Inflation runter, Haushalt im Plus und Rating rauf. Gute Argumente für Argentinien-Anleihen. Was man dabei unbedingt beachten muss.
Hinweis: Dieser Artikel erschien zuerst am 10. Juni in der BÖRSE ONLINE-Ausgabe 25/26. Wenn Sie in Zukunft als Erstes die Einschätzung unserer Experten lesen wollen, dann werfen Sie einen Blick auf dieses Angebot.
Als Javier Milei Ende 2023 das Präsidentenamt in Buenos Aires übernahm, überwog die Skepsis. Ein selbst ernannter „Anarcho-Kapitalist“, der mit radikalem Sparkurs, Massenentlassungen im Staatsapparat und dem Versprechen einer „Schocktherapie“ antrat. Da rechneten viele Ökonomen schon mit dem nächsten Kapitel der argentinischen Dauerkrise. Doch gut zwei Jahre später fällt die Bilanz überraschend positiv aus. Die Inflation soll von über 200 auf rund 30 Prozent bis Ende 2026 sinken, der niedrigste Wert seit neun Jahren. Der Staatshaushalt weist erstmals seit Langem einen Überschuss aus. Und im Mai 2026 stufte die Ratingagentur Fitch die Bonität auf „B-“ herauf — ausdrücklich mit Verweis auf Mileis Reformen und die gestärkte politische Rückendeckung nach den Zwischenwahlen. Auch die Anleihemärkte schöpfen wieder Vertrauen: Der Risikoaufschlag ist deutlich gesunken, jüngst gelang dem Land sogar wieder eine Anleiheemission.
Für renditeorientierte Anleger eröffnet das eine interessante Gelegenheit, und das sogar ohne Währungsrisiko. Denn neben den bekannten Dollar-Bonds gibt es aus der großen Umschuldung von 2020 auch in Euro notierte argentinische Staatsanleihen. Unser Favorit ist die Anleihe mit Fälligkeit im Juli 2035 (siehe Kasten oben rechts). Sie wird derzeit zu rund 75 Prozent des Nennwerts gehandelt und wirft auf Endfälligkeit gerechnet gut neun Prozent ab. Das ist eine Verzinsung, von der Käufer von Bundesanleihen nur träumen können, wird aber eben auch mit deutlich höherem Risiko erkauft.
Wichtig auch: Nicht alle Argentinien-Anleihen sind ein empfehlenswertes Investment. So finden sich zahlreiche „Geisterpapiere“ aus den späten 1990er- und frühen 2000er-Jahren, oft mit verlockenden Kupons von acht, neun oder zehn Prozent. Das sind die Altlasten aus dem Staatsbankrott von Ende 2001. Auf diese Anleihen zahlt Argentinien seit über zwei Jahrzehnten keine Zinsen mehr. Also Finger weg. Wer den Umtausch in den Umschuldungen von 2005 und 2010 verweigerte, sitzt auf faktisch wertlosen Papieren.
Kniffelige Besonderheiten
Doch auch die 2035er-Anleihe hat ihre Tücken, die Anleger verstehen sollten. Bei dem ausgewiesenen Kupon von 3,875 Prozent handelt es sich um das Ergebnis einer sogenannten Step-up-Struktur: Nach dem Umtausch 2020 wurde der Zinssatz zunächst niedrig angesetzt — bei nur 0,5 Prozent — und stieg dann in mehreren Stufen an, bis er im Juli 2023 seinen Endwert von 3,875 Prozent erreichte. Anders als der Begriff vermuten lässt, steigt der Kupon also nicht weiter: 3,875 Prozent sind der aktuelle und zugleich finale Satz. Klar ist dabei aber auch, dass der „wahre Ertrag“ nicht im laufenden Kupon steckt, sondern im Kursabschlag. Aktuell kostet das Papier etwa 750 Euro für 1.000 Euro Nennwert, zurückgezahlt wird aber zum vollen Nennwert. Hinzu kommt eine Besonderheit der Struktur: Die Anleihe wird nicht in einer Summe am Ende der Laufzeit getilgt, sondern in mehreren Raten ab 2031 (Fachbegriff: Sinking Fund). Dieser vorgezogene, gestaffelte Kapitalrückfluss zum vollen Nennwert hebt die effektive Rendite spürbar an und verkürzt zugleich die durchschnittliche Kapitalbindung. Allerdings verkompliziert es die Renditeberechnung erheblich angesichts aller künftigen Zins- und Tilgungszahlungen bis zur Endfälligkeit. Zu beachten ist außerdem, dass Argentinien die Anleihe vorzeitig kündigen darf, was das Potenzial begrenzt.
Fazit
Argentinien ist ein Investment wert. Die gut neun Prozent Rendite sind aber kein Geschenk, sondern eine Risikoprämie. Es ist auch Ausdruck der Sorge, dass eine mögliche künftige Regierung Mileis Kurs wieder kassieren könnte. Dazu kommt: Die Devisenreserven bleiben dünn, der Peso ist noch nicht frei handelbar, und Argentiniens Krisenhistorie mahnt zur Demut. Die Anleihe gehört deshalb nur als kleine Beimischung in spekulativ ausgerichtete Depots. Wer das Risiko tragen kann, erhält dafür eine der attraktivsten Euro-Renditen am Markt.