Der Bauchemie-Weltmarktführer profitiert von strukturellem Wachstum und steigender Effizienz. Die Aktie notiert aktuell noch deutlich unter ihrem historischen Bewertungsniveau
Die globale Baubranche hat in den vergangenen Quartalen wenig Anlass zur Euphorie gegeben. Hohe Zinsen, gestiegene Finanzierungskosten und die Zurückhaltung im Wohnungsneubau belasteten die Bewertungen im gesamten Sektor. Zyklische Bau- und Baustofftitel gerieten entsprechend unter Druck.
Doch dieser kurzfristige Gegenwind sollte nicht mit einem dauerhaften strukturellen Niedergang gleichgesetzt werden. Ein Beispiel dafür ist der Schweizer Spezialchemiekonzern Sika. Die Aktie befindet sich nach einer längeren Konsolidierung deutlich unter ihren früheren Höchstständen. Gleichzeitig stellt das Management in Baar die Weichen für einen Anstieg des operativen Gewinns. Für antizyklische Investitionen ergibt sich damit die Möglichkeit, einen globalen Qualitätsführer zu einer vergleichsweise niedrigen Bewertung zu erwerben.
MBCC als Gewinnhebel
Sika ist kein gewöhnlicher Baustoffzulieferer. Der Konzern ist Weltmarktführer für chemische Spezialitäten in der Bauwirtschaft und industriellen Fertigung. Das Angebot reicht von Betonzusatzmitteln über elastische Kleb- und Dichtstoffe bis zu Lösungen für Betoninstandsetzung, Dachabdichtung und Bodenbeschichtung.
Bei einem Jahresumsatz von rund 11,4 Milliarden Schweizer Franken und einer Marktkapitalisierung von 29,5 Milliarden Schweizer Franken ergibt sich ein aktuelles KUV von 2,59. Der Zehnjahresdurchschnitt liegt bei rund 3,60. Damit wird die Aktie mit einem Bewertungsabschlag von mehr als 25 Prozent gehandelt. Der wichtigste interne Katalysator ist die Integration des ehemaligen BASF-Bauchemiegeschäfts MBCC. Dabei handelt es sich um die größte Akquisition in der Geschichte von Sika. Was zum Zeitpunkt der Übernahme als teures Risiko bewertet wurde, entwickelt sich im operativen Geschäft zu einem wichtigen Gewinnbeitrag. Das Management hat die Synergieziele für 2026 zuletzt auf 200 bis 220 Millionen Schweizer Franken angehoben. Bereits im Vorjahr wurden Einsparungen schneller als geplant realisiert. Sika legt weltweit Vertriebskanäle zusammen, verbessert die Einkaufskonditionen bei Rohstoffen und beseitigt Doppelstrukturen.
Hinzu kommt das Effizienzprogramm „Fast Forward“. Es soll die fixe Kostenbasis bis 2028 dauerhaft um bis zu 200 Millionen Schweizer Franken pro Jahr reduzieren. Rund 80 Millionen Schweizer Franken aus diesen Einsparungen sollen bereits 2026 vollständig im Betriebsergebnis ankommen. Zusammen mit stabilen Beschaffungspreisen für Grundchemikalien ergibt sich daraus ein klarer Margenhebel. Sika erwartet für 2026 eine Ebitda-Marge von 19,5 bis 20,0 Prozent. Im Vorjahr waren es 18,4 Prozent. Der Konzern kann seine Gewinne damit auch in einem nur moderat wachsenden Markt überproportional steigern.
Sanierung und Dekarbonisierung
Sika wird häufig als besonders abhängig vom zyklischen Wohnungsneubau betrachtet, aber mehr als 70 Prozent des Gesamtumsatzes entfallen auf Sanierung und Instandhaltung sowie auf industrielle Groß- und Infrastrukturprojekte. Damit profitiert Sika von Entwicklungen, die weniger stark von der kurzfristigen Konjunktur abhängen. Der Gebäudebestand in Europa und Nordamerika ist vielerorts überaltert. Gleichzeitig zwingen gesetzliche Vorgaben zur Energieeffizienz Eigentümer zu Sanierungen. Sika liefert dafür Lösungen für Flachdächer, Fassadenabdichtungen und energieeffiziente Bodensysteme.
Ein weiterer Treiber ist die Dekarbonisierung der Bauindustrie. Die Herstellung von Zement und Beton verursacht rund acht Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen. Steigende Preise für Emissionszertifikate und strengere Umweltauflagen erhöhen den Druck auf die Konzerne, auch wenn über einen langsameren Abbau der Zertifikate diskutiert wird.
Preissetzungsmacht
Während klassische Chemie- und Grundstoffhersteller in schwierigen Marktphasen oft deutliche Margeneinbußen hinnehmen müssen, hält Sika seine Materialmarge seit Jahren in einer Spanne von 54,9 bis 55,1 Prozent.
Der Konzern verfügt über Preissetzungsmacht. Die Spezialchemikalien von Sika sind in architektonischen Ausschreibungen häufig konkret spezifiziert. Gleichzeitig liegt ihr Anteil an den Gesamtkosten eines Bauwerks meist unter einem Prozent. Für einen Bauherrn lohnt es sich daher nicht, wegen einer geringen Materialersparnis das Risiko von Bauschäden durch ungeprüfte Billigprodukte einzugehen. Preiserhöhungen lassen sich entsprechend vergleichsweise zuverlässig weitergeben.
Die Verschuldung, die durch die MBCC-Übernahme gestiegen ist, wird kontinuierlich reduziert. Das senkt das Zinsrisiko und stärkt die Bilanz. Eine Eigenkapitalquote von 44 Prozent unterstreicht die finanzielle Stabilität des Unternehmens.
Für das vergangene Geschäftsjahr schlug der Verwaltungsrat eine Dividende von 3,70 Schweizer Franken je Aktie vor. Beim aktuellen Kurs von rund 185,80 Schweizer Franken entspricht das einer Dividendenrendite von etwa 2,0 Prozent. Sika hat die Dividende seit mehr als 25 Jahren nicht gesenkt.
Auf Basis eines für 2027 geschätzten Gewinns je Aktie von 8,30 Schweizer Franken ergibt sich ein Forward-KGV von rund 22,4. Gegenüber dem historischen Mittelwert entspricht dies einem Abschlag von mehr als 30 Prozent. Auch im Vergleich zu europäischen Wettbewerbern wie Saint-Gobain oder DSM-Firmenich erscheint eine Prämie gerechtfertigt. Sika erzielt eine Ebitda-Marge von rund 20 Prozent, verfügt über ein höheres organisches Wachstum und nimmt eine führende technologische Position ein.
Fazit
Sika steht vor einer Verbesserung der Margen. Die MBCC-Synergien liefern dafür konkrete Ansatzpunkte. Hinzu kommen die Preissetzungsmacht bei Spezialchemikalien und die strukturelle Nachfrage aus Sanierung und Dekarbonisierung. Wer die Konsolidierung der Branche als vorübergehende Schwächephase und nicht als strukturelles Problem bewertet, kann sich am Schweizer Weltmarktführer mit einem Kurspotenzial von knapp 30 Prozent beteiligen.