Zins- und Inflationssorgen schweben derzeit wie ein „Damoklesschwert“ über dem Goldpreis. Doch während Anleger über die nächsten Notenbankentscheidungen diskutieren, spricht ein langfristiger Faktor für Gold: In den weltweiten Portfolios spielt das Edelmetall bislang nur eine erstaunlich kleine Rolle.

Wie gering Gold trotz seiner jahrtausendealten Bedeutung als Wertaufbewahrungsmittel gewichtet ist, hat der World Gold Council (WGC) vor rund einem Monat in seiner Analyse „Gold Market Primer“ aufgezeigt. Nach deren Berechnungen entfielen Ende 2025 lediglich rund drei Prozent der weltweit investierten Finanzanlagen auf Goldbestände privater und institutioneller Investoren. Der WGC beziffert diese Bestände – darunter Barren, Münzen, Gold-ETFs und außerbörslich gehaltenes Gold – auf rund neun Billionen Dollar (ohne Goldreserven der Zentralbanken). Dem stehen weltweit investierte Finanzanlagen von etwa 320 Billionen Dollar gegenüber.

Historisch betrachtet ist dieser Anteil ausgesprochen niedrig. Vor rund 40 Jahren machte Gold noch ungefähr 14 Prozent der globalen Finanzanlagen aus. Zwar haben sich die Kapitalmärkte seitdem erheblich verändert und die beiden Werte lassen sich deshalb nicht ohne Weiteres als Zielgrößen vergleichen. Dennoch zeigt die Entwicklung, wie stark andere Anlageklassen gegenüber Gold an Bedeutung gewonnen haben.

Staatsverschuldung könnte Anleger zum Umdenken zwingen

Genau darin sieht Ryan McIntyre, Präsident von Sprott, erhebliches Potenzial. In einem aktuellen Interview mit Kitco bezeichnet er Gold insbesondere bei US-Institutionen als deutlich unterrepräsentiert. Die entscheidende Frage lautet für ihn deshalb, was Anleger dazu bewegen könnte, ihre Goldquoten langfristig zu erhöhen.

Als wichtigsten Auslöser sieht McIntyre eine Neubewertung der finanziellen Risiken. Steigende Anleiherenditen oder schwächere Aktienmärkte könnten Investoren dazu veranlassen, die hohen Bewertungen anderer Vermögenswerte und die Stabilität ihrer Portfolios stärker zu hinterfragen. Im Mittelpunkt steht dabei die Entwicklung der Staatsfinanzen.

Besonders kritisch beurteilt McIntyre die USA. Entscheidend sei das Verhältnis zwischen nominalem Wirtschaftswachstum und den Zinskosten des Staates. Nähern sich die normalisierten Zinsausgaben der Wachstumsrate an oder übersteigen diese sogar, verschärft sich das Schuldenproblem erheblich. Gleichzeitig sieht McIntyre am Anleihemarkt Anzeichen dafür, dass die Politik zunehmend die Kontrolle über die langfristigen Finanzierungskosten verliert.

Eine einfache Lösung gibt es aus seiner Sicht nicht. Um die Staatsfinanzen nachhaltig zu stabilisieren, müssten die Defizite deutlich sinken. Eine harte Haushaltskonsolidierung könnte jedoch das Wirtschaftswachstum bremsen. Genau dieses Dilemma erhöht nach McIntyres Einschätzung die Attraktivität von Gold.

Tipp: Fundierte Einschätzungen zum Goldpreis und zu Minenaktien finden Sie regelmäßig im Goldfolio - dem Börsendienst von Markus Bußler.

Gold (ISIN: XC0009655157)

Gold als „Polarstern“ und „Überdruckventil“

Vor diesem Hintergrund verliert für McIntyre auch das klassische Argument an Gewicht, dass höhere Zinsen Gold wegen seiner fehlenden laufenden Erträge unattraktiver machen. Je größer die fiskalischen Risiken werden, desto stärker rückt für Anleger die Frage in den Vordergrund, wie sie Vermögen außerhalb staatlicher Verbindlichkeiten absichern können. Das Problem beschränkt sich zudem nicht auf die USA, sondern betrifft mehrere große Volkswirtschaften und Währungen.

McIntyre bezeichnet Gold deshalb bildhaft als „Polarstern“ unter den monetären Vermögenswerten. Zugleich sieht er das Edelmetall als eine Art „Überdruckventil“ des Finanzsystems: Wächst das Misstrauen gegenüber Staatsfinanzen und Währungen, könnte Kapital verstärkt in einen Vermögenswert fließen, dem keine entsprechende staatliche Verbindlichkeit gegenübersteht.

Daraus leitet McIntyre erhebliches zusätzliches Nachfragepotenzial ab. Er erwartet langfristig sogar neue Rekordbestände bei Gold-ETFs. Kurzfristige Zinsentscheidungen der US-Notenbank hält er dagegen für weniger entscheidend. Sie könnten die Entwicklung beschleunigen oder verzögern, würden am grundlegenden Schuldenproblem aber wenig ändern.

Fazit: Gold ist im weltweiten Finanzvermögen historisch niedrig gewichtet, während gleichzeitig die fiskalischen Risiken großer Volkswirtschaften zunehmen. Sollten private und institutionelle Investoren ihre Portfolios deshalb stärker diversifizieren, müssten ihre Goldquoten nicht annähernd auf frühere 14 Prozent steigen, um angesichts des vergleichsweise kleinen Goldmarktes zusätzliche Nachfrage auszulösen.

Lesen Sie auch:

Goldpreis Prognose: Wenn diese wichtigen Marken fallen, wird es ganz düster

Oder:

Goldpreis Prognose: Edelmetall trotz Rekordrally „extrem günstig“, sagt Experte