Hohe Renditen bei US-Staatsanleihen wirken auf den ersten Blick verlockend. Doch dahinter steckt ein Risiko, das Anleger bei Anleihen und Aktien nicht unterschätzen sollten.
Bei mehr als 5,2 Prozent jährlicher Rendite auf zehnjährige US-Staatsanleihen könnte die Versuchung groß sein, einen Teil des Depots in diesen vermeintlich sicheren Hafen umzuschichten. Doch genau davor warnte nun der als „Bond King“ bekannte Bill Gross vergangenen Mittwoch. Seiner Ansicht nach übersehen Anleger derzeit einige Risiken, die mit den hohen Anleiherenditen einhergehen. Auch für bestimmte Aktien könnte das noch negative Folgen haben.
Verschuldung auf Spitzenniveau
Gross’ zentrales Argument gegen Anleihen ist die weiter ausufernde Verschuldung. Die US-Staatsschulden belaufen sich inzwischen auf mehr als 40 Billionen US-Dollar, das entspricht rund 100 Prozent des BIP. Allein die jährlichen Zinsausgaben liegen mittlerweile bei mehr als einer Billion US-Dollar.
Zusammen mit Unternehmens- und Hypothekenschulden hat sich der Schuldenberg in den USA auf rund 84 Billionen Dollar angehäuft. Auch der aktuelle Ausbau der KI-Recheninfrastruktur wird zunehmend über Schulden finanziert, da selbst die gigantischen operativen Cashflows der Hyperscaler nicht mehr ausreichen, um die geplanten Investitionen vollständig zu finanzieren.
„Don’t own bonds“
Trotz der auf den ersten Blick attraktiven Renditen von mehr als fünf Prozent warnt Gross vor langlaufenden US-Staatsanleihen. Die hohe Verschuldung führe zu einem erhöhten Inflationsdruck. Dadurch könnten die langfristigen Anleiherenditen weiter steigen, wodurch bereits bestehende langfristige Bonds an Wert verlieren.
Einzig einjährige Treasury Bills könne man seiner Ansicht nach weiterhin halten, da deren Kurse aufgrund der kurzen Laufzeit deutlich weniger empfindlich auf Zinsänderungen reagieren. Aktuell liegt die Rendite dieser Anleihen bei rund 4,55 Prozent.
Erhöhtes Risiko für Aktien
Die anhaltend hohen Anleiherenditen könnten Gross zufolge auch Aktien belasten. Dafür könnten vor allem drei Effekte ausschlaggebend sein.
Erstens werden zukünftige Gewinne der Unternehmen weniger wert, da sie mit einem höheren Zinssatz diskontiert werden müssen. Das trifft insbesondere Wachstumsunternehmen, bei denen ein größerer Teil der erwarteten Gewinne weiter in der Zukunft liegt.
Zweitens werden Anleihen im Vergleich zu Aktien attraktiver. Dadurch steigt die von Investoren geforderte Rendite für Aktien. Bei unveränderten Gewinnen führt das tendenziell zu niedrigeren Aktienkursen und sinkenden KGVs.
Drittens können hohe Zinsen die Gewinne der Unternehmen durch steigende Finanzierungskosten direkt belasten. Das ist vor allem mit Blick auf die zunehmende Verschuldung zur Finanzierung des KI-Ausbaus relevant.
Fazit
Die steigende Verschuldung von Staaten, Unternehmen und privaten Haushalten könnte zu dauerhaft höheren Zinsen führen. Das könnte Bill Gross zufolge sowohl die Kurse bestehender langlaufender US-Staatsanleihen als auch Wachstumsaktien unter Druck setzen.
Unserer Einschätzung nach ist das ein Risiko, das Anleger derzeit auf dem Schirm haben sollten. In Panik zu verfallen wäre allerdings die falsche Schlussfolgerung. Die Unternehmensgewinne entwickeln sich weiterhin gut und die höheren Zinsen haben sich bereits teilweise in den Aktienbewertungen niedergeschlagen. So liegt das Forward-KGV des S&P 500 aktuell mit rund 19 deutlich niedriger als noch zu Jahresbeginn, als es bei etwa 22 lag. Ein Teil der negativen Folgen der steigenden Verschuldung dürfte damit bereits in den Kursen eingepreist sein.
Zudem ist das vierte Quartal eine historisch starke saisonale Phase für Aktien. Welche Titel dabei besonders profitieren könnten, zeigt der neue Aktienreport „Kurz vor dem Ausbruch – Die besten Aktien für die kommende Jahresendrally“.
Häufig gestellte Fragen:
Warum können steigende Anleiherenditen zu Kursverlusten führen?
Steigen die Marktzinsen, verlieren bereits ausgegebene Anleihen mit niedrigeren Kupons an Attraktivität. Ihre Kurse fallen deshalb.
Warum belasten hohe Zinsen auch Aktien?
Höhere Zinsen erhöhen den Diskontierungssatz für zukünftige Gewinne und können zugleich die Finanzierungskosten der Unternehmen steigern.
Sind kurzlaufende US-Staatsanleihen weniger riskant?
Ja. Wegen ihrer kurzen Laufzeit reagieren sie deutlich weniger empfindlich auf Zinsänderungen als langlaufende Anleihen.