Der Traditionskonzern hat an der Börse eine längere Durststrecke hinter sich. Mit dem Wechsel an der Spitze und zwei Übernahmen kam wieder Schwung in die Aktie, die immer noch moderat bewertet ist

Hinweis: Dieser Artikel erschien zuerst am 28. Oktober in der BÖRSE ONLINE-Ausgabe 45/26. Wenn Sie in Zukunft als Erstes die Einschätzung unserer Experten lesen wollen, dann werfen Sie einen Blick auf dieses Angebot.

Wer ein Unternehmen erfolgreich lenken und weiterentwickeln will, sollte es idealerweise bestens kennen. Im Falle von Merck dürfte das auf kaum jemanden mehr zutreffen als auf Kai Beckmann. Seit 37 Jahren, sein ganzes Berufsleben, ist der gebürtige Hanauer beim Darmstädter Traditionskonzern zu Hause, seit Mai dieses Jahres nun als CEO. Der studierte Informatiker und Wirtschaftswissenschaftler leitete zuvor unter anderem das operative Geschäft in Singapur und Malaysia und wurde 2007 erster Chief Information Officer. Als Chief Administrative Officer zog er 2011 in die Geschäftsleitung ein und prägte die Transformationsphase vom traditionellen Pharma- und Spezialchemieunternehmen zum Wissenschafts- und Technologiekonzern entscheidend mit. So baute er globale Plattformen für Shared Services auf und trug zur erfolgreichen Integration der Zukäufe AZ Electronic Materials und Sigma Aldrich bei. 

Im Jahr 2017 übernahm er die Führung der Sparte Performance Materials, heute Electronics. Der Spezialchemiebereich war durch asiatische Konkurrenz im Bereich der Flüssigkristalle für LED-Displays stark unter Druck geraten. Beckmann baute die Sparte radikal um: Die Produktion von Flüssigkristallen wurde zurückgefahren, der Geschäftsbereich Pigment- und Beschichtungslösungen 2025 verkauft. Parallel richtete Merck unter seiner Leitung die Sparte konsequent auf die Halbleiterindustrie aus, auch durch strategische Zukäufe. Heute liefert der Konzern Materialien und Technik für nahezu jeden Schritt der Chipherstellung: von hochreinen Gasen und chemischen Lösungen für das Ätzen und Reinigen nanometerkleiner Strukturen auf Silizium-Wafern über Fotolacke für die ­Lithografie und Hightech-Versorgungsanlagen für Gase und Chemikalien zum Einbau in Chipfabriken bis hin zu Instrumenten für die Halbleiter-Inspektion.

Nachdem Beckmann die Transformation von Merck schon lange mitgeprägt hat, war es nur folgerichtig, dass der Aufsichtsrat ihn im Frühjahr zum Nachfolger von Belén Garijo ernannte. Damals betonte er strategische Kontinuität, hob aber eigene Akzente hervor: Investitionen konsequent in die attraktivsten Wachstumsfelder fließen lassen, Silos im Unternehmen aufbrechen, verstärkt Komplettlösungen anbieten und auf Zu- und Verkäufe setzen. Knapp sechs Monate nach dem Führungswechsel ist es Zeit für eine Zwischenbilanz und einen Ausblick.

Prognose zweimal angehoben

Nach einer Sonderkonjunktur während der Coronapandemie und dem Übergangsjahr 2023 folgten zwei Jahre mit verhaltenem organischen Wachstum. Dabei war das Unternehmen, dessen Anfänge auf den Kauf einer Apotheke im Jahr 1668 zurückgehen, stets hochprofitabel. In allen drei Geschäftssegmenten erzielte es im Branchenvergleich überdurchschnittliche operative Margen. Im vergangenen Geschäftsjahr stand konzernweit eine bereinigte Ebitda-Marge von 28,9 Prozent zu Buche. Dennoch verlor die Aktie innerhalb der letzten beiden Geschäftsjahre rund 40 Prozent an Wert. Den Anlegern fehlte es offenbar an Wachstumstempo, zudem geriet in dieser Zeit der ganze Pharma- und Life-Science-Sektor unter anderem durch den Post-Corona-Lagerabbau unter Druck. Im ersten Halbjahr und insbesondere im zweiten Quartal des laufenden Jahres fielen die Zahlen besser aus als erwartet. Das bereinigte Ebitda legte bis zur Jahresmitte um 4,4 Prozent zu, während der Umsatz organisch um 3,5 Prozent wuchs. Im zweiten Quartal verzeichnete der Konzern ein orga­nisches Umsatzwachstum von 4,1 Prozent, das bereinigte Ebitda erhöhte sich um 9,4 Prozent. Infolgedessen und aufgrund nachlassender negativer Währungseffekte erhöhte das Management zweimal die Jahresprognose für Umsatz und Ebitda. Nachdem ursprünglich 20 bis 21,1 respektive 5,5 bis sechs Milliarden Euro in Aussicht ­gestellt wurden, will das Unternehmen nach der letzten Anhebung 21 bis 21,8 respektive 5,9 bis 6,3 Milliarden Euro erwirtschaften. 

Fokus auf drei Wachstumsmotoren

Mittelfristig peilt Merck eine Marge von rund 30 Prozent und ein organisches Umsatzwachstum im mittleren einstelligen Bereich an. Beim Strategie-Update im ­Oktober 2025 nannte Ex-CEO Belén Garijo drei Bereiche, die mit Wachstumsraten im hohen einstelligen bis zweistelligen Bereich besonders dazu beitragen sollen. Im Segment Healthcare ist es der noch junge Bereich Seltene Erkrankungen. Das Geschäftsfeld entstand mit der Übernahme des US-Biopharmaunternehmens Springworks Therapeutics im letzten Jahr. Zwei Medikamente gegen seltene Tumore mit Blockbusterpotenzial sind in Europa und den USA bereits zugelassen, ein weiteres bisher nur in China, ein Antrag in den USA läuft. Mit der soeben angekündigten Übernahme von Silence Therapeutics für rund 1,3 Milliarden US-Dollar soll das Portfolio vor allem um den siRNA-Wirkstoff Divesiran erweitert werden. Mit der siRNA-Technologie lassen sich Gene gezielt abschalten, was neue Behandlungsansätze für bislang schwer therapierbare Erkrankungen eröffnet. Divesiran steht Merck zufolge kurz vor dem Einstieg in die entscheidende klinische Studienphase III für die Behandlung einer seltenen Form von Blutkrebs. 

Der Wachstumsmotor im Segment Life Science ist der Bereich Process Solutions, der Produkte und Dienstleistungen für Komplettlösungen für die gesamte Wertschöpfungskette der Arzneimittelherstellung anbietet. Im ersten Halbjahr wuchs der Umsatz in dem Bereich organisch um 15,5 Prozent, der Anteil am Segment­umsatz erreichte 45 Prozent. Dabei werden den Kunden zunehmend Komplettlösungen für konkrete pharmazeutische Prozesse angeboten. Konzernchef Beckmann hat deutlich gemacht, dass das Portfolio solcher Lösungen weiter ausgebaut werden soll. Mit der im Juni angekündigten rund elf Milliarden Dollar schweren Übernahme von Bio-Techne will der neue CEO ebenfalls das Angebot der Laborausrüstungssparte erweitern, insbesondere in den Wachstumsmärkten Proteinanalyse und Zellkultur. Hinzu kommt die Technologie RNAscope, die zeigt, wo im Gewebe ein Gen aktiv ist. 

Besondere Aufmerksamkeit dürfte Beckmann seinem früheren Ressort Electronics zukommen lassen. Das Segment trägt bisher nur 16 Prozent zum Konzernumsatz bei, wuchs im ersten Halbjahr aber um acht Prozent. Treiber ist der Kernbereich Semiconductor Solutions, der 78 Prozent des Segmentumsatzes ausmacht. Zusätzlichen Umsatz wird ein neues Werk in ­Taiwan bringen, das dieses Jahr die Produktion von Spezialgasen und Halbleitermaterialien aufnimmt und vor allem den asiatischen Markt bedienen soll. 

Fazit

Der Darmstädter Konzern steht auch unter Beckmann für nachhaltiges Wachstum und hohe Profitabilität. Der neue CEO will indes das Tempo erhöhen und hat dies mit zwei Übernahmen bereits demons­triert. Die Börse honoriert das: Seit dem Führungswechsel hat die Aktie um 32 Prozent zugelegt. Mit einem 21er-KGV auf ­Basis des für 2027 erwarteten Gewinns ist das Unternehmen immer noch moderat bewertet, hat dabei aber großes Wachstumspotenzial.

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