Extrem hohe Bewertungen, ein immer stärkeres spekulatives Momentum bei gleichzeitig steigenden Zinsen erinnern erfahrene Anleger an die späten neunziger Jahre. Ein US-Marktbeobachter warnt: Wer jetzt zu lange zögert, riskiert empfindliche Verluste.

Der US-amerikanische Kapitalmarktanalyst Lawrence Fuller schlägt Alarm. In seinem jüngsten Newsletter, der am 27. Mai 2026 auf dem Investmentportal SeekingAlpha erschien, beschreibt er ein beklemmendes Gefühl: Die aktuelle Marktphase erinnere ihn stark an die späten neunziger Jahre – kurz vor dem Platzen der Dotcom-Blase. „Ich habe ein Deja Vu von 1999“, schreibt Fuller.

Damals wie heute trieben spekulative Übertreibungen die Kurse auf Niveaus, die mit klassischen Bewertungsmaßstäben kaum noch zu rechtfertigen waren. Fuller ist kein Schwarzmaler ohne Substanz: Er verweist auf konkrete Daten und Warnsignale, die sich in der jüngsten Vergangenheit häufen.

Besonders auffällig sind laut Fuller die Bewertungen einiger Unternehmen aus dem Bereich Raumfahrt und Satellitenkommunikation. Aktien wie Rocket Lab oder AST SpaceMobile werden derzeit zu Kurs-Umsatz-Vielfachen gehandelt, die selbst für wachstumsstarke Technologiewerte als extrem gelten. Anleger zahlen dabei nicht für heutige Gewinne – die existieren kaum –, sondern für Hoffnungen auf eine ferne Zukunft. Dieses Muster, so Fuller, sei typisch für eine späte Zyklusphase: Momentum ersetzt fundamentale Analyse, und der Markt belohnt Fantasie statt Substanz.

Zinsen – das unterschätzte Risiko

Das eigentliche Gefahrenpotenzial sieht Fuller jedoch nicht allein in den Bewertungen selbst, sondern in der Kombination aus hohen Bewertungen und einem steigenden Zinsniveau. Hohe Kurs-Umsatz-Multiples seien mathematisch nur haltbar, wenn der Abzinsungssatz niedrig bleibe. Steigen die Zinsen aber weiter – oder verharren sie länger auf hohem Niveau –, könnten solche Bewertungen innerhalb kurzer Zeit dramatisch erodieren.

Ein konkreter Katalysator stehe möglicherweise unmittelbar bevor, sagt Fuller. Der Index für private Konsumausgaben (PCE) – das bevorzugte Inflationsmaß der US-Notenbank Federal Reserve – wies für April ein Anstieg der Kerninflation auf 3,3 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat aus. Bleibt dieser Wert so hoch, könnte das ausreichen, um Zinserwartungen neu zu kalibrieren – was Druck auf hochbewertete Aktientitel ausüben würde.

Deren stetig steigende Bewertungen, auch im Chipsektor, bereiten nicht nur Fuller Sorgen. Während Optimisten auf das starke Momentum verweisen und davon ausgehen, dass der KI-Hype weiterhin Geld in die größten Gewinner des Marktes locken wird, warnen Kritiker, dass das Ausmaß der jüngsten Outperformance ein ernstes Warnsignal sei. Je länger sich Anleger auf dieselben Aktien stürzen, desto anfälliger seien die Märkte für eine plötzliche Trendwende, falls eine hohe Inflation die US-Notenbank zu einer Straffung der Geldpolitik veranlasst oder sich die Unternehmensgewinne abschwächen.

Der Momentum-Index des MSCI World ACWI
Foto: Quelle: Bloomberg
Der Momentum-Index des MSCI World ACWI

Wann kollabiert das Momentum?

Das Momentum bei den KI-Aktien ist derzeit extrem, wie ein Blick auf den MSCI ACWI Momentum-Index bei Bloomberg zeigt (s. Grafik oben). 

„Die Momentum-Story wird noch einige Monate anhalten, mit erheblichen Schwankungen dazwischen, bis sie schließlich ihren Höhepunkt erreicht“, sagte Hao Hong, Chief Investment Officer beim Hedgefonds Lotus Asset Management Ltd, der Finanznachrichtenagentur Bloomberg. „Wenn die Inflationserwartungen weiter steigen, müsste die Fed einen stärkeren Schritt unternehmen als erwarteten. Das würde den Momentum-Handel zum Erliegen bringen“, warnt er.

Anhaltende Zuflüsse in Tech-Aktien hätten den Momentum-Handel zum dominierenden globalen Anlagestil des Jahres 2026 gemacht. Anleger wischen wirtschaftliche Risiken beiseite und jagen stattdessen unisono einer wachsenden Welle von KI-Gewinnern nach. „Es ist riskant. Wir beobachten in einer Reihe von Bereichen die Bildung von Blasen. Der KI-geführte Aktienkorb hat alle makroökonomischen Entwicklungen eindeutig ignoriert“, sagte Jun Bei Liu, Mitbegründerin und leitende Portfoliomanagerin beim Hedgefonds Ten Cap Investment, gegenüber Bloomberg.

Ein Ende des Iran-Krieges würde die Stimmung zwar kurzfristig noch weiter beflügeln. Doch das sich abzeichnende langsamere Wachstum in den USA dürfte die Gewinne in den nächsten sechs Monaten beeinträchtigen, mahnt sie.

US-Wachstum gerät ins Stocken

Inflation trifft Schwächere hart

Auch Fuller sieht die Wachstumsmaschine in den USA ins Stocken geraten: Während große Technologiekonzerne dank massiver Investitionen in künstliche Intelligenz robuste Gewinne ausweisen und das wirtschaftliche Momentum stützen, litten untere Einkommensgruppen überproportional stark unter der anhaltenden Inflation. Das reale Einkommen dieser Haushalte stagniere oder sinke sogar, während die Verzugsquoten bei Autokrediten und Kreditkarten merklich ansteigen. „Die Schere zwischen einer prosperierenden Oberschicht und einem unter Druck stehenden unteren Einkommenssegment wächst“, mahnt Fuller. Das sei ein Merkmal, das sich mit der Spätphase des Booms der neunziger Jahre vergleichen lasse.

Zusätzlich zur innenwirtschaftlichen Spannung mahnt Fuller vor externen Schocks aus er Geopolitik. Neue Störungen in der Straße von Hormus könnten die Energiepreise schlagartig in die Höhe treiben und damit die Inflationsspirale erneut anheizen. Solche Schocks seien per Definition schwer vorherzusagen, aber ihr Wirkungspotenzial auf Märkte und Notenbankpolitik sollte Anleger nicht kalt lassen.

Rat für Anleger: Risiko reduzieren, aber nicht in Panik geraten

Dennoch ruft Fuller nicht den Crash aus. Er versuche nicht, den genauen Wendepunkt des Marktes vorherzusagen, schreibt er in seinem Kommentar. Das sei ein nahezu aussichtsloses Unterfangen. Seine eigene Strategie bestehe darin, jetzt sukzessive sein Risikoengagement zu reduzieren, ohne dabei panikartig aus dem Markt auszusteigen.

Wer zu früh verkaufe, lasse Gewinne liegen; wer zu lange warte, riskiere aber womöglich empfindliche Verluste, sobald sich das Zinsumfeld drehe, erklärt der erfahrene Börsianer. Der kluge Mittelweg sei eine schrittweise Reduktion spekulativer Positionen – insbesondere bei Titeln mit extrem hohen Bewertungsvielfachen.

Über Lawrence Fuller

Lawrence R. Fuller ist Gründer und Haupteigentümer von Fuller Asset Management, LLC. Er begann seine Karriere 1993 als Finanzberater bei Merrill Lynch und war in derselben Funktion für mehrere andere Wall-Street-Unternehmen tätig, bevor er sich selbständig machte. Seit 2013 schreibt er als Autor für Seeking Alpha. Sein Newsletter „Morning Brief“ wird von mehr als 16.000 Investoren gelesen.

Sie möchten das Momentum erstmal weiter reiten?

Der „Chip Power“-Index von BÖRSE ONLINE hat binnen zwölf Moanten schon sagenhafte 170 Prozent zugelegt. Mit ihm setzen Sie gezielt auf die 14 wichtigsten Werte aus der Chipbranche – und zwar gleichgewichtet. das Portfolio enthält unter anderem Intel und Marvell Technologies, aber auch die Ausrüster ASML und Applied Materials. Eine ideale Beimischung für mehr Rendite im Depot.

Weiterführende Links

Häufig gestellte Fragen

Warum vergleicht Analyst Lawrence Fuller die aktuelle Börsenphase mit dem Jahr 1999?

Fuller sieht strukturelle Parallelen zur Dotcom-Blase: Extrem hohe Bewertungen bei kaum profitablen Unternehmen, spekulatives Momentum als dominierender Anlagestil und steigende Zinsen als unterschätztes Risiko. Besonders Aktien aus dem Raumfahrt- und Satellitenkommunikationsbereich wie Rocket Lab oder AST SpaceMobile werden zu Kurs-Umsatz-Vielfachen gehandelt, die selbst für Wachstumswerte als extrem gelten. Anleger zahlen dabei nicht für heutige Gewinne, sondern für ferne Zukunftshoffnungen – ein Muster, das Fuller als typisch für eine späte Zyklusphase wertet.

Welche konkreten Risiken könnten den KI-Momentum-Handel zum Erliegen bringen?

Das größte Gefahrenpotenzial liegt laut Fuller in der Kombination aus hohen Bewertungen und einem anhaltend hohen Zinsniveau. Die US-Kerninflation lag im April bei 3,3 Prozent – bleibt sie so hoch, könnte die Fed zu einer geldpolitischen Straffung gezwungen sein, die hochbewertete Aktien unter massiven Druck setzt. Zusätzlich könnten neue Störungen in der Straße von Hormus die Energiepreise schlagartig treiben und die Inflationsspirale erneut anheizen.

Was rät Lawrence Fuller Anlegern angesichts der aktuellen Marktlage konkret?

Fuller empfiehlt weder Panikverkäufe noch blindes Aussitzen. Sein Rat: sukzessive das Risikoengagement reduzieren – insbesondere bei Titeln mit extrem hohen Bewertungsvielfachen. Wer zu früh vollständig verkauft, lässt Gewinne liegen; wer zu lange wartet, riskiert empfindliche Verluste, sobald sich das Zinsumfeld dreht. Der kluge Mittelweg ist laut Fuller eine schrittweise Reduktion spekulativer Positionen bei gleichzeitigem Verbleib im Markt.

Hinweis auf Interessenkonflikte:
Der Preis der Finanzinstrumente wird von einem Index als Basiswert abgeleitet. Die Börsenmedien AG hat diesen Index entwickelt und hält die Rechte hieran. Mit dem Emittenten der dargestellten Wertpapiere hat die Börsenmedien AG eine Kooperationsvereinba-rung geschlossen, wonach sie dem Emittenten eine Lizenz zur Verwendung des Index erteilt. Die Börsenmedien AG erhält insoweit von dem Emittenten Vergütungen.