Um 16 Uhr deutscher Zeit eröffnet der Chef der US-Notenbank Federal Reserve, Kevin Warsh, mit seiner Rede das Treffen der Notenbanker im amerikansischen Jackson Hole. BÖRSE ONLINE begleitet die Rede in einem Live-Ticker - denn sie könnte große Bewegungen an den Weltbörsen auslösen.

Die Börsen hab mit Erleichterung auf die Rede von Fed-Chef Kevin Warsh reagiert. Der DAX markierte um 17 Uhr sogar ein neues Allzeithoch bei 26.615 Punkten. Warsh hatte angekündigt, dass die Fed das Inflationsziel von zwei Prozent verteidigen werde udn man die Entwicklung genau beobachte. Er nannte dann aber ein Reihe von Gründen, warum das vermutlich aktuell noch nicht nötig sei. Die Börsen lesen daraus: Keine Zinserhöhung im September. Allerdings hat Warsh die Märkte auch gewarnt, ihre Anlagenentscheidungen weiterhin allein an der vermeintlichen Guidance der Fed auszurichten.  

Warsh sprach beim Treffen der Notenbankelite

Warsh sprach zur Eröffnung des traditionellen Treffens der Notenbankchefs in Jackson Hole (Wyoming), das jedes Jahr ein besonderes Event ist, auf das die Börse genau achtet. Doch diesmal schauten die Investoren noch genauer hin. 

Denn die Lage der US-Wirtschaft ist fragil wie selten. Die Inflationsraten steigen, die Renditen am Bondmarkt auch. Beides zwingt die US-Notenbank eigentlich , die Zinsen zu erhöhen. Doch das will Donald Trump nicht - und der hat Kevin Warsh schließlich im Frühjahr ausgesucht.

Doch Warsh macht seine Sache gut und fand den Mittelweg zwischen "wir müssen eingreifen, weil die Inflation steigt" und "jetzt noch nicht". Gleichzeitig macht er unmisverständlch klar, dass die Fed die Inflation bekämpfen will und wird: "Das Ziel einer Preisstabilität von zwei Prozent ist ein festes, unveränderliches Ziel für die Fed. Da gibt es kein Entschuldigungen", sagt Warsh.

Zu einem heiklen Thema sagte Warsh nichts

Was in der Rede fehlte, war eine Entgegenung an Finanazminister Scott Bessent. Der hatte vergangene Woche zu einem ungewöhnlichen Mttel gegriffen, um die steigenden Renditen auf US-Statanleihen einzudämmen. Bessent kauft diese schon seit längerem selbst auf und finanziert das mit der Ausgabe von Kurzläufern. Als die Renditen trotzdem stiegen, kündigte Bessent an, diese Zukäufe zu verdoppeln. Damit hat er Warsh de facto brüskiert. Denn eigentlich gehört so ein Schachzug zum geldpolitischen Instrumentarium der Notenbank.

Warshs Vorgänger Jerome Powell hätte sich das wohl kaum bieten lassen,der neue Fed-Chef sagte dazu heute nichts. Er umschrieb die Rolle der US-Notenbank stattdesen so: Eine solide Geldpolitik trage zum Wohlstand von Haushalten und Unternehmen bei. „Wenn sie effektiv umgesetzt wird, verstärkt und vertieft sie die Dynamik unserer Wirtschaft und trägt dazu bei, Amerikas Führungsrolle in der Welt zu sichern. Und ich weiß, dass unser Land darauf angewiesen ist, dass wir sorgfältig nachdenken und klug handeln.“

Hier die Highlights der knapp halbstündigen Rede im Tickerprotokoll (das Manuskript auf Englisch finden Sie hier)

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Die wichtigsten Passagen der Rede im Tickerprotokoll

16.00 Uhr: Kevin Warsh tritt pünktlich ans Pult in Jackson Hole. Die mit Spannung erwartete Rede beginnt.

16.02 Uhr: „Die Inflationszahlen signalisieren keine bedeutende Trendverbesserung“, sagt Warsh. Also gibt es doch eine Zinserhöhung? "Wir müssen handeln, wenn die Inflation nicht mit Tempo auf zwei Prozent zurückgeht", wird Warsh gleich laut Redemanuskript sagen.

16.05 Uhr: Man müsse einen „Realitätscheck“ machen, sagt der Fed-Chef, und beginnt seine Ausführungen. KI sei ein neuer Faktor, den man berücksichtigen müsse. Wie bewegt er die Preise? Wo fließen die Überschüsse hin?

16.07 Uhr: Warsh erzählt von den Token-Preisen für KI-Modelle: Tokens für neue Modelle würden im Preis steigen, aber Token-Preise für ältere Modelle fielen jetzt und machten ihre Anwendung günstiger. "Worauf müssen wir mehr achten?"

16.10 Uhr: Warsh erklärt, dass er kein Freund von Fed-Statements zur Andeutung künftiger Entscheidungen sei. Es sei bekannt, das er das änden wolle, und er werde das jetzt erklären.

16.12 Uhr: "Die „Forward Guidance“ wurde von meinen Kollegen und mir während der globalen Finanzkrise eingeführt. Damals war sie unverzichtbar, und wir haben sie mit großem Tamtam eingeführt. Doch wie bei anderen Hinterlassenschaften vergangener Krisen glaube ich, dass diese Praxis ihre Zeit überlebt hat."

In normalen Zeiten solle die Forward Guidance begrenzt und klar abgegrenzt sein, sagt Warsh. Andernfalls bestehe die Gefahr, "dass im Namen der Klarheit Unklarheit entsteht". Eine zu ausführliche Offenlegung politischer Überlegungen und zu weitreichende Zusagen hinsichtlich künftiger Entscheidungen könnten Märkte, Unternehmen und private Haushalte in die Irre führen.

16.14 Uhr; Es könne nicht das Ziel sein, dass der Markt seine Investments ständig an der Fed-Guidance ausrichte. "Unsere Instrumente sind stark und wirkungsvoll. Wir bestimmen die Entwicklung der kurzfristigen Zinssätze. Und die Marktteilnehmer werden stets versuchen, unsere nächsten Schritte vorauszusehen. Wir sollten jedoch kein System zulassen, in dem sich die Marktteilnehmer bei ihren Handelsentscheidungen in erster Linie an der Fed orientieren." Dadurch steige die Gefahr, "dass wir wichtige Dinge im Markt übersehen."

16.16 Uhr: Wenn sich die Märkte maßgeblich auf die Signale der Fed stützen und die Fed sich wiederum auf die Marktpreise stütze, bestehe die Gefahr,  "dass wir neue Entwicklungen übersehen … dass wir von einer Wendung der Ereignisse unvorbereitet getroffen werden … und dass wir (bei Geldpolitk) Fehler begehen." 

16.18 Uhr: Warsh nennt sechs Prinzipien für die Geldpolitik der Fed unter seiner Präsidentschaft:

1. Es kann keine vorausschauende Geldpolitik anhand von statischen oder veralteten Daten geben. "Wir treffen Entscheidungen inmitten von Unsicherheit, und die Daten, auf die wir uns stützen, müssen so relevant, aktuell, genau und umsetzbar wie möglich sein."

2. Die Maßnahmen der Fed zielten bislang darauf ab, sicherzustellen, dass die gesamtwirtschaftliche Nachfrageseite im Großen und Ganzen mit dem Gesamtangebot im Einklang steht. "Was auf der Angebotsseite tatsächlich geschieht, sehen wir nie, wir können es nur ableiten." Daher könne die Notenbank nicht mehr allein auf die Nachfrage sehen, "Wir müssen auch wissen, was auf der Angebotsseite passiert, in der Produktion, in den Lieferketten. Wir müssen sehen, was wirklich da draußen passiert."

3. "Das Ziel einer Preisstabilität von zwei Prozent ist ein festes, unveränderliches Ziel" für die Fed. "Da gibt es kein Entschuldigungen", sagt Warsh.

4. "Die Fed trägt auch die Verantwortung für maximale Beschäftigung." Das sei keine Entweder-oder-Frage.

5. Kurzfristige Zinssätze seien "das vorrangige Instrument zur Erfüllung des doppelten Mandats. Unkonventionelle Maßnahmen zur Ankurbelung der Wirtschaftstätigkeit mögen in echten Krisen angebracht sein, sollten aber ansonsten, wenn überhaupt, nur sparsam eingesetzt werden."

6. "Geld spielt eine Rolle", sagt Warsh. Das sei heutzutage allerdings nicht gerade en vogue, sagt er, wohl mit einem Seitenhieb auf die Kryptowährungen. "Wir sollten sowohl das von der Zentralbank geschaffene Geld als auch das Geld aus dem Banken- und Finanzsystem im Blick behalten." Es stimme zwar, dass Finanzinnovationen und andere Faktoren die Zusammenhänge zwischen Geldbasis, Umlaufgeschwindigkeit des Geldes und der Gesamtwirtschaft verändern. "Das ist jedoch kaum ein Grund, die letztendlichen Auswirkungen des Geldes auf die Finanzlage und die Preise zu ignorieren."

16.22: Sein Ziel sei "eine zurückhaltendere Fed, die zielgerichteter kommuniziert" und so besser in der Lage sei , ihre Ziele zu erreichen. "Und wir können dafür zur Rechenschaft gezogen werden, unseren Auftrag zu erfüllen – der einzige wahre Test für unsere Glaubwürdigkeit."  

16:24 Uhr: Jetzt führt Warsh einige entlastende Faktoren auf, die erklären sollen, warum die Fed noch nicht im Krisenmodus agiert. So steige die Produktivität rasant, die Kredit-Spreads seien am unteren Ende ihrer historischen Bandbreite. Die Arbeitslosenrate sei robust und die Zahl der Beschäftigten so hoch wie noch nie in der US-Geschichte.

16:26 Uhr: Warsh spricht jetzt über die Inflation. Um diese einzuschätzen, halte er es für aufschlussreich, die 199 einzelnen Komponenten des PCE-Preisindex aufzuschlüsseln. „In den letzten 12 Monaten verzeichneten 54 Prozent der Waren und Dienstleistungen im PCE-Warenkorb Preisanstiege von über drei Prozent.“ Dies liege deutlich unter den Höchstständen nach der Pandemie (etwa 77 Prozent), bleibe aber weiterhin deutlich über dem Niveau von 32 Prozent in den beiden Jahrzehnten vor der Pandemie.

Betrachte man nur die letzten sechs Monate, hätten 49 Prozent der beobachteten Waren und Dienstleistungen annualisierte Preissteigerungen von über drei Prozent aufgewiesen. „Auch dies liegt deutlich unter den Höchstständen nach der Pandemie, ist aber immer noch recht hoch.“ Man müsse auch den jüngsten Anstieg der Rohstoffpreise im Auge behalten. 

Von Bedeutung sei aber auch, ob die Inflationswerte in die Erwartungen eingeflossen sind. „Die gute Nachricht ist, dass die Messgrößen für die mittelfristigen Inflationserwartungen im Großen und Ganzen stabil erscheinen.“ 

16:28 Uhr: Das Besondere an marktbasierten Messgrößen für Inflationserwartungen sei, „dass sie in der Regel stark und beständig erscheinen – bis sie es nicht mehr sind.“ Die Erwartungen ließen sich nicht so leicht beeinflussen, „und derzeit sind sie gut verankert. Aber sie müssen genau im Auge behalten werden.“ Es ist die Aufgabe der Fed, dafür zu sorgen, dass das so bleibe.

„Die Verantwortung für 65 Monate anhaltend hoher Inflation liegt eindeutig bei der Zentralbank. Und genau dort gehört sie auch hin“, sagt Warsh. „Mein Maßstab lautet: Wir müssen sicher sein, dass sich die Kerninflation klar und mit ausreichender Geschwindigkeit auf unser Ziel zubewegt. Andernfalls haben wir noch Arbeit vor uns.“ 

16:30 Uhr: „Wir nehmen unsere Verantwortung ernst“, sagt Warsh. Eine solide Geldpolitik trage zum Wohlstand von Haushalten und Unternehmen bei. „Wenn sie effektiv umgesetzt wird, verstärkt und vertieft sie die Dynamik unserer Wirtschaft und trägt dazu bei, Amerikas Führungsrolle in der Welt zu sichern. Und ich weiß, dass unser Land darauf angewiesen ist, dass wir sorgfältig nachdenken und klug handeln.“

Kein Wort zum Bessent-Plan

Heute stand keine Notenbankentscheidung an. Der Markt interpretierte die Aussagen dennoch als Hinweis auf Zinserhöhungen: Dow Jones, Nasdaq und S&P 500 fielen kurzzeitig etwas, stiegen dann aber wieder steil an, weil die ZInserhöhung wohl erstmal noch nicht kommt. Auch der Goldpreis gab nur leicht nach.

Eigentlich muss die US-Notenbank die Leitzinsen - gegen den Willen von Trump - erhöhen, um die Inflation einzudämmen. Das würde vermutlich auch die Renditen am langen Ende der ZInskurve senken, weil eine glaubwürdige Inflationsbekämpfung langfristig zu niedrigeren Zinsen führt.

Tut Warsh nichts und lässt Bessent gewähren, wird er früher oder später als Trumps Handlager verspottet werden - und die Unabhängigkeit der Notenbank gefährden. 

Manche könne sich sogar vorstellen, dass die Fed dem US-Finanzminister hilft, indem sie die kurzfristigen Zinsen noch weiter drückt, um dessen Refinanzierung zu verbillgen,. Die Folge wäre eine Abwertung des Dollar - was dann Millionen Amerikaner über steigende Preise auf importierte Waren ausbaden müssten. Zudem geriete der Staatshaushalt in eine gefährliche Schieflage: Da die Kurzläufer alle paar Monate refinanziert werden müssen, würde womöglich schon eine kleine, vom Markt erzwungene Zinserhöhung das Budget zum Einsturz bringen.

Warsh konnte es also heute eigentlich keinem recht machen - dafür macht er seine Sache gut.

Donald Trump äußerte sich noch nicht zur Rede von Warsh. Auf seinem Account bei Truth Social wurden stattdessen im MInutentakt Bilder von Renovierungsarbeiten am Weißen Haus gepostet "better than new").