Eine starke Produktpipeline ist wichtig für den Aktienkurs. Wie KI der Pharmabranche helfen kann, welche Aktien besonders gut positioniert sind.
Hinweis: Dieser Artikel erschien zuerst am 07. Oktober in der BÖRSE ONLINE-Ausgabe 42/26. Wenn Sie in Zukunft als Erstes die Einschätzung unserer Experten lesen wollen, dann werfen Sie einen Blick auf dieses Angebot.
Der Körper des Menschen ist noch immer ein Mysterium. Allein die Zahlen sprengen die Vorstellungskraft. Das menschliche Erbgut beispielsweise umfasst rund drei Milliarden Basenpaare, also den genetischen Code, der unter anderem mitbestimmt, wie der Körper Medikamente verarbeitet. Entsprechend schwierig ist die Entwicklung eines medizinischen Wirkstoffs. Weniger als zehn Prozent der Kandidaten schaffen es durch die drei klinischen Phasen, in denen ein Wirkstoff am Menschen getestet wird.
Das Scheitern kann viele Gründe haben: Ein Molekül verfehlt seine Zielstruktur, wird im Körper zu schnell abgebaut oder löst vielleicht unerwünschte Nebenwirkungen aus. „Die menschliche Biologie ist noch immer nicht vollständig verstanden. Sie ist außerordentlich komplex und umfasst viele Ebenen — das Ergebnis von Milliarden Jahren Evolution“, beschreibt das Pharmateam der Privatbank Berenberg die Herausforderung. Kann künstliche Intelligenz die vielen Rätsel der Medizin aufbrechen? Die Pharmaindustrie sieht Chancen.
Beispiel Roche: Seit dem Jahr 2020 investieren die Schweizer verstärkt in ihre KI-Infrastruktur. Resultate gibt es vor allem in der frühen Phase der Wirkstoffentwicklung. So sei ein Kandidat innerhalb von 18 Monaten von der Wirkstoffsuche bis zum klinischen Entwicklungskandidaten vorangebracht worden, ungefähr doppelt so schnell wie im herkömmlichen Prozess. Auch hätten bei 44 Prozent der Pipeline-Entscheidungen im zweiten Quartal KI-gestützte Berechnungen einen Beitrag geleistet. Es geht bislang also vor allem darum, mithilfe von KI Prozesse zu beschleunigen und die Erfolgswahrscheinlichkeiten zu erhöhen. Die neue Technologie hat aber auch Grenzen: Die Wirkstoffe müssen weiterhin in klinischen Studien am Menschen getestet werden, betont Roche.
Schon kleine Fortschritte können aus Sicht der Aktienmärkte einen großen Unterschied ausmachen. Ein erfolgreiches Medikament kann jährliche Spitzenumsätze in Milliardenhöhe bringen. Sobald der Patentschutz abläuft, drängen Konkurrenten mit billigen Nachahmerprodukten auf den Markt. Was für das Gesundheitssystem eine gute Nachricht ist, setzt Big Pharma unter Druck. Die Marktforschungsfirma Evaluate Pharma schätzt, dass allein in den Jahren 2025 bis 2030 verschreibungspflichtige Medikamente mit einem Umsatz von mehr als 300 Milliarden US-Dollar ihre Exklusivrechte verlieren. Zum Zeitpunkt der Studie klaffte zwischen auslaufenden Umsätzen und dem Potenzial neuer Produkte eine Lücke von bis zu 94 Milliarden Dollar. Gleichzeitig sind die finanziellen Belastungen der staatlichen Gesundheitssysteme immer größer geworden. Vor allem das Geschäft in den USA, dem profitabelsten Markt der Branche, wird schwieriger. Roche bezeichnete die Verhandlungstaktik der US-Regierung bei der Preissetzung von Medikamenten sogar als „Erpressung“.
Börsianer sind besorgt. Das lässt sich an Bewertungskennziffern ablesen. Laut einer Analyse der Investmentbank Goldman Sachs wurden die Aktien der großen europäischen Pharmakonzerne auf Basis des Kurs-Gewinn-Verhältnisses zuletzt mit einem Bewertungsabschlag von rund 13 Prozent zum breiten europäischen Markt gehandelt. Und das, obwohl Pharma historisch meist ein leichter Aufschlag zugestanden wurde. Für die Kursentwicklung einer Aktie sind in dieser ganz speziellen Branche zwei Faktoren entscheidend: zum einen natürlich der laufende Gewinn. Der entwickelte sich zuletzt bei den meisten Pharmakonzernen erfreulich. Laut Goldman Sachs haben 91 Prozent der großen Europäer im zweiten Quartal die Analystenerwartung übertroffen. Die Gewinnschätzungen für das kommende Jahr wurden leicht angehoben.
Breites Angebot
Der andere wichtige Kurstreiber sind Nachrichten aus der Pipeline. Je weiter die Entwicklung eines Kandidaten vorankommt, desto größer wird dessen Wert in den Hochrechnungen der Analysten. Vor allem die zweite Phase der klinischen Erforschung ist kritisch, weil ein Wirkstoff dann meist erstmals an erkrankten Menschen getestet wird. In diesem Stadium scheitern besonders viele Produktkandidaten. Je später ein Wirkstoff aussortiert werden muss, desto größer der Schaden für die Aktie. Anfang Juli erwischte es AstraZeneca. Nachdem ein Herzmedikament in Phase III das Hauptziel verfehlte, brach der Kurs um rund zehn Prozent ein.
Die Erfolgsquote von AstraZeneca war zuletzt nicht berauschend. Laut einer Studie von Goldman Sachs lag sie bei Phase-III-Auswertungen unter dem Branchenschnitt. Zugleich aber hat das Unternehmen mit 19 Phase-III-Studien die meisten im Sektor und in absoluten Zahlen auch die meisten positiven Ergebnisse. Risiko gehört in der Pharmaindustrie zum Geschäft. Konzernchef Pascal Soriot bestätigte zum Halbjahresbericht das Ziel, den Umsatz bis zum Jahr 2030 auf 80 Milliarden Dollar zu steigern. Man sei von Anfang an davon ausgegangen, dass einige Kandidaten scheitern. Mit den jüngsten Markteinführungen des Medikaments Baxfendy gegen Bluthochdruck und des Brustkrebsmedikaments Etcamah habe AstraZeneca bereits mehr als die Hälfte des Plans erfüllt, bis 2030 insgesamt 20 neue Medikamente auf den Markt zu bringen.
AstraZeneca dürfte nach Schätzung von Goldman Sachs den bereinigten Gewinn je Aktie von 2027 bis 2032 im Durchschnitt um sieben Prozent pro Jahr steigern. Das wären rund zwei Prozentpunkte mehr als der Branchenschnitt. Auch eine andere Kennziffer zeigt Qualität: Berenberg erwartet, dass AstraZeneca gemessen an den Ausgaben für Forschung und Entwicklung eine Rendite von 13 Prozent erzielen dürfte. Das liegt vier Prozentpunkte über dem Branchenschnitt. Der Konzern, der Ende der 1990er-Jahre aus der Fusion der schwedischen Astra und der britischen Zeneca entstand, zieht aus einer breiten Pipeline also einen hohen Ertrag. Thematische Schwerpunkte sind Wirkstoffe gegen Krebs, Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems oder auch der Atemwege und die Behandlung von seltenen Krankheiten. Die umsatzstärksten Produkte sind derzeit die Krebsmedikamente Tagrisso und Imfinzi sowie das Diabetes-Mittel Farxiga, das allerdings durch Generikakonkurrenz unter Druck geraten ist. AstraZeneca bleibt einer der Topwerte im europäischen Pharmasektor, selbst wenn die breite Pipeline als Nebenwirkung auch negative Nachrichten produzieren dürfte. Solche Rückschläge bieten eher Kaufgelegenheiten.
Völlig anders ist die Portfoliostruktur bei Argenx. Der niederländisch-belgische Biotechkonzern ist Spezialist für Wirkstoffe zur Behandlung schwerer Autoimmunerkrankungen, bei denen das eigene Immunsystem den Körper angreift. Bislang vermarktet Argenx im Wesentlichen ein Wirkstoffprogramm: Vyvgart. Der Wirkstoff senkt die Konzentration bestimmter Antikörper im Blut, vor allem jener, die körpereigenes Gewebe angreifen. Er wird als Infusion oder Spritze unter die Haut verabreicht. Vyvgart hat das Potenzial, auf die Behandlung weiterer Krankheitsbilder ausgeweitet zu werden. Das eröffnet auch finanziell besondere Möglichkeiten. In der Branche spricht man von „Pipeline-in-a-Product“: Ein Produkt wird auf zusätzliche Anwendungsgebiete ausgeweitet, die jeweils noch ein regulatorisches Zulassungsverfahren durchlaufen müssen. Goldman Sachs schätzt, dass Vyvgart im laufenden Jahr 6,25 Milliarden Dollar umsetzt. 2030 sollen es bereits 11,9 Milliarden werden.
Argenx will sich breiter aufstellen und das Risiko damit besser verteilen. Zweites eigenständiges Produkt könnte Empasiprubart werden. Der Wirkstoff wird bei seltenen Nervenkrankheiten geprüft, die Muskelschwäche verursachen. Argenx erwartet im vierten Quartal 2026 wichtige Ergebnisse aus einer großen Studie. Ein weiterer Kandidat in der Entwicklung, der Antikörper Adimanebart, soll gegen ein seltenes Muskel- und Nervenleiden helfen. Gemessen an den eher klassischen Pharmakonzernen ist die Aktie von Argenx teuer. Dem steht aber eine ungewöhnlich hohe Gewinndynamik entgegen. Im vergangenen Jahr erzielte der Konzern mit etwas mehr als einer Milliarde Dollar erstmals ein positives Ebit. Bis 2028 sollen laut Konsensschätzung daraus etwas mehr als drei Milliarden Dollar werden. Mit unserem Kursziel liegen wir knapp über dem Analystenkonsens. Den Stoppkurs ziehen wir leicht nach oben.
Frische Kandidaten
Das Jahr 2022 leitete bei Roche einen wichtigen Kurswechsel ein. Zwei prominente Wirkstoffkandidaten, die auf die Behandlung von Krebs und Alzheimer abzielten, verfehlten in der klinischen Erprobung ihr Ziel. Das Management richtete die Produktentwicklung neu aus. Unter dem Ende 2023 eingeführten Leitmotiv „The Bar“ will sich der Konzern auf weniger, dafür aussichtsreichere Produktkandidaten konzentrieren. Bei diesem Auswahlprozess kann künstliche Intelligenz schon jetzt wertvolle Hinweise liefern.
Das umsatzstärkste Medikament bei Roche ist Ocrevus zur Behandlung von Multipler Sklerose mit knapp 3,5 Milliarden Schweizer Franken Umsatz im ersten Halbjahr. Besonders stark ist der Konzern in den Bereichen Krebs, Neurologie, Augenheilkunde und Immunologie vertreten. In der Pipeline hat vor allem Giredestrant, ein oraler Brustkrebswirkstoff, großes Potenzial. In den USA läuft eine prioritäre Zulassungsprüfung. Roche sieht bei bis zu 20 Wirkstoffkandidaten die Chance auf eine Markteinführung bis zum Jahr 2030.
Berenberg bescheinigt der Pipeline von Roche eine hohe „Freshness“. Der Frischefaktor misst, wie viele Wirkstoffe innerhalb von zwölf Monaten neu in Phase III gestartet sind und welchen Wert diese für die künftige Pipeline haben. Roche kam mit neun Phase-III-Starts in der Auswertung auf die höchste Anzahl im Branchenvergleich. Ein Wirkstoff der anderen Art ist die Dividende. Die steigt bei Roche seit 39 Jahren durchgehend. Das Management hat bereits durchblicken lassen, dass die Serie wohl auch im 40. Jahr fortgeführt wird.
Fazit
Pharma-Aktien sind im historischen Vergleich günstig bewertet und haben darum Aufholpotenzial. KI sollte den Konzernen helfen, effizienter zu arbeiten und Risiken zu reduzieren.