Jahrzehntelang galt: Wer langfristig mehr Rendite will, kauft Aktien. Jetzt sieht die Bank of America ausgerechnet langlaufende US-Staatsanleihen als ernsthaften Rivalen – denn sie bieten ein besseres Chance-Risiko-Verhältnis.

Aktien haben einen neuen Gegner. Das sagt Savita Subramanian, Leiterin der US-Aktien- und Quant-Strategie bei der Bank of America in einem Interview mit Bloomberg TV. Subramanian hält es sogar für möglich, dass zehnjährige US-Staatsanleihen den S&P 500 in den kommenden zehn Jahren schlagen.

Der Grund ist einfach: Zehnjährige US-Treasuries rentieren derzeit mit mehr als fünf Prozent. Das Bewertungsmodell der Bank of America (BofA) erwartet für den S&P 500 über die kommenden zehn Jahre dagegen eine Rendite, die dieses Niveau im Durchschnitt nicht erreicht. „Zum ersten Mal seit Jahrzehnten sehen Anleihen tatsächlich wieder interessant aus“, sagte Subramanian Bloomberg TV.

Fünf Prozent sicher - vs. hohe Erwartungen

Am Mittwoch erreichte die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen 5,364 Prozent – ein 24-Jahres-Hoch. Damit erhalten Anleger für US-Treasuries wieder einen laufenden Zinsertrag, der über dem liegt, was die BofA-Strategin dem US-Aktienmarkt zutraut. Damit ist endgültig klar: Die Gesetze der Nullzinsära gelten nicht mehr.

Um das neue Renditeniveau der Anleihen zu schlagen, müssen Aktien jetzt deutlich mehr liefern als früher: steigende Gewinne, tragfähige Bewertungen und das ganze am besten gestützt durch eine anhaltend gute Konjunktur. Subramanian warnt davor, dass der aktuelle Konsens am Aktienmarkt von viel zu optimistischen Annahmen ausgeht. Die Analysten erwarteten für die kommenden fünf Jahre beim S&P 500 das höchste Gewinnwachstum seit vier Jahrzehnten – trotz der bereits sehr guten vergangenen Jahre. „Wenn die Erwartungen so hoch sind, ist man eher für Enttäuschungen als für positive Überraschungen anfällig“, gibt die BofA-Strategin zu bedenken.


Grafik: Anstieg der Rendite auf zehnjährige US-Staatsanleihen (schwarz) im Vergleich zur Wertentwicklung des S&P 500 Index seit Oktober 2025 (blau)

US 10-Year Gov Bond Yield (ISIN: AF00000US10Y)

Weiterführende Links

KI-Boom erhöht den Bewertungsdruck

Ihre Warnung richtet sich auch an Anleger, die auf den KI-Boom setzen. Die Kurse vieler US-Technologiewerte preisten bereits hohe Investitionen, steigende Margen und zusätzliche Umsätze ein. Gleichzeitig könnten aber Engpässe beim Aufbau der Rechenzentren, der Stromversorgung und weiterer Infrastruktur diese Margen belasten.

Subramanian sieht zwar noch keine Parallelen zur Technologieblase im Jahr 2000. Doch die überoptimistische Anlegerstimmung, ambitionierte Gewinnschätzungen und gleichzeitig gestiegene Zinsen machten den Aktienmarkt jetzt verwundbarer. Schon bei kleinen Enttäuschungen könne der Kursrückgang heftig ausfallen.

Auch Anleihen sind nicht risikolos

Allerdings seien auch langlaufende US-Staatsanleihen trotz der attraktiven Rendite nicht risikofrei. Steigen die Renditen weiter, sinken die Kurse bereits gekaufter Anleihen im Portfolio. Anders als etwa J.P. Morgan hält es Subramanian zwar für weniger wahrscheinlich, dass die Renditen dauerhaft deutlich über sechs bis sieben Prozent steigen. Doch die jüngsten Kursverluste am Anleihemarkt würden zeigen, wie empfindlich Bonds mit langen Laufzeiten jetzt schon auf Inflationszahlen und Zinsänderungen reagieren.

Für Anleger aus dem Euroraum kommt bei US-Anleihen das Währungsrisiko hinzu: Die Verzinsung wird in US-Dollar gezahlt. Fällt der Dollar gegenüber dem Euro, kann das einen Teil des Zinsvorteils aufzehren. Wer dieses Risiko nicht tragen will, braucht entweder eine währungsgesicherte Lösung oder sollte Alternativen in Euro prüfen – deren Renditen allerdings in der Regel niedriger ausfallen.

Was Anleger aus der Botschaft herauslesen sollten

Subramanians Botschaft bedeutet nicht, dass Anleger jetzt Aktien verkaufen und alles in Anleihen umschichten sollen. Aktien bleiben langfristig ein zentraler Baustein für realen Vermögensaufbau und bieten Beteiligung am Gewinnwachstum. Aber die alte Gewissheit, dass sie Anleihen automatisch deutlich schlagen, ist angesichts der heutigen Bewertungen nicht mehr selbstverständlich.

Für ein ausgewogenes Depot werden hochwertige Anleihen damit wieder zur echten Alternative, besonders für den defensiven Teil und für Anleger mit einem festen, planbaren Anlagehorizont. Wer Rendite will, kommt auch weiterhin an Aktien nicht vorbei. Wer aber die Schwankungen im Portfolio senken und verstärkt laufende Erträge erzielen möchte, findet in Anleihen nach Jahren der Flaute nun erstmals wieder eine ernst zu nehmende Konkurrenz zu Dividendenwerten.

Sie möchten Ihr Geld lieber fest verzinst auf einem Sparkonto anlegen?

Im "Festgeld-Vergleich" von BÖRSE ONLINE finden Sie täglich aktualisiert die Top-Zinsen für alle Laufzeiten.

Häufige Fragen zum Thema

Welche Rendite werfen Anleihen derzeit ab?

Am Mittwoch erreichte die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen 5,364 Prozent – ein 24-Jahres-Hoch. Damit erhalten Anleger für US-Treasuries wieder einen laufenden Zinsertrag, der über dem liegt, was die Bank of America dem US-Aktienmarkt zutraut.

Wonach berechnet sich die Rendite von Aktien, um sie mit Aktien zu vergleichen?

Um die Rendite von Aktien mit Anleihen vergleichen zu können, gibt es verschiedene Methoden. Gerade über länger Zeiträume wird dabei nicht die Kursentwicklung herangezogen, da diese mit einer hohen Unsicherheit behaftet ist, sondern zum Beispiel die Dividendenrendite (erwartet Dividende pro Aktie geteilt durch den aktuellen Kurs je Aktie).

Warum ist die Bank of America so pessimistisch für die Entwickung von Aktien in den kommenden zehn Jahren?

Histrosiche Bewertungsmodelle wie das Shiller-KGV zeigen, dass Aktien, wenn sie sich in der Historie auf dem gegenwärtigen Bewertungsniveau bewegten, in den folgenden zehn Jahren im Schnitt deutlich weniger als fünf Prozent Rendite pro Jahr erzielt haben  also deutlich weniger als die Rendite einer zehnjährigen US-Staatsanleihe.