Komoot, Evernote, WeTansfer, AOL – nur einige Namen aus dem Portfolio des Tech-Konzerns Bending Spoons, der jüngst an die Börse ging. Ein Investor der ersten Stunde war Peter Singlehurst von Baillie Gifford. Er erklärt, warum er für die Aktie große Chancen sieht.
Börse Online: Herr Singlehurst, Bending Spoons ist die größte Position in Ihrem Schiehallion Fund. Die Mailänder sind mit 30 Prozent Plus am ersten Handelstag in New York gestartet. Vor dem IPO war Bending Spoons Ihre größte Position. Wurde sie nun aufgelöst?
Peter Singlehurst: Nein, wir haben nur einen kleinen Teil verkauft, um etwas Liquidität für neue Investitionen zu haben. Als Trust nach britischem Recht kann der Schiehallion Fund sowohl in gelistete als auch ungelistete Unternehmen investieren. Der Börsengang bedeutet für den Fonds also nicht automatisch den Exit. Wenn wir bei einem unserer Börsendebütanten auch nach dem IPO hohes Wachstum erwarten, bleiben wir an Bord. So sind etwa Affirm, Wise oder Tempus schon seit einigen Jahren börsennotiert und weiter in unserem Portfolio. Auch in Bending werden wir weiterhin eine sehr große Position halten; sie dürfte weiterhin die größte Position im Schiehallion Fonds sein.
Können Sie uns eine Einschätzung zur Rendite Ihres Fonds mit Bending Spoons geben?
Unser erstes Investment im Jahr 2019 erfolgte bei einer Bewertung von etwa 900 Millionen US-Dollar, zum IPO war die Mailänder Firma 19,7 Milliarden Dollar wert, als fast das 20-Fache.
Einige Investoren sind besorgt, dass es Chef Luca Ferrari nicht gelingen wird, die größte Beteiligung AOL, wie angekündigt, in einen Startup-Modus mit hohem Wachstum zurückzuversetzen. Die Zeit der großen, erfolgreichen Web-Portale, wie es der damalige Pionier America Online (AOL) einst war, ist längst Vergangenheit.
Ich glaube, die meisten Menschen missverstehen, was AOL heute ist. Es ist kein Web-Portal mehr und kein Internet-Provider. AOL ist heute ein Anbieter von E-Mail, Antivirensoftware und verschiedenen anderen Diensten für immer noch 30 Millionen sehr treue Kunden. Das passt zu dem, was Bending Spoons nachweislich sehr erfolgreich macht: Unternehmen erwerben, transformieren, die Produkte verbessern, Wachstum zurückbringen und gleichzeitig die Profitabilität steigern.
Wie würden Sie AOL heute beschreiben, was sind die Stärken?
AOL ist eine sehr starke Marke mit einer stabilen Kundenbasis. Wer sich bei Bending Spoons nur auf die einzelnen Beteiligungen konzentriert, übersieht das Wichtigste, den Faktor für Wertsteigerungen. Es geht nicht um die einzelnen Apps wie AOL, Evernote oder Komoot, sondern um deren Transformation, jede ist ein relativ kleiner Teil des Gesamtportfolios. Was Bending Spoons besonders macht, ist die Infrastruktur, das Know-how, die Kultur und die Organisationsstruktur, die sie aufgebaut haben, um jedes erworbene Unternehmen zu transformieren. Die Plattform von Bending Spoons ist damit das eigentliche Produkt, der Wertfaktor, nicht die einzelnen Apps.
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Die Plattform von Bending Spoons ist das eigentliche Produkt, der Wertfaktor, nicht die einzelnen Apps
Können Sie am Beispiel von Evernote erklären, wie Bending Spoons ein Unternehmen transformiert?
Evernote war die erste große Akquisition vor etwa drei Jahren. Es gibt drei Hauptkategorien, in denen Bending Spoons Verbesserungen erzielt: Erstens: Produktverbesserung. Bei Evernote gab es bekannte Bugs bei der Synchronisierung zwischen Geräten, ein Problem, das als eigenständiges Unternehmen nie gelöst wurde. Bending Spoons hat das innerhalb von Wochen behoben. Zweitens: Umsatzwachstum durch Preisoptimierung. Drittens: Effizienzsteigerung. Heute läuft Evernote mit einem Bruchteil der früheren Mitarbeiterzahl und ist damit ein Geschäft, das hohe Mittelzuflüsse, Cashflows liefert. Das war bei Evernote als eigenständiges Unternehmen nie möglich.
Im Allgemeinen also ...
… werden die übernommenen Firmen ein Teil der Bending Spoons-Familie. Drei Faktoren ermöglichen das: die Unternehmenskultur, eine gemeinsame Technologiearchitektur über alle Apps und drittens die Daten aus dem Betrieb der Apps, die kontinuierliches Lernen und Testing ermöglichen. Ein Unternehmen mit nur einer einzigen Anwendung könnte das kaum leisten und auch nicht die besten Talente anziehen.
Trotz seines Ansatzes die Firmen profitabel zu machen und hohe Cashflows zu ermöglichen hatte Bending Spoons im Jahr 2025 bei 2,6 Milliarden Dollar und weniger als 30 Millionen Nettogewinn 4,4 Milliarden Dollar langfristige Schulden. Das ist doch Besorgnis erregend.
Jedes Unternehmen, das Fremdkapital einsetzt, muss sehr sorgfältig damit umgehen. Banken führen sehr strenge Kreditprüfungen durch, bevor sie Bending Spoons Kredite gewähren. Es gibt Verpflichtungen (Covenants), die den Verschuldungsgrad auf etwa das 3,5-Fache des bereinigten EBITDA begrenzen. Diesen Wert haben sie nie überschritten. Ich würde sogar sagen, sie sind ausgesprochen konservativ im Umgang mit Schulden.
Beobachten Sie trotzdem den Schuldenstand genau?
Ja, absolut, bei jedem Investment muss man gewisse Risiken im Blick behalten. Der Schuldenstand gehört dazu. Was Bending Spoons regelmäßig gelingt, ist die Verschuldung einer übernommenen Firma schnell zu reduzieren. Das Management ist über die Jahre hinweg sehr konservativ und effektiv mit Fremdkapital umgegangen.
Das Management ist über die Jahre hinweg sehr konservativ und effektiv mit Fremdkapital umgegangen.
Was ist die wichtigste Kennzahl, die Sie bei Bending Spoons verfolgen?
Das EBITDA pro Aktie.
Wo sehen Sie den entscheidenden Unterschied zwischen Bending Spoons und einem Private-Equity-Unternehmen?
Es sind verschiedene Geschäftsmodelle. Ein Private-Equity-Unternehmen investiert fremdes Kapital und muss die Unternehmen als eigenständig erhalten um sie später zu verkaufen. Bending Spoons integriert die Unternehmen vollständig in die eigene Struktur. Das schafft enorme Effizienzgewinne. Aber der wichtigste Unterschied ist technologisches Know-how: Kein Private-Equity-Unternehmen könnte die Apps so verbessern. Private-Equity-Firmen sind keine Technologieunternehmen. Bending Spoons ist vor allem ein Technologieunternehmen.
Chef Ferrari beschreibt seine Vision von Bending Spoons manchmal als das „Berkshire Hathaway der Technologiebranche".
Das ist eine gute Analogie, aber Bending Spoons geht noch weiter als Warren Buffets Beteiligungskonzern. Berkshire ist primär eine Holdinggesellschaft und greift operativ bei den Unternehmen nicht tief ein. Bending Spoons treibt radikale Transformationen voran, die Berkshire nie anstrebt. So erzielt Bending Spoons Margenverbesserungen von 70 Prozentpunkten.
Sehen Sie Künstliche Intelligenz (KI) als Chance oder als Risiko für Bending Spoons?
Eindeutig als Chance. Die Apps, die Bending Spoons erwirbt, haben sich über Jahre hinweg gegen kostenlose Konkurrenten behauptet. Viele dieser Anwendungen haben technisch anspruchsvolle KI-Fähigkeiten, etwa in der Foto- oder Videobearbeitung. Diese lassen sich nicht einfach neu programmieren. Hinzu kommt die Infrastruktur: Ein Dienst wie WeTransfer etwa, könnte mit KI zwar neu geschrieben werden, aber die günstigen Cloud-Vereinbarungen mit Google, die eine Übertragung großer Dateien zu wettbewerbsfähigen Kosten ermöglichen, können nicht repliziert werden. KI ist für Bending Spoons ein Werkzeug zur Effizienzsteigerung. Heute werden 80 Prozent des Codes mit KI-Unterstützung geschrieben. Und es ist auch ein Werkzeug zur Produktverbesserung, wie man etwa an den KI-Funktionen in Evernote sieht.
Würden Sie Bending Spoons als Compounder bezeichnen?
Ja. Denn mit jeder Akquisition verbessert sich die Fähigkeit die nächsten Firmen effizienter zu transformieren. Ein gutes Vergleichsunternehmen ist Constellation Software: Was Constellation besonders macht, ist nicht die einzelne Akquisition, sondern der wiederholbare Prozess und die Kapitalallokationsphilosophie, die über 20 Jahre entwickelt wurde. Bei Bending Spoons ist es ähnlich: Diese institutionelle, organisatorische Fähigkeit zur Transformation ist es, was die Firma aus Mailand langfristig zu einem außergewöhnlichen Compounder machen wird.
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Häufige Fragen zum Thema
Wer ist Baillie Gifford?
Baillie Gifford & Co ist eine britische Investmentmanagementgesellschaft, die sich vollständig im Besitz ihrer Partner befindet. Jeder von ihnen ist innerhalb des Unternehmens tätig. Die Gesellschaft wurde 1908 in Edinburgh gegründet und hat dort noch immer ihren Hauptsitz. Das verwaltete Vermögen lag 2025 bei 208 Milliarden Pfund Sterling. Eine der Spezialitäten von Baillie Gifford sind vorbörsliche Beteiligugen. Eines der bekanntesten, börsennotierten Vehikel ist der Scottish Mortgage Investment Trust, der vorbörslich unter anderem in SpaceX investiert war und ist. Ein weiterer börsnnotierter Fonds, der jedoch nicht in Deutschland gehandelt wird, ist der Schiehallion Fund.
Was ist Komoot?
Komoot ist eine beliebte App und Web-Plattform zur Planung und Navigation von Outdoor-Aktivitäten wie Wandern, Radfahren, Mountainbiken und Joggen. Sie kombiniert detailliertes Kartenmaterial mit den Empfehlungen einer großen Community und funktioniert auch als soziales Netzwerk für Abenteuer in der Natur.
Was ist Evernote?
Evernote ist eine App, die als universelles digitales Notizbuch und Archiv dienen soll. Die Anwendung hilft dabei, Informationen, Ideen, Dokumente und To-Dos an einem zentralen Ort zu sammeln, zu strukturieren und geräteübergreifend zu synchronisieren. Als Evernote startete, war dieser Ansatz relativ einzigartig. Mittlerweile ist er zigfach kopiert worden, was Evernote in wirtschaftliche Schwieirgkeiten brachte. Deshalb konnte Bending Spoons das Unternehmen günstig kaufen.