Wie die meisten Softwareaktien weltweit geriet auch diese deutsche Aktie im Jahr 2026 wegen der drohenden KI-Konkurrenz enorm unter Druck. Wie sich der MDAX-Wert dem Thema stellt und es sogar für sich nutzen kann, erklärt die Finanzchefin Louise Öfverström im Interview mit BÖRSE ONLINE.
Im Falle der Nemetschek Group könnten die Sorgen unbegründet gewesen sein. Jetzt zeigt sich, dass der Münchener MDAX-Konzern sogar vom Einsatz Künstlicher Intelligenz profitieren dürfte.
Ihr neu gewonnenes Selbstbewusstein zeigen dei MÜnchener auch dem größten Zukauf der Firmengeschichte: Für geschätzte mehr als zwei Milliarden Euro kaufte das Familienunternehmen die US-Firma Heavy Construction Systems Specialists (HCSS), Weltmarkführer in ihrem Segment, die bislang zum Portfolio des US-Finanzinvestors Thoma Bravo gehörte. Der Zukauf gelang ohne eine große Kapitalerhöhung, die den Kurs sehr wahrscheinlich erheblich belastet hätte. So geschah das Gegenteil: Der Aktienkurs des MDAX-Konzerns zieht wieder an.
Der auf Software spezialisierte Private-Equity-Konzerns Thoma Bravo erwarb durch den Verkauf im Gegenzug 28 Prozent an Nemetscheks größter Sparte Bausoftware, in die HCSS integriert werden soll. Dabei spielt KI eine wichtige Rolle, wie Finanzvorständin Louise Öfverström erklärt. Im Interview mit BÖRSE ONLINE spricht sie über den größten Deal des Familienkonzerns, wie Nemetschek liefern will, was große KI-Sprachmodelle nicht bieten können und warum die KI an einem vollen Glas Rotwein scheitert.
Börse Online: Frau Öfverström der Kauf der profitableren Firma HCSS belastet Nemetscheks operative Marge (Ebitda) sowohl im zweiten Quartal als auch im Jahr
HCSS allein erzielt mit Ebitda-Marge von rund 40 Prozent. Bei der Bilanzierung des Deals werden jedoch nach IFRS die wiederkehrenden Umsätze von HCSS neu bewertet. Somit können wir in den ersten zwölf Monaten einen Teil ddieser Erlöse nicht ausweisen. Dazu kommen die Kosten für die Integration. Das alles verringert die Marge vorübergehend. Der Ergebnisbeitrag der Firma für 2026 spiegelt daher noch nicht die höhere Profitabilität und das Potenzial von HCSS wider. Ohne den Zukauf hätten wir mit 33 Prozent Marge das obere Ende der ursprünglichen Nemetschek-Prognose erreicht.
Wird Nemetschek mit HCSS mehr als 33 Prozent Marge erreichen?
Wir könnten schon jetzt deutlich höhere Margen erreichen in dem wir noch stärker Margenoptimierung in den Fokus stellen. Wichtiger für uns ist die Balance zwischen Wachstum und einer höheren Marge, denn das generiert den höchsten Wert für unsere Stakeholder. Deshalb optimieren wir die Marge nicht aggressiv auf Kosten unseres angestrebten durchschnittlichen Wachstums im mittleren Zehnprozentbereich.
Was bringt HCSS für die Strategie der Nemetschek Group?
Wir decken bereits jetzt den gesamten Lebenszyklus von Gebäuden ab. HCSS verfügt mit ihrem Wachstum und ihrer Profitabilität über ein sehr starkes Finanzprofil, verschafft uns aber auch Zugang zum Tiefbau bei öffentlichen und kommunalen Infrastruktur-Projekten in den USA. Heavy Civil Infrastructure ist ein sehr großer, attraktiver und stark wachsender Markt.
Wird Nemetschek mit HCSS bei Infrastrukturprojekten nun häufiger Aufträge von breit aufgestellten Baukonzernen bekommen?
HCSS ist seit 30 Jahren im Geschäft. Diese Kompetenz, das Marktsegment und die Konzentration auf Tiefbau und Infrastruktur ergänzen optimal unsere Stärke im Hochbau. Auch der Anteil großer Kunden ist in diesem Segment hoch. HCSS ist Marktführer in den USA und auch weltweit, weil Amerika den größten Marktanteil hat. Wir bieten großen Kunden sowohl im Hochbau als auch im Tiefbau jetzt noch mehr.
Mit GoCanvas und Bluebeam hat Nemetschek zwei größere Zukäufe erfolgreich ausgebaut. Wäre die Integration von HCSS ohne die beiden schwieriger gewesen?
Nein. HCSS ist ein amerikanisches, mittelständisch geprägtes Unternehmen mit einer sehr starken eigenen Kultur. Was uns verbindet ist Industrie-Know-how, das über lange Zeit ausschließlich in einem Segment aufgebaut wurde, wir nennen das Domänenkompetenz. Viele unserer Wettbewerber haben ursprünglich für andere Industrien entwickelte Lösungen auf die Architektur, Ingenieur- und Baubranche übertragen. Im Zeitalter der KI ist unsere tiefe Branchenexpertise zusammen mit dem über Jahrzehnte gewachsenen Vertrauen unserer Kunden ein noch wichtigeren Wettbewerbsvorteil.
Ist das der Burggraben, der vor Entwicklern großer KI-Sprachmodellen (LLMs) schützt?
Wir verwenden auch leistungsfähige LLMs, auch von Anthropic. Deren Fokus sind aber nicht die komplexen, branchenspezifischen Abläufe bei unseren Kunden. Die Digitalisierung der Bauindustrie ist so niedrig, weil es eine im Kern konservative Branche ist. Die Gründe hierfür liegen insbesondere in regulatorischen Anforderungen, Haftungsfragen sowie den kleinteiligen und komplexen Arbeitsprozessen. Um bei den Abläufen wirklich Mehrwert zu schaffen, ist tiefes Know-how und ein genaues Verständnis der Zusammenhänge notwendig. Wir bieten das, was generalistische KI-Sprachmodelle nicht leisten können.
Wie nutzt also Nemetschek KI?
Wir bauen für die Arbeitsabläufe KI-Plattformen und spezifische Produktlösungen und verknüpfen sie mit den LLMs. Vermutlich will niemand in einem Haus wohnen oder ein Gebäude nutzen, deren Statik ausschließlich von einem großen KI-Sprachmodell berechnet wurde. LLMs sind eine technologische Ergänzung, die wir als Anreicherung für unsere Lösungen sehen.
Setzt Nemetschek auch KI-Agenten ein?
Ja. Wir haben zahlreiche KI-Agenten bereits in bestehende Produkte integriert. Zusätzlich bauen wir eine eigene KI-Plattform auf. Daraus sollen unsere klassischen Produkte angereichert werden. Unsere Kunden können die Plattform aber auch für eigene KI-Anwendungen und -Agenten nutzen.
Wie weit ist diese Transformation?
Wir haben mehrere KI-Module im Markt. Unser AI-Visualizer, der Architekten die Arbeit erleichtert, ist schon länger verfügbar. Mit einer neuen KI-basierten Lösung im Bereich Design gehen wir noch einen Schritt weiter: Bei der Planung eines Gebäudes in schon dicht bebauten Gebieten wie etwa Shanghai oder Singapur kann viel simuliert werden: der Lichteinfall, der Wind und vieles mehr, so dass die Effizienz des Gebäudes im Vorfeld berechnet werden kann. Die KI-Suite von Bluebeam, Bluebeam Max, die im ersten Halbjahr am Markt eingeführt wurde, basiert auf Eigenentwicklungen und auf der Technologie von Firmus AI, einem Unternehmen, das wir im Jahr 2025 übernommen haben.
KI schreibt auch Software. Softwarefirmen bauen deshalb nun Stellen ab, auch Nemetschek?
Unsere Softwareentwickler nutzen KI-Tools und sind deutlich produktiver. Wir nutzen diese Effizienzgewinne um Innovationen voranzutreiben. Entscheidend für die Qualität, auch bei mehr Effizienz, bleibt bei uns die Branchenexpertise. Wir reinvestieren die mit KI erreichten Effizienzgewinne in Wachstum, bauen deshalb in der Softwareentwicklung keine Stellen ab. Einige Firmen glätten in der Softwareentwicklung jetzt die Wellen, die sie zuvor selbst geschaffen haben
Die Medienbranche, zu der auch die Nische von Nemetscheks US-Marke Maxon gehört, die Software für Spezialeffekte in Werbung und Blockbustern wie Avatar entwickelt, erscheint sehr anfällig für Disruption für KI.
In Maxons Nische, im High-End-Bereich der 3D-Animation und des Renderings kann KI die menschliche Kreativität nicht ersetzen. Maxons Software ist das Werkzeug, das nötig ist, um diese Kreativität zum Leben zu erwecken. Dass sich Maxon aktuell schwächer entwickelt, liegt vor allem an der Konsolidierung der Medienbranche. In solchen Phasen nutzen Studios zwar weniger Softwarelizenzen oder Abos, aber sie bleiben Kunden von Maxon.
Ist nicht gerade 3D-Rendering ein Werkzeug, das KI irgendwann besser beherrschen könnte?
Wenn sich ein Avatar bewegt und sein Gesicht verändert, steckt dahinter ein kreativer Kopf, der sich genau überlegt hat, wie das aussehen soll. Natürlich könnte man das auch mit KI umsetzen, aber das Ergebnis würde nicht begeistern. Auch Sportschuhhersteller nutzen unsere Produkte im Designbereich für Neuschaffung und Kreativität. Ein KI-Modell kann nur auf Basis dessen trainiert werden, was es schon gibt. Kreativität aber liefern nur Designer mit den passenden professionellen Werkzeugen. Genau das ist der Unterschied. Es gibt dazu ein anschauliches Beispiel: Bitten Sie eine KI, ein Weinglas bis zum Rand mit Rotwein zu füllen. Unsere Rendering Tools schaffen das mühelos, auch mit realistischen Lichtbrechungseffekten. KI-Modelle scheitern, weil ein Glas Rotwein normalerweise nie bis zum Rand gefüllt wird. Die KI weiß deshalb nicht, wie das aussieht.
Über Nemetschek
Die Nemetschek Group ist trotz der Börsennotierung weiterhin ein Familienkonzern und Europas größter Anbieter von Software für den kompletten Zyklus einer Immobilie: von Entwurf, Planung, Bau ,Kostenkalkulation bis zur digitalen Verwaltung einer Anlage. Für die Nutzung und Instandhaltung bietet Nemetschek auch „digitale Zwillinge“: Ein System mit auf Datenträgern gespeicherten Informationen aus allen Phasen der Entstehung eines Objekts.
Mit gut 45 Prozent von 1,4 Milliarden Euro Umsatz für 2026 ist Software für Architekten die größte Sparte, Bausoftware liefert gut 40 Prozent, das Segment mit „digitalen Zwilligen“, vier Prozent. Die US-Tochter Maxon, digitale Werkzeuge für Spezialeffekte in Werbung und Kino-Blockbuster, liefert ein Zehntel der Erlöse. Beim operativen Gewinn (Ebitda) liegt Bausoftware, jetzt mit HCSS, vorn: höchste Marge, 39,8 Prozent und 110,5 Millionen Euro, 56 Prozent von rund 197 Millionen Euro Ebitda im ersten Halbjahr. Nordamerika ist mit fast 42 Prozent der Erlöse der größte Markt und wird mit HCCS stärker zulegen. Nemetschek mit 1,42 Milliarden Euro Erlös für 2026 setzt sich dort gegen den größeren und auch außerhalb der Nemetschek-Märkte aktiven Konkurrenten Autodesk durch. Autodesk erlöst 2026 voraussichtlich 7,2 Milliarden Euro.
Mit HCSS wagt sich Nemetschek nun stärker auf das Territorium des mit 1,7 Milliarden Euro nur etwas größeren US-Rivalen Bentley Systems. Durch die Kombination der US-Töchter Bluebeam, GoCanvas und HCSS sind die Münchner bei Bauausführungssoftware für Infrastrukturprojekte besser gegen Bentley aufgestellt. Sie starten in Bauausführung für staatliche und kommunale Kunden bei Infrastrukturprojekten. Bentley ist im globalen Infrastrukturgeschäft die Nummer 1 bei Planungen und bei digitalen Zwillingen.
Mit der 2025 übernommen KI-Firma Firmus AI kann Nemetschek seine Stärke gegenüber Bentley ausbauen: Firmus erkennt Planungsfehler, daraus erzeugt Bluebeam einen verfolgbaren Ablauf, GoCanvas überführt Prüfungen und Aufgaben auf die Baustelle, HCSS verbindet Aufgabe, Arbeitszeit, Gerät, Kosten und Termine. Julian Geiger, zuvor bei Google, koordiniert als Chief AI Officer Nemetscheks KI-Transformation. Nemetscheks KI-Erweiterung Max für Bluebeam ist Ende Mai 2026 global gut gestartet. Max ist keine Chatbot-Erweiterung, sondern eine agentenbasierteOrchestrierungsschicht, die live mit externen Systemen kommuniziert. Im nächsten Jahr will Nemetschek bei KI Lizenzen und konsumbasierten Komponenten, im KI-Jargon Token genannt, kombinieren.
Fazit
Die Aktie sollte, wie auch SAP, den Tiefpunkt der KI-Apokalypse überwunden haben. Mit dem vorübergehenden Tief bei 51,80 Euro fiel sie unter dem Stoppkurs, den BÖRSE ONLINE bei 53,40 Euro gesetzt hatte. Das neue Kursziel und den neuen Stoppkurs lesen Sie in der neuen BÖRSE-ONLINE-Ausgabe 38/2026, die Sie hier ab sofort als E-Paper kaufen können.