An der Wall Street braut sich ein neues Risiko zusammen: Eine gewaltige Flut neuer Aktien könnte das Kapital aufsaugen wie ein Schwamm und der Börsenrally den Nährboden entziehen.
Bislang trat Goldman Sachs überwiegend mit positiven und optimistischen Aussagen zur aktuellen Börsenrally in Erscheinung. Doch nun macht Stratege Ben Snider in einem Bericht vom 9. Oktober auf eine überraschende Parallele zur Dotcom-Blase im Jahr 2000 aufmerksam. Könnte dieses bislang wenig beachtete Risiko den Markt tatsächlich zum Kippen bringen?
Aktienemissionen erreichen Rekordniveau
Laut Ben Snider ist „das Jahr 2026 auf dem besten Weg, ein Rekordjahr für US-Aktienemissionen zu werden.“ Im laufenden Jahr haben US-Firmen bislang neue Aktien im Wert von 431 Milliarden US-Dollar emittiert. Das entspricht einem Anstieg von 98 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Für das gesamte Jahr erwarten die Analysten ein Volumen von 675 Milliarden Dollar und damit deutlich mehr als beim bisherigen Rekord von 540 Milliarden Dollar im Jahr 2021.
2027 sollen laut Prognose von Goldman Sachs weitere Aktien im Wert von rund 600 Milliarden US-Dollar emittiert werden, davon 175 Milliarden durch Börsengänge. Zusätzlich könnten 2027 Aktien im Wert von 1,7 Billionen Dollar nach Ablauf von Haltefristen frei handelbar werden. Insgesamt könnte dadurch das größte zusätzliche Aktienangebot seit dem Jahr 2000 entstehen.
Für Anleger ist dieses hohe Emissionsvolumen durchaus kritisch zu betrachten, denn die neuen Aktien könnten viel Kapital absorbieren, das ansonsten in bereits börsennotierte Aktien geflossen wäre.
Rückkäufe gleichen einen Teil der Emissionen aus, aber …
Für das Jahr 2027 erwartet Goldman Sachs Aktienrückkäufe in Höhe von 1,7 Billionen Dollar, nach 1,5 Billionen im laufenden Jahr. Diese Rückkäufe könnten einen erheblichen Teil des zusätzlichen Aktienangebots wieder ausgleichen.
Die Rückkäufe betreffen jedoch nicht alle Branchen gleichermaßen. Es ist denkbar, dass die Hyperscaler ihre Aktienrückkäufe reduzieren, um die gigantischen KI-Investitionen zu finanzieren. So prognostiziert Goldman, dass Amazon, Alphabet, Microsoft, Meta und Oracle 2027 zusammen rund 1,2 Billionen US-Dollar investieren werden. Dieses Geld steht dann nicht mehr für Aktienrückkäufe zur Verfügung.
Die Profiteure der KI-Investitionen dürften ihre Aktienrückkaufprogramme hingegen deutlich ausweiten. Nvidia hat erst vor Kurzem sein Rückkaufprogramm um 150 Milliarden US-Dollar erhöht. Auch bei den Speicherherstellern könnten im kommenden Jahr größere Rückkaufprogramme folgen, nachdem im Dezember eine gesetzliche Frist ausläuft, die Aktienrückkäufe bislang stark beschränkte.
Gewinne weiterhin robust
Trotz des hohen Angebots an neu emittierten Aktien bleibt Goldman Sachs optimistisch. Für den S&P 500 gibt die Investmentbank für die kommenden zwölf Monate ein Kursziel von 8.700 Punkten aus. Das entspricht einem Aufwärtspotenzial von rund zwölf Prozent.
Haupttreiber bleiben die steigenden Unternehmensgewinne: Für 2027 erwartet Goldman ein Gewinnwachstum von elf Prozent.
Fazit
Der KI-Investitionsboom dürfte sich auch 2027 fortsetzen und die Gewinne vieler Unternehmen weiter antreiben. Mittlerweile wird jedoch auch die Kehrseite sichtbar: Durch den enormen Kapitalbedarf könnte das zusätzliche Aktienangebot so stark steigen wie seit dem Jahr 2000 nicht mehr.
Das ist grundsätzlich kein schlechtes Zeichen, solange sich die Unternehmensgewinne entsprechend entwickeln. Allerdings kann es insbesondere für einzelne Aktien negative Folgen haben, wenn neue Aktien ausgegeben werden, ohne dass die Gewinne ausreichend mitwachsen.
Entscheidend wird daher sein, zu unterscheiden, welche Unternehmen tatsächlich vom KI-Boom profitieren und die Technologie rentabel für ihr Geschäft einsetzen und welche Unternehmen auf Dauer Geld verbrennen. In unserem KIQ Börsenbrief erhalten Sie daher alle 14 Tage eine fundierte Einzelaktien-Analyse zu einem Unternehmen aus den Bereichen Künstliche Intelligenz und Quantencomputing.
Häufig gestellte Fragen:
Warum warnt Goldman Sachs vor einer Parallele zur Dotcom-Blase?
Das zusätzliche Aktienangebot könnte 2027 so hoch ausfallen wie seit dem Jahr 2000 nicht mehr. Dadurch könnte der Aktienmarkt unter Druck geraten.
Wie viele neue Aktien könnten 2027 auf den Markt kommen?
Goldman Sachs erwartet Aktienemissionen im Wert von 600 Milliarden Dollar. Zusätzlich könnten Aktien im Wert von 1,7 Billionen Dollar nach Ablauf von Haltefristen handelbar werden.
Erwartet Goldman Sachs einen Börsencrash?
Nein. Trotz der Risiken bleibt die Investmentbank optimistisch und erwartet für den S&P 500 in den kommenden zwölf Monaten ein Kurspotenzial von rund zwölf Prozent.