Der italienische Digitalkonzern Bending Spoons strebt an die Börse – und mit ihm eine Reihe bekannter Markennamen. In Deutschland dürfte vor allem die Wanderapp Komoot bekannt sein. Ziel ist eine stolze Bewertung von bis zu 22 Milliarden US-Dollar.
Ärgern Sie sich auch seit Monaten darüber, dass Sie Ihre Komoot-App nach dem Start mit einem Pop-up-Fenster zum Abschließen neuer Abos nötigt? Dann kommt hier die Erklärung dafür: Bending Spoons, ein in Mailand ansässige Digitalkonzern und der Besitzer von Komoot und weiteren Digitalangeboten, hat offiziell den Schritt in Richtung Börse eingeleitet. Wie die Finanznachrichtenagentur Bloomberg berichtet, hat das Unternehmen die erforderlichen Unterlagen bei der US-amerikanischen Börsenaufsichtsbehörde Securities and Exchange Commission eingereicht. Die Aktien sollen unter dem Kürzel BSP am Nasdaq Global Select Market gehandelt werden.
Den Börsengang begleiten die Investmentbanken Goldman Sachs, JP Morgan und Allen & Company. Dem Vernehmen nach strebt Bending Spoons eine Bewertung zwischen 20 und 22 Milliarden US-Dollar an – eine erheblicher Aufschlag gegenüber der zuletzt bekannten Bewertung von 14,5 Milliarden US-Dollar aus der jüngsten Finanzierungsrunde im Jahr 2025.
Rasantes Wachstum in kurzer Zeit
Die im Börsenprospekt veröffentlichten Zahlen zeigen ein beeindruckendes Wachstum, wie unter anderem das „Handelsblatt“ berichtet. Im ersten Quartal 2026 erzielte das Unternehmen einen Umsatz von 601 Millionen US-Dollar und einen Nettogewinn von 27,5 Millionen US-Dollar. Im Vorjahreszeitraum hatte Bending Spoons bei einem Umsatz von 259 Millionen US-Dollar noch einen Nettoverlust von 112 Millionen US-Dollar verzeichnet. Die Zahl der monatlich aktiven Nutzer stieg von 111 Millionen im Dezember 2023 auf 500 Millionen im März 2026. Die Zahl der zahlenden Kunden pro Monat verdreifachte sich im selben Zeitraum von drei auf neun Millionen.
Strategie wie ein Private-Equity-Investor
Bending Spoons wurde im Jahr 2013 gegründet. Der Name ist nicht etwa an den Mentalisten Uri Geller angelehnt, der mit Blicken Löffel verbiegen konnte, sondern an eine Szene aus dem Kultfilm „Matrix", in dem die Welt als bloße Illusion dargestellt wird. Die Italiener verfolgen eine Strategie, die stark an die Arbeitsweise von Private-Equity-Gesellschaften erinnert: Das Unternehmen erwirbt überwiegend abonnementbasierte Software- und Webdienste, die unter Druck geraten sind. Dann baut Bending Spoons deren Belegschaft radikal ab und übergibt den Betrieb an spezialisierte Entwicklerteams. Ziel ist es, schlank geführte, stark automatisierte und profitabel betriebene digitale Produkte zu einer Plattform zusammenzuführen.
Das Portfolio enthält viele bekannte Marken
Das Produktportfolio von Bending Spoons umfasst eine Reihe international bekannter digitaler Marken. Neben der Wanderapp Komoot, über die das Unternehmen in Deutschland bekannt wurde, gehören dazu die Videoplattform Vimeo, der Dateiübertragungsdienst WeTransfer, die Notizapp Evernote sowie Remini, eine populäre Fotoapp mit Funktionen auf Basis künstlicher Intelligenz. Im Jahr 2025 vereinbarte das Unternehmen außerdem die Übernahme von AOL, dem legendären Internetportal, das zuvor bereits mehrfach den Eigentümer gewechselt hatte. Vorstandschef Luca Ferrari bezeichnete AOL damals laut „Handelsblatt“ als „ein ikonisches, beliebtes Unternehmen in gutem Zustand".
Bewertung mehr als verdoppelt
Kurz darauf wurde Bending Spoons 2025 im Rahmen einer Finanzierungsrunde mit rund 14,5 Milliarden US-Dollar bewertet. Es flossen 270 Millionen US-Dollar frisches Kapital, 440 Millionen US-Dollar an Sekundärkapital sowie über Schulden finanzierte Mittel in Höhe von 2,8 Milliarden US-Dollar. Die nun angestrebte Börsenbewertung von bis zu 22 Milliarden US-Dollar würde einer Steigerung um mehr als 50 Prozent gegenüber dieser Bewertung entsprechen. Ob die Kapitalmärkte dieses Vielfache akzeptieren, wird davon abhängen, wie überzeugend das Unternehmen seine Wachstumsstrategie und den Weg zur nachhaltigen Profitabilität kommuniziert.
Einordnung für Anleger
Bending Spoons ist ein ungewöhnliches Unternehmen: Es handelt sich um kein klassisches Technologieunternehmen, das organisch ein Produkt groß gemacht hat, sondern ein Plattformkonzern, der gezielt aus Akquisitionen von angeschlagenen Digitalmarken seinen Wert schöpft. Das Modell scheint zu funktionieren: Die zahlreichen Turnaround-Storys im Portfolio sind bemerkenswert. Allerdings zählt an der Börse das zukünftige Wachstum, und das hängt stark davon ab, dass das Unternehmen weiterhin geeignete Übernahmeziele zu vernünftigen Preisen findet und die Integration reibungslos gelingt.
Der Börsengang an der Nasdaq dürfte gleichwohl auf erhebliches Investoreninteresse stoßen; gerade weil Newcomer aus dem Technologiebereich, die schon Gewinne schreiben, relativ selten sind.
Wenn Sie stattdessen nach großen, bereits hochprofitablen Technologieunternehmen mit abgesicherten Geschäftsmodellen suchen, ist ein Zertfikat auf den "Tech Giganten"-Index von BÖRSE ONLINE eher das richtige Investment für Sie.
Häufige Fragen zum Thema
Was ist Komoot?
Komoot ist eine beliebte App und Web-Plattform zur Planung und Navigation von Outdoor-Aktivitäten wie Wandern, Radfahren, Mountainbiken und Joggen. Sie kombiniert detailliertes Kartenmaterial mit den Empfehlungen einer großen Community und funktioniert auch als soziales Netzwerk für Abenteuer in der Natur.
Was ist Evernote?
Evernote ist eine App, die als universelles digitales Notizbuch und Archiv dienen soll. Die Anwendung hilft dabei, Informationen, Ideen, Dokumente und To-Dos an einem zentralen Ort zu sammeln, zu strukturieren und geräteübergreifend zu synchronisieren. Als Evernote startete, war dieser Ansatz relativ einzigartig. Mittlerweile ist er zigfach kopiert worden, was Evernote in wirtschaftliche Schwieirgkeiten brachte. Deshalb konnte Bending Spoons das Unternehmen günstig kaufen.
Was ist WeTransfer?
WeTransfer ist ein beliebter Cloud-Dienst, der es ermöglicht, große Dateien zu teilen udn zu versenden, die zu groß für normale E-Mail-Anhänge sind. Nutzer laden Ihre Dateien auf die WeTransfer-Server hoch, der Empfänger erhält einen Link und kann die Daten von dort herunterladen. Der Link erlischt nach spätestens einer Woche. Es gibt eine Gratis-Version bis zu einer Dateigröße von zwei Gigabyte (GB). In den kostenpflichtigen Premium-Tarifen können deutlich größere Dateien (bis zu 200 GB) verschickt und ein umfangreicher Cloud-Speicher genutzt werden.