Market Timing klingt clever – und kostet im Schnitt 500 Basispunkte Rendite. Was Anleger laut JPMorgan stattdessen tun sollten.

Mitten in einer DAX-Rekordjagd wächst bei vielen Privatanlegern die Unsicherheit. KI-Euphorie, hohe Bewertungen und geopolitische Spannungen lassen den Wunsch entstehen, auf günstigere Einstiegszeitpunkte zu warten oder Kapital in Cash zu parken. Doch genau das könnte sie langfristig teuer zu stehen kommen.

John Bilton, Global Head of Strategic Research im Bereich Multi-Asset Solutions bei J.P. Morgan Asset Management, identifiziert in einer Mitteilung der Investmentbank zwei zentrale Fehler, die Anleger immer wieder begehen: der Versuch, den Markt zu timen, und eine übermäßige Cash-Quote.

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Market Timing: Zweimal richtig liegen – oder gar nicht

„Market Timing bedeutet, dass man bei mindestens zwei Transaktionen den richtigen Zeitpunkt erwischen muss, um auf lange Sicht das gleiche Ergebnis wie ein durchschnittlicher Anleger zu erzielen", sagt John Bilton. Eine Buy-and-Hold-Strategie verlange hingegen, es nur einmal richtig zu machen. Wer häufig handelt, erzielt laut J.P.-Morgan-Daten Renditen, die bis zu 500 Basispunkte unter denen des durchschnittlichen Privatanlegers liegen – denn bis zu 90 Prozent der Portfoliorenditen gehen auf die Vermögensallokation zurück, nicht auf Timing.

Erschwerend kommt der sogenannte Clustering-Effekt hinzu: Die stärksten Markttage folgen häufig unmittelbar auf die schwächsten. Seit der globalen Finanzkrise haben sich Rallys nach Markttiefs zudem deutlich beschleunigt. Wer in Stressphasen aussteigt, verpasst damit oft genau die entscheidenden Erholungstage – mit dauerhaften Folgen für die Portfoliorendite.

Den Drang zum Market Timing kann die Verhaltenspsychologie erklären: Verluste werden von den meisten Menschen deutlich stärker gewichtet als gleichwertige Gewinne. Hinzu kommt der sogenannte Dispositionseffekt – die Neigung, Gewinneraktien zu früh zu verkaufen und Verlierer zu lange zu halten. Bis zu 70 Prozent der Privatanleger neigen laut Studien zu diesem Muster, mit erheblichen Renditeeinbußen.

J.P. Morgan Asset Management hat die Konsequenzen durchgerechnet: Ein Euro-Anleger mit perfektem Timing – Ausstieg zu Beginn jeder Baisse der letzten 25 Jahre, Wiedereinstieg einen Monat nach dem Tiefpunkt – erzielt eine jährliche Rendite von 7,5 Prozent. Ein schlichter Buy-and-Hold-Anleger kommt auf 5,6 Prozent. Doch sobald man eine durchschnittliche Cash-Quote von 25 Prozent einbezieht und das Timing um nur drei Monate verfehlt, kehrt sich das Bild: Dieser Anleger bleibt über 25 Jahre jährlich um 60 Basispunkte hinter einer einfachen Buy-and-Hold-Strategie zurück.

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Cash als Sicherheitsnetz: ein teurer Irrtum

„Branchenumfragen zufolge halten Privatanleger auf lange Sicht rund ein Viertel ihrer investierbaren Vermögenswerte in Cash, das heißt auf Giro- und Sparkonten oder als Tagesgeld. Dabei zeigen langjährige Analysen, dass aus Renditeperspektive eine Allokation von fünf bis zehn Prozent sinnvoll ist“, erklärt Bilton. Die Kosten der Überallokation: In den fünf Jahren seit Pandemiebeginn hätte eine Barquote von 25 Prozent bei einem 100-Millionen-Dollar-Portfolio zu einem entgangenen Renditepotenzial von 5,4 Millionen Dollar geführt – inflationsbereinigt ein realer Verlust von 4,3 Millionen Dollar gegenüber einem vollständig investierten Portfolio.

Der Kaufkraftvergleich über 25 Jahre spricht eine deutliche Sprache: 100 Dollar in bar sind heute inflationsbereinigt nur noch 86 Dollar wert. Dieselben 100 Dollar in einem globalen 60/40-Portfolio wären auf 258 Dollar angewachsen. Im Euroraum: 89 Euro (Cash) gegenüber 236 Euro im Portfolio.

Wer sinkende Wachstumsraten fürchte, fahre mit Anleihen besser, so Bilton – Zinssenkungen, die bei Cash ein Reinvestitionsrisiko darstellten, wirkten bei Anleihen als Renditetreiber. Wer Inflation fürchte, solle Sachwerte oder Rohstoffe in Betracht ziehen.

Investmentbank: Hohe Bewertungen kein Timing-Signal

Hohe Marktbewertungen gelten vielen Anlegern als Warnsignal. Bilton widerspricht: Zwar belasteten erhöhte Kurs-Gewinn-Verhältnisse die langfristigen Renditeaussichten, als Timing-Signal für Korrekturen taugten sie jedoch nicht. Die historischen Daten sprechen für Investiert-Bleiben: “Über nahezu jeden Zeithorizont und über nahezu jede Region übertreffen ausgewogene Portfolios Cash. Ein einfaches globales Portfolio aus 60 Prozent Aktien und 40 Prozent Anleihen konnte Barmittel über einen Ein-Jahres-Horizont in 79 Prozent und über einen Fünf-Jahres-Horizont in 97 Prozent der Fälle übertreffen“, betont John Bilton. Selbst in schwierigen Phasen wie den beiden „verlorenen Jahrzehnten" Japans konnten sich diversifizierte Portfolios schnell wieder erholen. 

“Natürlich ist es nicht überraschend, dass ein Vermögensverwalter für Investments plädiert. Aber die Analysen belegen tatsächlich eindrucksvoll, dass selbst eine konservative Allokation Barmittel während zahlreicher Zeithorizonte übertrifft und die beste Antwort auf Verluste historisch nicht das Abwarten, sondern die Diversifizierung war“, so Bilton.

Mit seiner Aussage steht Bilton übrigens nicht alleine da: Starinvestor Dalio warnte erst vor kurzem vor dem übermäßigen Investieren in Cash: „Cash hat die niedrigste Rendite und ist nahezu garantiert die schlechteste Anlage über einen längeren Zeitraum”, sagte er in einem Podcast. Und der US-amerikanische Milliardär und Investor Ken Fisher wusste schon lange: „Time in the market beats timing the market" (auf Deutsch etwa: „Zeit im Markt schlägt Markt-Timing"). Für ihn ist die Haltedauer von Anlagen wichtiger als der Versuch, den perfekten Kauf- oder Verkaufszeitpunkt zu finden.  

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Häufige Fragen

Warum ist Market Timing so gefährlich für mein Portfolio?

Wer den Markt timen will, muss zweimal richtig liegen – beim Aus- und beim Wiedereinstieg. Da die stärksten Markttage oft unmittelbar auf die schwächsten folgen, reicht es, wenige entscheidende Erholungstage zu verpassen, um die langfristige Rendite dauerhaft zu schmälern. Häufig handelnde Anleger erzielen bis zu 500 Basispunkte weniger Rendite als der Durchschnitt.

Wie viel Rendite kostet mich eine hohe Cash-Quote?

Privatanleger halten im Schnitt rund 25 Prozent ihres Vermögens in Bar – empfohlen werden fünf bis zehn Prozent. In den fünf Jahren seit der Pandemie hätte eine solche Überallokation bei einem 100-Millionen-Dollar-Portfolio zu einem entgangenen Renditepotenzial von 5,4 Millionen Dollar geführt. Inflationsbereinigt entspricht das einem realen Verlust von 4,3 Millionen Dollar gegenüber einem vollständig investierten Portfolio.

Sind hohe Bewertungen nicht ein klares Warnsignal zum Ausstieg?

Laut JPMorgan: Nein – zumindest nicht für das Timing. Hohe Kurs-Gewinn-Verhältnisse belasten zwar die langfristigen Renditeerwartungen, liefern aber kein verlässliches Signal dafür, wann eine Korrektur eintritt. Ein globales 60/40-Portfolio übertraf Barmittel über fünf Jahre in 97 Prozent aller betrachteten Zeiträume – auch in Phasen hoher Bewertungen.

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