Der Goldpreis hat in diesem Jahr spürbar an Dynamik verloren. Eine aktuelle Analyse des Marktstrategen Stephen Innes von SPI Asset Management beantwortet besonders treffend die Frage, ob die langfristige Goldhausse bereits vorbei ist.

Laut Innes habe der Goldpreis zuletzt wie ein Markt reagiert, der kurzfristig in einen Liquiditätsengpass geraten sei. Der starke Ölpreisanstieg infolge der Krise im Nahen Osten habe viele Staaten unter Druck gesetzt. Vor allem energieimportierende Länder hätten plötzlich zusätzlichen Dollarbedarf gehabt, um steigende Importkosten und Währungsprobleme abzufedern. Dadurch seien selbst Goldreserven verkauft worden, um kurzfristig Liquidität zu schaffen. Das bedeute jedoch nicht automatisch, dass das Vertrauen in Gold verloren gegangen sei. Vielmehr sei Gold zeitweise von einem sicheren Hafen zu einer Liquiditätsquelle geworden. Besonders deutlich sei dies in der Türkei sichtbar geworden, wo Goldreserven mobilisiert wurden, um die wirtschaftlichen Folgen des Ölpreisschocks abzufedern.

Inflation heute, Wachstumssorgen morgen

Innes verweist darauf, dass Krisen häufig in mehreren Phasen ablaufen. Zunächst dominierten Inflationsängste und stark steigende Renditen. Genau diese Entwicklung habe Gold zuletzt belastet, weil höhere Zinsen das zinslose Edelmetall kurzfristig unattraktiver machten. Im nächsten Schritt könnten jedoch die wirtschaftlichen Schäden der Energiekrise stärker in den Vordergrund rücken. Sinkende Wachstumsraten, schwächere Konsumnachfrage und belastete Unternehmen könnten die Zentralbanken langfristig wieder zu einer lockereren Geldpolitik zwingen. Genau in dieser Phase habe Gold historisch oft besonders stark performt.

Besonders interessant ist die langfristige Analyse von Innes zur Weltwirtschaft. Seiner Ansicht nach sei in den vergangenen Jahren massiv Kapital in die Digitalwirtschaft geflossen, während die physische Wirtschaft vernachlässigt worden sei. Investitionen in Minen, Stromnetze, Raffinerien oder Energieinfrastruktur hätten mit dem Wachstum von Künstlicher Intelligenz, Cloudsystemen und Rechenzentren nicht Schritt gehalten.

Die größten Technologiekonzerne der Welt würden inzwischen Investitionsbudgets einsetzen, die mit denen ganzer Staaten vergleichbar seien. Gleichzeitig benötige dieser digitale Boom enorme Mengen an Energie, Kupfer, Metallen, Transformatoren, Kühlsystemen und Infrastruktur. Rohstoffe seien deshalb laut Innes derzeit einer der am stärksten falsch bewerteten Bereiche der Weltwirtschaft. Die jüngsten Preissprünge bei Öl und Metallen seien nicht die eigentliche Krankheit, sondern vielmehr ein Symptom jahrelanger Unterinvestitionen.

Auch die Krise rund um die Straße von Hormus habe diese Probleme nicht verursacht, sondern lediglich offengelegt, wie anfällig das globale System inzwischen geworden ist. Die Märkte hätten erkannt, dass die physische Wirtschaft kaum noch über ausreichende Puffer verfüge, sobald geopolitische Spannungen auftreten.

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Gold gewinnt strategisch an Bedeutung

Vor diesem Hintergrund sieht Innes Gold inzwischen nicht mehr nur als klassischen Inflationsschutz. Vielmehr entwickle sich das Edelmetall zunehmend zu einer Art monetärer Versicherung in einer Welt mit steigender Verschuldung, geopolitischen Konflikten und wachsender Fragmentierung der Weltwirtschaft. Besonders Zentralbanken würden diese Entwicklung offenbar verstehen. Kurzfristige Verkäufe aus Liquiditätsgründen könnten den langfristigen Trend der Reserveaufstockung sogar noch verstärken. Länder würden zunehmend erkennen, wie verwundbar klassische Währungsreserven in geopolitischen Krisen seien.

Vor allem China habe diese Entwicklung früh verstanden. Pekings Goldkäufe dienten laut Innes nicht nur dem Inflationsschutz, sondern vor allem dem Aufbau strategischer Unabhängigkeit in einer zunehmend fragmentierten Weltordnung.

Fazit: Die jüngste Korrektur am Goldmarkt könnte sich im Nachhinein eher als Bereinigung denn als Ende des langfristigen Aufwärtstrends herausstellen. Viele kurzfristig orientierte Spekulanten seien aus dem Markt gedrängt worden, während die strukturellen Treiber für Gold weiterhin bestehen bleiben. Steigende geopolitische Risiken, hohe Staatsverschuldungen, strukturelle Rohstoffengpässe und mögliche spätere Zinssenkungen könnten dem Edelmetall erneut Rückenwind verleihen. Gold sei somit weit mehr als nur ein Metall im Tresor – sondern für viele Investoren zunehmend ein Symbol für Sicherheit und Misstrauen gegenüber einem immer fragileren globalen Finanzsystem.

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