelbar Positionen über die in der Publikation angesprochenen nachfolgenden Finanzinstrumente oder hierauf bezogene Derivate eingegangen, die von der durch die Publikation etwaig resultierenden Kursentwicklung profitieren können: Nvidia, Apple.
Hinweis auf Interessenkonflikte
Der Autor und der Vorstand und Mehrheitsinhaber der Herausgeberin Börsenmedien AG, Herr Bernd Förtsch, sind unmittelbar und mittelbar Positionen über die in der Publikation angesprochenen nachfolgenden Finanzinstrumente oder hierauf bezogene Derivate eingegangen, die von der durch die Publikation etwaig resultierenden Kursentwicklung profitieren können: Nebius.
Mit uns steuern Sie Ihr Depot auch durch unsischeres Fahrwasser
Mit den wertvollen Anlagetipps von BÖRSE ONLINE reagieren Sie immer zeitnah auf die Lage an den Kapitalmärkten. Das funktioniert am besten, wenn Sie als E-Paper-Abonnent die Ausgabe immer schon mittwochs um 10 Uhr erhalten - statt freitags gedruckt am Kiosk. das E-Paper-Probeabo für nur 7.80 Euro (für 4 Ausgaben) können Sie direkt hier bestellen.
Häufige Fragen zum Thema
Welcher Vertreter der KI-Branche hat am Wochende vor den Risiken von KI gewarnt?
Das war Dario Amodei, der Chef des US-amerikanischen KI-Labors Anthropic, dem Entwickler von Claude. Er warnte in einem Beitrag eindringlich vor den eskalierenden Risiken von Künstlicher Intelligenz. Es sei zu befürchten, dass die Fähigkeiten von KI-Systemen derzeit schneller voranschreiten als die entsprechenden Sicherheitsvorkehrungen. Amodei skizzierte das konkrete Risiko, dass ein unkontrollierter „Schwarm“ autonomer KI-Agenten bereits in sechs bis zwölf Monaten das Internet übernehmen könnte, wenn die Branche ihr Entwicklungstempo nicht drossele.
Warum fallen KI-Aktien nach der Warnung von Anthropic-Chef Dario Amodei?
Wenn die KI-Entwickler ihr Tempo bremsen, könnte sich auch der Aufbau von Rechenzentren verzögern. Das bedeutet geringere oder zeitlich gestreckte Investitionen – mit unmittelbaren Folgen für die Nachfrage nach KI- und Speicherchips, Stromanschlüssen und anderen Komponenten. Damit stünden die Gewinnerwartungen zahlreicher Zulieferer infrage.
Warum spielt das Zinsniveau für den KI-Ausbau eine Rolle?
Die Zinsen am Bondmarkt steigen. Weil aber selbst Unternehmen wie Google, Amazon und Microsoft mittlerweile so viel Geld in den KI-Ausbau investieren, dass ihre eigenen Cashflows dafür nicht mehr ausreichen, haben Sie begonnen, mit Anleihen den Bondmarkt anzuzapfen. Steigen dort die Zinsen, bedeutet das für sie höhere Finanzierungskosten – was den Ausbau erneut verteuert.