Milliardenschwere Ausgaben für das 1 & 1-Mobilfunknetz haben über Jahre die Ergebnisse belastet. Doch die schwierigste Phase ist vorbei, die Kosten sinken. Zusammen mit dem margenstarken Abo-Modell von Ionos winkt United Internet ein massiver Cashflow-Hebel
Hinweis: Dieser Artikel erschien zuerst am 23. September in der BÖRSE ONLINE-Ausgabe 40/26. Wenn Sie in Zukunft als Erstes die Einschätzung unserer Experten lesen wollen, dann werfen Sie einen Blick auf dieses Angebot.
Nach Jahren enormer Investitionen verordnet United Internet seinen Konzerntöchtern einen rigorosen Sparkurs: Mit einem umfassenden Transformationsprogramm stellen 1 & 1 Versatel und Ionos ihre Organisationen neu auf. Insgesamt sollen im Rahmen der Sparmaßnahmen rund 800 Stellen abgebaut werden. Der größte Einschnitt trifft die Glasfasertochter Versatel, bei der fast jede vierte Stelle wegfällt. Durch die Restrukturierung wird das Ergebnis im laufenden Jahr mit Einmalkosten in Höhe von 95 Millionen Euro belastet, die als Sondereffekt ausgewiesen werden. Ab 2028 sollen die Maßnahmen den Konzern um jährlich 55 Millionen Euro entlasten.
Das Geschäft des Unternehmens aus Montabaur reicht inzwischen weit über das klassische Telekommunikationsgeschäft hinaus: United Internet steuert als strategische Holding ein breit gefächertes Digital- und Infrastrukturportfolio. Das operative Geschäft gliedert sich in drei Kernsegmente, an denen der in MDAX und TecDAX gelistete Konzern teils börsennotierte Mehrheitsbeteiligungen hält. Am Telekommunikationsanbieter 1 & 1 ist United Internet mit einem Anteil von 78,3 Prozent beteiligt, am Cloud- und Hosting-Spezialisten Ionos mit 63,8 Prozent. Dazu kommt die Sparte Mail & Media, die mit den reichweitenstarken Portalen Gmx und Web.de eine feste Größe im deutschen Digitalmarkt ist.
Hohe Investitionen in Netzaufbau
Die Skepsis, mit der Anleger der United-Internet-Aktie in den letzten Monaten gegenüberstanden, hängt vor allem mit der Telekommunikationstochter 1 & 1 zusammen. Bei der 5G-Auktion 2019 trat 1 & 1 an, neben der Deutschen Telekom, Vodafone und Telefónica zum vierten Mobilfunk-Netzbetreiber aufzusteigen. Doch das Vorhaben, das erste komplett softwarebasierte Open-RAN-Netzwerk in Europa aufzubauen, erwies sich als enormer Kostenposten. Infrastruktur- und Lieferengpässe bei Ausbaupartnern führten zu Verzögerungen beim Antennenaufbau. Das behördliche Ziel, bis Ende 2022 insgesamt 1.000 eigene Antennen in Betrieb zu nehmen, verfehlte 1 & 1 als Folge klar.
Dazu kamen Probleme mit dem alten Roaming-Partner Telefónica. Dieser verweigerte 1 & 1-Kunden den Zugang zum schnellen 5G-Netz und verlangte starre Pauschalen für die Nutzung der Telefónica-Antennen. Zum strategischen Meilenstein wurde der Wechsel zu Vodafone als neuem Roaming-Partner. Seither erhalten 1 & 1-Kunden vollen 5G-Zugang. Entscheidender für die Kostenstruktur von United Internet ist jedoch das neue Abrechnungsmodell. Statt starrer Festbeträge zahlt 1 & 1 Roaming-Gebühren nun nach tatsächlicher Nutzung.
Mittlerweile hat 1 & 1 mehrere wichtige Hürden genommen. Ende 2025 wurde die Mammutaufgabe abgeschlossen, alle 12,5 Millionen Mobilfunkkunden in das eigene Kernnetz zu migrieren. Teure Doppelstrukturen, die die Bilanzen der vergangenen zwei Jahre belasteten, gehören damit der Vergangenheit an. Mit über 2.000 eigenen Funkmasten erreichte 1 & 1 Ende Juni bereits mehr als 27 Prozent der deutschen Haushalte. Dort liegt ein entscheidender Ergebnishebel: Mit jeder neuen Antenne wandert Datenverkehr von Vodafone auf die eigene Infrastruktur und die Roaming-Gebühren sinken automatisch.
Ionos als Cashflow-Generator
Während der Netzaufbau bei 1 & 1 Milliarden verschlang, verfügt United Internet mit seiner ebenfalls börsennotierten Cloud-Tochter Ionos über eine profitable Cash-Maschine. Das Portfolio reicht von Firmen-Domains und E-Commerce-Angeboten bis zu Webhosting und Cloud-Lösungen für kleine und mittelgroße Unternehmen. Um das Wachstum zu beschleunigen, setzt Ionos verstärkt auf KI-Produkte. Mit neu eingeführten Tools wie KI-gestützten Homepage-Baukästen und automatischen KI-Telefonassistenten soll der Umsatz pro Bestandskunde durch Up- und Cross-Selling gesteigert werden. Im Gegensatz zu vielen Konkurrenten verlässt sich Ionos dabei nicht auf die großen US-Hyperscaler, sondern betreibt eine selbst entwickelte Cloud-Infrastruktur in zahlreichen eigenen Rechenzentren in Europa und den USA. Das sichert nicht nur die Einhaltung strenger europäischer Datenschutzrichtlinien, sondern hält auch die Kosten niedriger.
Wiederkehrende Umsätze
Das margenstarke Abo-Modell von Ionos sorgt für einen hohen Anteil an wiederkehrenden Umsätzen. Mit einer operativen Marge von fast 38 Prozent steht der Cloud- und Hosting-Spezialist für mehr als ein Drittel des Konzernergebnisses von United Internet — bei einem Umsatzanteil von knapp 23 Prozent. Diese verlässlichen Erlöse können die hohen Kosten für den Aufbau des vierten Mobilfunknetzes ein Stück weit abfedern.
Die finanziellen Kraftanstrengungen für das eigene Netz hinterließen dennoch in den Bilanzen der vergangenen zwei Jahre deutliche Spuren. Während der Umsatz dank der krisenresistenten Abonnement-Basis kontinuierlich auf über 6,3 Milliarden Euro anstieg, geriet die Ergebnisseite unter Druck. Hohe Investitionen, teure Übergangskosten für Roaming und sprunghaft gestiegene Abschreibungen auf errichtete Antennen drückten die operative Konzernmarge in den vergangenen zwei Jahren spürbar und ließen den freien Cashflow zeitweise ins Minus rutschen. Die jüngsten Halbjahreszahlen zeigen jedoch, dass die härteste Phase der Transformation hinter dem Konzern zu liegen scheint. Mit einem Umsatzplus von 3,3 Prozent auf knapp 3,1 Milliarden Euro und einem Ebitda-Zuwachs von über fünf Prozent auf 676 Millionen Euro ist United Internet auf den Wachstumspfad zurückgekehrt. Trotz der Einmalkosten für das Transformationsprogramm hält die Holding am Jahresziel von rund 1,45 Milliarden Euro Ebitda fest.
Kostenpeak überwunden
United Internet ist deutlich vielschichtiger als viele andere Telco-Titel. Die Aktie bündelt ein kapitalintensives Infrastrukturprojekt, stabile Erlöse aus 1 & 1-Abonnements, das margenstarke Cloud-Geschäft von Ionos und die reichweitenstarken Mailportale Gmx und Web.de. Die Investitionen in den Netzaufbau, die Migration von mehr als 12,5 Millionen Mobilfunkkunden auf das eigene 1 & 1-Kernnetz und der Wechsel zum Roaming-Partner Vodafone haben temporär zu hohen Kosten für United Internet geführt. Diese Übergangsphase ist nun jedoch weitgehend abgeschlossen.
Fazit
Wenn der Investitionsbedarf abnimmt und die Roaming-Gebühren an Vodafone durch den Aufbau eigener Antennen sinken, kann schnell ein deutlicher Cashflow-Hebel entstehen. Dass die Aktie von United Internet mit einem Bewertungsabschlag zu europäischen Telcos gehandelt wird, sorgt für Aufholpotenzial und macht den Titel zum Comeback-Kandidaten.