Der Goldmarkt steht womöglich vor einem grundlegenden Wandel. Eine am 19. Oktober veröffentlichte Studie des World Gold Council und der Boston Consulting Group zeigt, wie sich zusätzliche Nachfrage in dreistelliger Milliardenhöhe erschließen ließe. Für den Goldpreis könnte das langfristig bedeutsam werden.
Gold gilt seit Jahrtausenden als bewährter Wertspeicher. Doch während sich die Finanzwelt zunehmend digitalisiert, entstehen neue Möglichkeiten, das Edelmetall zu kaufen, zu verwalten und einzusetzen. Im Mittelpunkt steht sogenanntes digitales Gold. Darunter verstehen die Studienautoren sowohl digital verwaltete, physisch hinterlegte Goldbestände als auch tokenisiertes Gold. Bei Letzterem werden Eigentumsansprüche an tatsächlich gelagertem Gold durch digitale Einheiten, sogenannte Token, abgebildet. Diese lassen sich beispielsweise über eine Blockchain übertragen.
Digitales Gold: Studie sieht bis zu 700 Milliarden Dollar Nachfragepotenzial
Laut der gemeinsamen Analyse des World Gold Council (WGC) und der Boston Consulting Group (BCG) umfasst der Markt für digitales Gold derzeit lediglich 45 bis 55 Milliarden Dollar. Dem steht ein weltweiter Markt für Anlagegold im Wert von rund 13 Billionen Dollar gegenüber.
Für die Untersuchung wurden mehr als 12.000 Privatanleger in zwölf Ländern befragt und 20 Branchenexperten interviewt. Fast neun von zehn Befragten könnten sich unter geeigneten Voraussetzungen eine Investition in digitales Gold vorstellen.
Die Modellrechnungen ergeben ein bislang unerschlossenes Nachfragepotenzial von bis zu 700 Milliarden Dollar. Voraussetzung wäre allerdings, dass wesentliche Hindernisse bei Vertrauen, Zugänglichkeit, Nutzungsmöglichkeiten und Kosten beseitigt werden. Die Summe stellt ausdrücklich keine kurzfristige Nachfrageprognose dar.
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Der Markt für digitales Gold könnte bis 2031 kräftig wachsen
Im Basisszenario erwarten die Studienautoren, dass der Markt für digitales Gold bis 2031 auf 160 bis 170 Milliarden Dollar wächst. Das entspräche einem jährlichen Wachstum von ungefähr 27 Prozent. Im optimistischen Szenario wären sogar 270 bis 280 Milliarden Dollar möglich, im pessimistischen, in dem die Hürden bestehen bleiben, nur 70 bis 80 Milliarden. Netto rechnet die Studie im Basisszenario mit rund 95 Milliarden Dollar wirklich neuer Nachfrage. Alle Szenarien unterstellen zudem einen unveränderten Goldpreis, Preiseffekte schätzt die Studie nicht.
Besonders interessant: Rund 65 Prozent der potenziellen zusätzlichen Nachfrage sollen von Menschen stammen, die bislang überhaupt kein Gold besitzen. Die neuen Produkte könnten somit zusätzliche Anleger gewinnen, statt lediglich Kapital aus Goldbarren, Münzen oder Gold-ETFs umzuschichten.
WGC-Geschäftsführer David Tait schreibt im Vorwort der Studie: „Da sich die Finanzwelt zunehmend digitalisiert, muss sich der Goldmarkt anpassen.”
Entscheidend bleibt dabei das Vertrauen. Anleger müssen sicher sein können, dass ihre digitalen Ansprüche tatsächlich durch physisches Gold gedeckt sind. Auch transparente Verwahrung, klare Regulierung und die Möglichkeit einer physischen Auslieferung spielen eine wichtige Rolle.
LBMA-Konferenz: Gold als Kreditsicherheit eröffnet neue Möglichkeiten
Wie Kitco News am 20. Oktober berichtete, wurde das Potenzial tokenisierten Goldes auch auf der jüngsten Jahreskonferenz der London Bullion Market Association (LBMA) intensiv diskutiert.
Mike Oswin, beim WGC für Marktstruktur und Innovation zuständig, sieht die Branche vor einem Wendepunkt. Traditionelle Finanzinstitute würden sich zunehmend der Tokenisierung zuwenden.
Vincent Domien, Edelmetallhandelschef der ICBC Standard Bank, hob zudem hervor, dass sich physisches Gold bislang nur schwer als Kreditsicherheit nutzen lasse. Er sprach von einem „toten Vermögenswert“ in der Bilanz. Tokenisiert und sofort einsetzbar, könne Gold deutlich häufiger genutzt werden. Das WGC ergänzt, Investoren könnten so Liquidität erhalten, ohne ihre Goldbestände verkaufen zu müssen. James Willis von HSBC berichtete, dass ein digitaler Gold-Token in Hongkong viele neue Kunden gebracht habe.
Für Anleger ergibt sich daraus eine interessante Perspektive: Wenn digitale Anwendungen tatsächlich zusätzliche Investitionen in physisch hinterlegtes Gold auslösen, könnte dies die Nachfrage und langfristig auch den Goldpreis unterstützen.
Fazit der Studie: Ein automatischer Preisanstieg folgt daraus allerdings nicht. Entscheidend sind die tatsächlichen Kapitalzuflüsse, die physische Golddeckung und die Entwicklung anderer Einflussfaktoren wie Zinsen, US-Dollar und Zentralbanknachfrage.
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