Im Geschäft mit biometrischen Reisepässen, elektronischen ­Personalausweisen und Grenzkontrollsystemen besetzen dieses Unternehemn aus Bayern eine attraktive Nische. Das Geschäftsmodell hat einen Burggraben und wächst zudem strukturell. Das ­spiegelt sich nicht nur im Auftragseingang wider, sondern sollte der zuletzt arg ­gebeutelten Aktie auch Auftrieb geben.

Aus Aktionärssicht gab es bei der Mühlbauer-Aktie in den letzten Jahren wenig Anlass zur Freude. Von Höchstständen jenseits der 60-Euro-Marke im Herbst 2023 brach der Kurs bis auf 36 Euro in diesem Frühjahr ein. Neben dem erodierenden Gewinn 2024, ausgelöst durch Insolvenzen von Großkunden, war es vor allem die Schwächephase im Automationssegment, die den Titel gen Süden zog. Zuletzt zeigte der Nebenwert aber wieder Aufwärtsambitionen und eroberte dabei zwischen zeitlich sogar die 40-Euro-Marke zurück. Ein Blick auf die Fundamentaldaten legt nahe, dass die jüngste Entwicklung mehr könnte als eine technische Gegenbewegung, sondern der Beginn einer Neubewertung sein dürfte.

Aus charttechnischer Perspektive hat sich die Ausgangslage zuletzt deutlich aufgehellt. Entscheidend ist der Ausbruch über den 200-Tage-Durchschnitt bei 38,84 Euro, der sich in den vergangenen Monaten wiederholt als hartnäckige Widerstandslinie erwiesen hatte. Gleichzeitig durchschnitt der 50-Tage-Durchschnitt die 200-Tage-Linie von unten nach oben — ein Muster, das Techniker als „Golden Cross“ bezeichnen und das als mittelfristiges Kaufsignal gilt. Hält die Unterstützung bei 38,80 Euro, rückt das Verlaufshoch bei 41,80 Euro ins Visier, darüber liegt bei 45 Euro eine übergeordnete Widerstandszone.

Mühlbauer (WKN: 662720)

Starke operative Entwicklung

Mehr als das Chartbild spricht die operative Entwicklung für sich. Im ersten Halbjahr 2026 steigerte Mühlbauer den Konzernumsatz auf 249,9 Millionen Euro, was einem Zuwachs von 21 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum entspricht. Noch beeindruckender ist die Entwicklung beim Auftragseingang: Er verdoppelte sich binnen zwölf Monaten auf 243,7 Millionen Euro.

Der Konzern mit Sitz im bayerischen Roding beschäftigt rund 4.000 Mitarbeiter und bedient zwei sehr unterschiedliche Märkte. Auf der einen Seite steht der Bereich Automation mit Spezialmaschinen für die Halbleiter- und Elektronikindustrie. Auf der anderen Seite findet sich das Segment Tecurity. Letzteres ist aktuell der Schlüssel zur Aktie. Die Sparte produziert Systeme zur Personalisierung von Sicherheitsdokumenten, wie biometrische Reisepässe, elektronische Personalausweise und Grenzkontrollsysteme. Im ersten Halbjahr stieg der Segmentumsatz um 57,5 Prozent auf 142,2 Millionen Euro und steuerte damit über die Hälfte des Konzernumsatzes bei. Der Auftragseingang kletterte um 121,5 Prozent auf 99,0 Millionen Euro.

Der für Mühlbauer adressierbare Markt wächst in allen Teilbereichen strukturell. Der globale Markt für automatisierte Grenzkontrollsysteme war 2025 rund 2,4 Milliarden US-Dollar schwer und expandiert laut Markets and Markets mit 14,4 Prozent jährlich. Der Markt für biometrische Reisepässe und ID-Dokumente wird auf fünf bis 14 Milliarden Dollar geschätzt, mit acht bis 13 Prozent Wachstum per annum. Treiber sind dabei vor allem öffent­liche Vorgaben. So verpflichtet die EU alle 29 Schengenstaaten zur biometrischen Erfassung im Rahmen des Entry/Exit-Systems, ID-Programme in Afrika, Südostasien und Lateinamerika werden modernisiert, die ICAO treibt die globale Standardisierung voran.

Weniger zyklisch als Halbleiter

Der entscheidende Vorzug von Tecurity liegt in seiner Nachfragelogik. Halbleitermaschinenbauer sind notorisch zyklisch. Im ersten Halbjahr 2026 ging der Automation-Umsatz um 13,2 Prozent auf 77,1 Millionen Euro zurück. Tecurity ist konjunkturunabhängig. Kein Staat verschiebt ein nationales Passsystem aus Budgetgründen. Lieferverträge folgen politischen Mandaten und laufen über Jahre. Dazu kommen strukturelle Wettbewerbsvorteile. Lieferanten müssen ICAO-Compliance, Common-Criteria-Zertifizierung und nationale Sicherheitsfreigaben vorweisen — ein mehrjähriger Prozess, der neue Marktteilnehmer wirksam fernhält. Sind Systeme installiert, sind die Wechselkosten für Regierungen enorm. Im Wettbewerbsfeld mit Thales und Idemia, denen Analysten Marktanteile von 25 bis 30 respektive rund 18 Prozent zuschreiben, hat Mühlbauer eine scharfe Nische besetzt.

Weiterführende Links

Substanz ohne Schwachstellen

Ein Blick in die Konzernbilanz zum 30. Juni bestätigt das Bild eines finanziell kerngesunden Unternehmens. Das Eigenkapital stieg auf 274,2 Millionen Euro. Die daraus resultierende Eigenkapitalquote von 45,5 Prozent ist außergewöhnlich für einen Investitionsgüterhersteller. Die liquiden Mittel beliefen sich auf 81,6 Millionen Euro, nennenswerte Finanzschulden existieren nicht. Mühlbauer ist schuldenfrei und damit im Vorteil gegenüber fremdkapitalintensiven Wettbewerbern im Umfeld erhöhter Zinsen.

Der Auftragsbestand von 688,5 Millionen Euro entspricht rund 138 Prozent des für 2026 erwarteten Jahresumsatzes von annähernd 510 Millionen Euro. Der leichte Rückgang gegenüber dem Vorjahreswert von 768,9 Millionen Euro ist Ergebnis planmäßiger Projektabarbeitung bei gleichzeitig sprunghaft gestiegenem Neuauftragseingang.

Bei einem Kurs von 39,80 Euro und einer Marktkapitalisierung von rund 582 Millionen Euro ist Mühlbauer attraktiv bewertet. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis auf Basis der Schätzungen für 2027 liegt bei rund 26. Damit ist der Titel beileibe kein Schnäppchen, jedoch ist der Wert für eine Aktie dieser Qualität durchaus vertretbar. Die Dividendenrendite auf Basis der zuletzt gezahlten 1,50 Euro beträgt 3,8 Prozent. Berücksichtigt man die Nettoliquidität von rund 82 Millionen Euro, liegt der bereinigte Enterprise Value unter 480 Millionen Euro und damit bei weniger als dem Einfachen des erwarteten Jahresumsatzes. Value-Territorium.

Fazit

Mühlbauer ist kein Glamourtitel. Das Unternehmen kommuniziert zurückhaltend, die Aktie ist im Mid-Cap-Universum wenig beachtet, der Chart zeigt die Narben einer schwierigen jüngeren Vergangenheit. Genau das macht die Situation interessant. Ein verdoppelter Auftragseingang, ein operativer Turnaround, eine staatsauftragsgetriebene Wachstumsstory in Tecurity und eine makellose Bilanz ergeben ein Profil, für das der Markt anderswo ein deutlich höheres Vielfaches zahlen würde. Wer dem Unternehmen Zeit gibt, findet in Mühlbauer eine substanzstarke Value-Aktie mit realem Aufwärtspotenzial und einem Geschäftsmodell, das stiller, aber beständiger arbeitet, als es der Kurs bislang widerspiegelt.

Dieser Text stammt aus der BÖRSE-ONLINE-Ausgabe 34/2026. Wenn Sie auch das Kurziel und den Stoppkurs für die Mühlbauer-Aktie erfahren möchten, können Sie das Heft hier als E-Paper kaufen.