Steigende Anleiherenditen, hohe Leitzinsen und ein fester Dollar setzen den Goldpreis derzeit unter Druck. Nitesh Shah, Leiter des Rohstoff- und Makro-Research beim Vermögensverwalter WisdomTree, hält diese Belastungen jedoch vor allem für ein kurzfristiges Problem. 

Mittelfristig könnten ausgerechnet die Ursachen der hohen Renditen eines der stärksten Argumente für Gold in diesem Jahrzehnt liefern. Auf Zwölfmonatssicht erwartet Shah einen Goldpreis von knapp 5.000 Dollar.

Goldpreis trotzt hohen Anleiherenditen

Normalerweise gelten steigende Anleiherenditen als Belastung für Gold. Festverzinsliche Wertpapiere werden attraktiver, während das Edelmetall keine laufenden Erträge abwirft. Shah beobachtet allerdings, dass sich Gold diesem traditionellen Zusammenhang seit einigen Jahren teilweise entzieht. Kurzfristig könne die negative Korrelation wieder auftreten, bei größeren Bewegungen am Anleihemarkt verliere sie jedoch an Aussagekraft.

Unterstützung erhält Gold nach seiner Einschätzung zudem von der Inflation. Bemerkenswert ist dabei die unterschiedliche Wahrnehmung von Finanzmärkten und Verbrauchern. Marktbasierte Inflationserwartungen wie die sogenannten Breakeven-Raten signalisieren derzeit keine dauerhaft aus dem Ruder laufende Teuerung. In der Bevölkerung habe sich dagegen eher die Erwartung festgesetzt, dass höhere Preise und wiederkehrende Inflationsschocks zum Alltag gehören.

Genau hier sieht Shah ein Problem für die Zentralbanken. Mit Zinserhöhungen können sie die Nachfrage bremsen, nicht aber geopolitisch verursachte Engpässe an den internationalen Rohstoffmärkten beseitigen. Auch wetterbedingte Angebotsausfälle entziehen sich weitgehend dem Einfluss der Geldpolitik. Solche Angebotsschocks könnten die Inflation deshalb länger erhöht halten und die Notenbanken zu einer restriktiven Geldpolitik zwingen.

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Staatsschulden könnten zum Goldpreis-Treiber werden

Für den längerfristigen Goldausblick hält Shah allerdings eine andere Entwicklung für noch wichtiger: die weltweit steigende Staatsverschuldung. Anleger konzentrierten sich derzeit stark auf die negativen Auswirkungen höherer Zinsen, während die langfristigen Folgen der nachlassenden Schuldentragfähigkeit weniger Beachtung fänden.

Das führt zu einem scheinbaren Widerspruch. Kurzfristig belasten steigende Renditen Gold. Je länger sie hoch bleiben, desto teurer wird jedoch die Finanzierung der Staatsschulden. Besonders relevant ist dies in den USA, wo die Verschuldung seit Jahren steigt. Gleichzeitig reduziert die Federal Reserve ihre umfangreichen Anleihebestände, die sie seit der globalen Finanzkrise aufgebaut hatte.

Shah sieht deshalb die Möglichkeit einer zunehmenden fiskalischen Dominanz, bei der die hohe Staatsverschuldung den Spielraum der Geldpolitik immer stärker beeinflusst. Mittelfristig könnte daraus ein grundlegender Wettbewerb zwischen klassischen Papierwährungen und Gold als physischem monetärem Vermögenswert entstehen. Was momentan über höhere Renditen gegen Gold spricht, könnte damit langfristig seine Attraktivität erhöhen.

Gold (ISIN: XC0009655157)

Goldpreis-Prognose: Knapp 5.000 Dollar möglich

Kurzfristig bleiben die Risiken bestehen. Hohe Anleiherenditen, erhöhte Leitzinsen und ein starker Dollar könnten den Goldpreis weiterhin bremsen. Shah erwartet dennoch, dass Gold bis zum Jahresende oberhalb von 4.000 Dollar bleibt. Innerhalb der kommenden zwölf Monate hält er einen Anstieg auf knapp 5.000 Dollar für möglich. Voraussetzung wäre, dass eine nachlassende Inflation die Anleiherenditen drückt und gleichzeitig den Dollar schwächt. Bleiben diese Entlastungen aus, könnte Gold dagegen längere Zeit seitwärts tendieren.

Shah ist mit seiner These einer besonders starken Dekade für Gold nicht allein. Bereits im Mai 2020 riefen Ronald-Peter Stöferle und Mark Valek von Incrementum die 2020er-Jahre zur „goldenen Dekade“ aus. Ihr damaliges Modell sah für Ende 2030 im Basisszenario rund 4.800 Dollar und in einem inflationären Szenario 8.900 Dollar vor. Das Basisszenario wurde inzwischen deutlich früher erreicht. Die beiden Vermögensverwalter halten weiterhin das inflationäre Szenario von 8.900 Dollar zum Ende der Dekade für realistisch.

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