Eine frühere Tochter, die Siemens Energy (SE) erst 2023 verkauft hat, geht jetzt für rund das Zehnfache des Preises an den direkten Konkurrenten GE Vernova. Ist den SE-Aktionären damals viel Geld entgangen?

Die Meldung sorgt in der Energiebranche für Aufsehen: GE Vernova übernimmt den Hochspannungsspezialisten Trench vom Finanzinvestor Triton zu einem Preis von neun Milliarden US-Dollar, umgerechnet rund 8,4 Milliarden Euro beziehungsweise. Der Preis entspricht laut GE Vernova dem 13-Fachen des für 2028 erwarteten bereinigten operativen Ergebnisses vor Synergien.

Spektakulär an dem Deal ist auch die Vorgeschichte: Denn Trench gehörte bis 2023 der deutschen Siemens Energy, einem der größten Konkurrenten von GE Vernova. Und verglichen mit dem damaligen Verkaufspreis ist die nun gezahlte Summe spektakulär.

Siemens Energy verkaufte Trench damals nach Angaben aus Finanzkreisen für einen mittleren dreistelligen Millionenbetrag an Triton. Ein exakter Verkaufspreis wurde nie veröffentlicht. Daher lässt sich der Wertzuwachs nicht exakt beziffern. Man kann aber davon ausgehen, dass der aktuelle Deal um mindestens das Zehnfache über dem damaligen Erlös für Siemens Energy liegt.

Der Markt hat sich gedreht

Aus heutiger Sicht erscheint die damalige Transaktion wie eine verpasste Gelegenheit. Trench produziert unter anderem Messwandler und Spulen für Umspannwerke – Komponenten, die für leistungsfähige Stromnetze unverzichtbar sind. Genau diese Netze werden durch den Ausbau erneuerbarer Energien, neuer KI-Rechenzentren und die Elektrifizierung von Verkehr und Industrie weltweit dringend benötigt.

Der Finanzinvestor Triton erkannte diesen Strom-Superzyklus früh und baute das Unternehmen durch Zukäufe konsequent aus. Erst im Sommer eröffnete ein neues Werk im US-Bundesstaat North Carolina, die Mitarbeiterzahl stieg dadurch laut „Handelsblatt“ von rund 2.500 um etwa 800 Menschen. Der Umsatz von Trench hat sich seit der Trennung von Siemens Energy laut Triton auf mehr als eine Milliarde Euro verdoppelt. GE Vernova erwartet bis 2028 rund 1,7 Milliarden Euro Umsatz und eine operative Marge von 36 Prozent. Der Auftragsbestand einschließlich Rahmenvereinbarungen beläuft sich auf rund fünf Milliarden US-Dollar.

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Verkauf hatte handfeste Gründe

Siemens Energy-Aktionäre dürften diese Zahlen mit Staunen aufnehmen. Hätte der Vorstand von Siemens Energy mit dem Verkauf nicht einfach abwarten sollen, um jetzt ein Vielfaches zu erlösen? Doch diese Interpretation greift zu kurz. Zum Zeitpunkt des Verkaufs schrieb die frühere Siemens-Tochter tiefrote Zahlen, die Kreditwürdigkeit stand unter Druck, eine Staatsbürgschaft für laufende Projekte war im Gespräch. Gleichzeitig war der Investitionsbedarf bei Trench hoch. Kapital, das Siemens Energy damals nicht hatte. Stattdessen konzentrierte man sich auf Geschäfte mit höheren Margen und stärkeren Synergien im eigenen Konzern.

Schon damals war Trench für Siemens Energy kein Kernbereich mehr. Der neue Eigentümer Triton hat das Unternehmen seitdem mit Investitionen, Zukäufen und einem Ausbau der Kapazitäten weiterentwickelt und gestärkt. Hätte Siemens Energy Trench behalten, hätte die Tochter mit anderen Projekten im Konzern um Investitionsmittel konkurrieren müssen – und wäre vermutlich angesichts der damaligen Finanzlage leer ausgegangen. 

GE Vernova kauft strategisch

Ärgerlich ist nun vor allem, dass mit GE Vernova ausgerechnet der größte Konkurrent zugeschlagen hat. Die Amerikaner sichern sich mit Trench einen wichtigen Zulieferer und stärken ihre Elektrifizierungssparte in einer Zeit, in der Fertigungskapazitäten knapp sind. CEO Scott Strazik begründete den Deal mit der „beispiellosen Nachfrage“ nach Netzmodernisierung, Energiesicherheit und Elektrifizierungstechnologien. 

Auch GE Vernova selbst kann sich vor Aufträgen kaum retten: Der Auftragseingang verdoppelte sich im dritten Quartal auf vergleichbarer Basis nahezu auf 29 Milliarden US-Dollar, der Umsatz stieg organisch um 18 Prozent auf 12,6 Milliarden US-Dollar.

Siemens Energy (WKN: ENER6Y)

Fazit für Siemens-Energy-Aktionäre

Rückblickend hat Siemens Energy Trench zu einem Zeitpunkt verkauft, an dem der Marktwert der Sparte ihr Potenzial noch nicht widerspiegelte. Natürlich ist es im Nachhinein ärgerlich, dass das Unternehmen nun für rund 8,4 Milliarden Euro weiterverkauft wird, die Siemens Energy für sein Aktionäre sicher auch gerne erlöst hätte.

Trotzdem hat der Mega-Deal um Trench auch für Siemens Energy sein Gutes: Er zeigt, welche Bewertungen derzeit für Stromnetztechnik erzielbar sind. Das ist ein wichtiger Indikator für den Wert der Siemens-Energy-Sparte Transformation of Industry, die Dampfturbinen und Wasserstoff-Elektrolyseure herstellt – und die Siemens Energy abspalten will. Damit hebt der Konzern einen bisher verborgenen Wert, der nun womöglich noch höher ist als gedacht.

So hätte die Übernahme von Trench durch GE Vernova am Ende auch für Siemens-Energy-Aktionäre noch sein Gutes.Die Siemens Energy-Aktie hatte vergangene Woche bei 118 Euro ein Jahrestief markiert. Seitdem hat sich der Kurs stark erholt. Am Donnerstag stieg der Kurs um drei Prozent auf 137,32 Euro. Damit hat die Aktie von Siemens Energy in nur vier Handelstagen um mehr als 16 Prozent zugelegt und die 21-Tage-Linie übersprungen. Damit das Momentum anhält, wäre es gut, wenn der Kurs auch noch die 50-Tage-Linie nehmen würde, die bei knapp 141 Euro verläuft. Damit wäre auch der Abwärtstrend, der seit Mai anhält, charttechnisch gebrochen.

Eine Kaufempfehlung von BÖRSE ONLINE Anfang Oktober kam zu früh, wie wir jetzt wissen. Nach der jüngsten Erholung wird die Aktie nun aber wieder interessant.

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Häufige Fragen zu Siemens Energy

Was macht Siemens Energy?

Siemens Energy ist ein weltweit führender Energietechnikkonzern, der die gesamte Energiewertschöpfungskette abdeckt: von der Stromerzeugung (konventionell und erneuerbar) bis zur Übertragung und Speicherung. Das Unternehmen baut Gasturbinen, Windkraftanlagen, Transformatoren und bietet Lösungen für Wasserstoff sowie Netztechnik an, um n ach eigeen Angaben die Dekarbonisierung der Industrie zu unterstützen.


Was verbindet Siemens Energy mit dem Siemens-Konzern?

Die Siemens AG hat ihre Kraftwerkstechnik im Jahr 2020 unter dem Namen Siemens Energy abgespalten. Die Aktien werden seit September 2020 an der Börse gehandelt. Im April 2026 hielt Siemens noch 5,44 Prozent der Anteile. Für die Nutzung des Namen "Siemens" zahlt Siemens Energy immer noch Lizenzgebühren.


Wann endet das Geschäftsjahr bei Siemens Energy?

Das Geschäftsjahr aller Siemens-Gesellschaften weicht vom Kalenderjahr ab und endet jeweils am 30. September. Das ist auch bei früheren Töchtern der Siemens AG wie Infineon, Siemens Energy oder Siemens Healthineers so. Die Zahlen wird Siemens Energy am 11. November 2026 berichten.