Die Blockade der Straße von Hormus ließ die Ölpreise geradezu explodieren. Nach dem Friedensdeal zwischen den USA und Iran, fällt der Ölpreis stark – und die Internationale Energieagentur warnt bereits vor einem hohen Angebotsüberschuss.
Der Ölpreis hat am Donnerstag deutlich nachgegeben, nachdem Donald Trump am Vorabend ein erstes Abkommen zur Beendigung des Konflikts im Nahen Osten unterschrieben hatte, das zwischen den USA und dem Iran ausgehandelt worden war. Die europäische Ölsorte Brent fiel daraufhin um 1,86 Prozent auf 78,07 US-Dollar je Barrel. US-Rohöl der Sorte West Texas Intermediate (WTI) sank um 2,24 Prozent auf 75,07 US-Dollar je Barrel. Damit haben sich die Ölpreise binnen weniger Tage erheblich von ihren jüngsten Hochs entfernt.
Vollständige Entwarnung gibt es noch nicht. Denn noch am Abend drohte Trump vor Journalisten dem Iran erneut: „Wir werden sie in Grund und Boden bomben, wenn sie das Abkommen verletzen. Ich will das nicht. Ich möchte, dass sie das Abkommen einhalten." Die Kapitalmärkte reagierten auf diese ambivalenten Signale am Donnerstag mit Zurückhaltung. Noch herrscht Unsicherheit, ob der Frieden von Dauer sein wird.
IEA warnt vor Angebotsüberhang 2027
Unterdessen hat die Internationale Energieagentur (IEA) am Mittwoch in ihrem aktuellen monatlichen Ölmarktbericht eine aufsehenerregende Einschätzung vorgelegt. Sollte sich der Frieden im Nahen Osten als dauerhaft erweisen, rechnet die Behörde mit einem deutlichen Anstieg der globalen Fördermengen und einem erheblichen Angebotsüberschuss im Jahr 2027.
Die Agentur erwartet, dass das weltweite Angebot in 2026 zunächst im Jahresdurchschnitt um 3,9 Millionen Barrel pro Tag auf 102,4 Millionen Barrel pro Tag sinken wird, vor allem als Folge des Konflikts am Persischen Golf, bei dem auch Ölförder- und -transportanlagen zerstört wurden. Im Jahr 2027 soll die Förderung dann aber auf 110,3 Millionen Barrel pro Tag steigen. Und das hat Folgen: „Unser erster Blick auf die Bilanzen für 2027 zeigt, dass sich im nächsten Jahr ein erheblicher Überhang abzeichnet", schrieb die IEA in ihrem Report.
Noch ist das Inflationsrisiko nicht gebannt
Trotz des Preisrückgangs mahnen Experten zur Vorsicht. Analysten des Vermögensverwalters New York Life Investment Management betonen, dass sinkende Ölpreise zwar die Wahrscheinlichkeit verringern, dass Energie zu einem anhaltenden Inflationsproblem wird – doch ein Freifahrtschein sei das nicht. „Öl liegt noch immer über dem Vorkonfliktniveau, die Normalisierung des Schiffsverkehrs wird Zeit brauchen, und Lager sowie strategische Reserven müssen erst wieder aufgefüllt werden", heißt es in einer Analyse. Hinzu kommt, dass ein mögliches Scheitern des Abkommens – wenn Trump seine Drohung wahrmachen sollte – die Preise sofort wieder nach oben treiben würde.
Was eine Ölschwemme für Märkte bedeutet
Käme es 2027 wirklich zu einem dauerhaften Angebotsüberschuss, hätte das weitreichende Folgen für die Energiemärkte – und auch für Anleger. Fallende Ölpreise würden einerseits die Inflation weiter dämpfen und der US-amerikanischen Notenbank Federal Reserve mehr Spielraum für Zinssenkungen geben. Das wäre ein positiver Kurshebel für Aktien und Anleihen. Andererseits würden Energieunternehmen und ölproduzierende Staaten unter erhöhten Margendruck geraten.
Noch ist es zu früh, darauf mit Umschichtungen im Portfolio zu reagieren. Jeder Anleger sollte sich aber dieser Mechanismen bewusst sein.
Benzinpreise sinken
Freuen können sich unterdessen die Autofahrer. Infolge der Entspannung im Nahen Osten sind die Spritpreise hierzulande deutlich gefallen. Diesel kostete am Mittwoch im bundesweiten Tagesdurchschnitt nur noch 3 Cent pro Liter mehr als am 27. Februar, dem letzten Tag vor Kriegsbeginn, wie aus Zahlen des ADAC hervorgeht. Super E10 war 6,2 Cent teurer.
Ein Liter Diesel kostete demnach am Mittwoch im bundesweiten Tagesdurchschnitt 1,776 Euro und damit 2,1 Cent weniger als am Vortag. Es war bereits der neunte Rückgang in Folge. Auf Wochensicht ist Diesel damit 7,6 Cent billiger. Super E10 lag am Mittwoch bei 1,84 Euro pro Liter. Das waren 1,4 Cent weniger als am Vortag. Hier steht nach fünf Rückgängen in Folge auf Wochensicht ein Minus von 3,1 Cent.
Sollte der Trend anhalten, könnte Diesel damit bald unter das Preisniveau vor Kriegsbeginn fallen. Das liegt allerdings zu einem wichtigen Teil auch am Tankrabatt, der die Steuern pro Liter Sprit um 16,7 Cent senkt.
Zumindest der ADAC sieht aber Möglichkeiten für weitere Preissenkungen. „Es gibt weiterhin Potenzial für niedrigere Kraftstoffpreise“, sagt ein Sprecher. Sowohl der Ölpreis als auch die Spritpreise lägen zurzeit in etwa auf dem Preisniveau von Anfang März. Damals sei der Tankrabatt aber nicht in Kraft gewesen. "Vor diesem Hintergrund zeigt sich sehr deutlich, wie groß das Potenzial für weiter sinkende Kraftstoffpreise ist.“
Häufig gestellte Fragen
Warum warnt die Internationale Energieagentur vor einer Ölschwemme im Jahr 2027?
Sollte sich der Frieden im Nahen Osten als dauerhaft erweisen, erwartet die IEA einen deutlichen Anstieg der globalen Fördermenge von 102,4 Millionen Barrel pro Tag in 2026 auf 110,3 Millionen Barrel pro Tag in 2027. Nach den durch den Konflikt bedingten Förderausfällen könnte das Angebot 2027 deutlich schneller wachsen als die Nachfrage, was laut IEA zu einem erheblichen Angebotsüberhang führen würde.
Ist die Inflationsgefahr durch fallende Ölpreise jetzt vollständig gebannt?
Nein. Experten von New York Life Investment Management warnen, dass der Ölpreis trotz des Rückgangs noch über dem Vorkonfliktniveau liegt und die Normalisierung des Schiffsverkehrs sowie die Wiederauffüllung von Lagern und strategischen Reserven Zeit benötigen. Zusätzlich besteht das Risiko, dass ein Scheitern des Friedensabkommens die Preise sofort wieder nach oben treiben könnte, da Trump dem Iran für diesen Fall bereits mit militärischen Konsequenzen gedroht hat.
Was würde ein Ölangebotsüberschuss für Anleger konkret bedeuten?
Ein dauerhafter Angebotsüberschuss würde die Inflation weiter dämpfen und der US-Notenbank mehr Spielraum für Zinssenkungen geben – ein potenziell positiver Kurshebel für Aktien und Anleihen. Gleichzeitig gerieten Energieunternehmen und ölproduzierende Staaten unter erhöhten Margendruck. Für eine konkrete Portfolioumschichtung ist es nach Einschätzung von Experten jedoch noch zu früh, da die Entwicklung erst über die kommenden Monate bestätigt werden müsste.