Der Goldpreis wird seit Monaten von einem Faktor ausgebremst, der normalerweise als besonders ungünstig für das Edelmetall gilt: steigende Realzinsen. Doch die US-Investmentbank Jefferies hält diese Belastung für weniger problematisch, als es auf den ersten Blick erscheint.
Nach einer kräftigen Korrektur könnte Gold nach Einschätzung der Analysten wieder Aufwärtspotenzial entwickeln, sobald der Druck von der Zinsseite nachlässt. Entscheidend sei dabei nicht unbedingt, dass die Realzinsen deutlich fallen. Bereits eine Stabilisierung könnte ausreichen, um die Voraussetzungen für ein Comeback zu verbessern. Das geht aus einem aktuellen Jefferies-Kommentar hervor, über den Kitco News berichtet.
Hohe Realzinsen bremsen den Goldpreis
Realzinsen ergeben sich vereinfacht aus dem nominalen Zins abzüglich der erwarteten Inflation. Je höher sie ausfallen, desto attraktiver werden verzinsliche Anlagen gegenüber Gold, das weder Zinsen noch Dividenden abwirft. Steigen die Realrenditen plötzlich kräftig, erhöhen sich deshalb die Opportunitätskosten einer Goldanlage. Genau diese Entwicklung hat das Edelmetall zuletzt belastet.
Jefferies verweist darauf, dass die Realrendite zehnjähriger inflationsgeschützter US-Staatsanleihen (TIPS) inzwischen bei rund 2,41 Prozent liegt. Zu Jahresbeginn waren es lediglich 1,94 Prozent. Auch ein alternatives Modell der Cleveland Fed weist mit rund 2,08 Prozent eine deutlich höhere reale Rendite als Anfang 2026 aus. Damals lag sie bei etwa 1,67 Prozent. Gleichzeitig haben sich die geldpolitischen Erwartungen fundamental verändert. Statt der zu Jahresbeginn erwarteten ein bis zwei Zinssenkungen rechnen die Finanzmärkte mittlerweile mit ein bis zwei Zinserhöhungen. Jefferies sieht darin eine wesentliche Ursache dafür, dass Gold gegenüber seinem Rekordhoch zeitweise rund ein Viertel an Wert verloren hat.
Jefferies: Richtung der Realzinsen wichtiger als deren Höhe
Für die weitere Goldpreis-Prognose zieht Jefferies Parallelen zu früheren Phasen stark steigender Realzinsen. Während der Drosselung der Geldpolitik (2013) verlor Gold innerhalb von drei Monaten 22,9 Prozent, Goldminenaktien büßten sogar 35,3 Prozent ein. Rund um den Realzins-Höhepunkt 2018 beliefen sich die Verluste auf fünf beziehungsweise 17 Prozent. Im Straffungszyklus 2022 waren es 6,7 beziehungsweise 28,6 Prozent.
Interessanter als die Verluste selbst ist für Jefferies jedoch die anschließende Entwicklung. In den folgenden zwölf Monaten entwickelten sich Gold und Minenaktien je nach Marktphase sehr unterschiedlich. Der entscheidende Faktor war nach Analyse der Investmentbank nicht das absolute Niveau der Realzinsen, sondern die Frage, ob deren Aufwärtsdruck anschließend nachließ. Genau darin sieht Jefferies auch für die aktuelle Situation eine Chance.
Gold und Goldminenaktien hätten bereits eine erhebliche Neubewertung hinter sich. Ein großer Teil der veränderten Zinserwartungen könnte damit in den Kursen enthalten sein. Sollten die Realrenditen nicht weiter deutlich steigen, könnte ein wichtiger Belastungsfaktor an Bedeutung verlieren. Jefferies bleibt deshalb für die weitere Entwicklung im laufenden Jahr vergleichsweise zuversichtlich.
Hinzu kommt, dass sich der Goldpreis nicht allein durch Realzinsen erklären lässt. Als längerfristige Stützen nennt Jefferies die Goldkäufe der Zentralbanken, geopolitische Unsicherheiten, fiskalische Risiken, die Entdollarisierung und die Nachfrage nach Sachwerten. Auch eine Beilegung des Iran-Kriegs könnte die Situation verändern: Sinkende Energiepreise würden Inflations- und Zinssorgen abschwächen und könnten damit den Druck auf die Realrenditen reduzieren.
KI-Boom könnte zum Kaufargument für Gold werden
Ein zusätzlicher Aspekt kommt aus einem weiteren aktuellen Jefferies-Kommentar. Der für die globale Aktienstrategie verantwortliche Christopher Wood beschäftigt sich intensiv mit den enormen Investitionen der US-Technologiekonzerne in künstliche Intelligenz. Er warnt vor dem Risiko, dass sich ein Teil dieser Investitionen als unrentabel erweisen und der derzeitige KI-Capex-Boom abrupt enden könnte.
Für den Goldmarkt wäre ein solches Szenario interessant. Sollte der KI-Investitionsboom einbrechen und erhebliche Turbulenzen an den Finanzmärkten auslösen, wäre die US-Notenbank nach Woods Einschätzung kaum in der Lage, gleichzeitig die Leitzinsen weiter anzuheben. Damit könnte ausgerechnet eine Krise im derzeit dominierenden KI-Investmentthema den Zinsdruck auf Gold reduzieren. Wood hält es deshalb nach längerer Zurückhaltung wieder für sinnvoll, Gold und Goldminenaktien stärker in den Blick zu nehmen.
Fazit: Jefferies liefert damit ein bemerkenswertes Gegenargument zur derzeit verbreiteten Gold-Skepsis: Für eine Erholung müssen die Realzinsen nicht zwingend auf alte Tiefstände zurückfallen. Schon wenn ihr Aufwärtstrend endet, könnte sich das Umfeld für den Goldpreis wieder spürbar verbessern.
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