Rheinmetall wächst stark, meldet Rekorde und wurde trotzdem zuletzt vom Markt abgestraft. Denn die Erwartungen, vor allem an den Umsatz, waren noch größer. Dennoch halten die Analysten von Morningstar den Abschlag jetzt für übertrieben. Die Gründe.
Es gibt Aktien, die an der Börse bestraft werden, obwohl das operative Geschäft eigentlich besser läuft als je zuvor. Rheinmetall gehört inzwischen in diese Kategorie. Der Konzern meldet Rekordumsätze, Rekordgewinne und einen Auftragsbestand von mehr als 80 Milliarden Euro. Trotzdem ist der Kurs zuletzt deutlich gefallen.
Der Grund dafür: Die Investoren haben das Auftragswachstum bereits in Umsätze eingepreist – und fragen sich nun, wann diese kommen. Denn in der Rüstungsindustrie sind Verzögerungen an der Tagesordnung. Die aber mag die Börse nicht.
Rückschläge verunsichern die Investoren
Hinzu kommt, dass Rheinmetall zuletzt ein prestigeträchtiger Auftrag durch die Lappen ging: Der Verlust des Fregattenprogramms F126 an TKMS war ein Rückschlag, weil Rheinmetall damit die erst im März 2026 zugekaufte Werft Blohm + Voss auslasten wollte.
Prompt witterte die Börse mögliche Verluste – und das bedeutet: sinkende Margen. Doch tatsächlich ist das Gegenteil der Fall: Rheinmetall hält an seiner operativen Marge von rund 19 Prozent für das Jahr 2026 fest, obwohl die Umsatzprognose auf 13,7 bis 14,2 Milliarden Euro gesenkt wurde. Die Profitabilität sinkt also nicht. Die operativen Zahlen zum zweiten Quartal zeigen, wie gut das Geschäft läuft: Der Umsatz stieg um 70 Prozent auf 3,29 Milliarden Euro, das operative Ergebnis legte um 115 Prozent auf 562 Millionen Euro zu. Dennoch reagierte die Aktie verhalten und lief den August über seitwärts.
Wo der Markt skeptisch bleibt
Das lag auch daran, dass der Newsflow gegen Rheinmetall sprach: Laut einem Medienbericht verzögern sich gleich mehrere Auslieferungen an die Bundeswehr. Rheinmetall selbst hat bisher nur bestätigt, dass sich das Flugabwehrsystem Skyranger 30 um fünf Monate verspätet. Auch der sogenannte „schwere Waffenträger Infanterie“, ein 8x8 radgetriebenes Fahrzeug mit Gefechtsturm, das eigentlich schon 2025 die Nachfolge des Kettenfahrzeugs „Wiesel“ antreten sollte, kommt wohl nicht mehr in diesem Jahr. Laut Berichten über interne BAAINBw-Dokumente könnte sich die Verzögerung sogar auf bis zu 16 Monate ausweiten, verbunden mit möglichen Vertragsstrafen. Rheinmetall bestätigt das bislang nicht.
Eine baldige Serienfertigung des Fahrzeugs wäre auch die Grundlage für eine Entscheidung des Bundes für das sogenannte Projekt „Arminius“. In Branchenkreisen ist die Rede davon, dass die Bundeswehr eigentlich bis zu 3.000 Fahrzeuge bestellen möchte. Diese Zahl trieb unter anderem im Frühjahr den Rheinmetall-Kurs.
Das Vorhaben sei in der „finalen Entscheidungsphase“, sagte Konzernchef Armin Papperger Anfang August gegenüber Reuters, eine Bundestagsabstimmung wird in der ersten oder zweiten Dezemberwoche erwartet.
Doch nach dem Verlust des Fregattenauftrags ist die Börse vorsichtig geworden. Auch dieser schien schon in trockenen Tüchern für Rheinmetall – und ging dann verloren.
Analysten blicken auf die Fakten
Loredana Muharremi, Analystin bei Morningstar, hat sich die Rheinmetall-Zahlen nun noch einmal genau angesehen – und bewertet. Ihr Ergebnis: Der Ausbau der Produktion schlägt sich in steigenden Einnahmen und wachsenden Margen nieder. Das ist positiv. Gleichzeitig habe der Markt nun die fehlende Transparenz hinsichtlich der Bundeswehr-Beschaffungspipeline, des Zeitplans für das Projekt Arminius und dessen Auswirkungen auf den Cashflow eingepreist.
Interessant ist, was Muharremi daraus schließt: Sie sieht trotz der Schwierigkeiten einen breiten Burggraben um das Rheinmetall-Geschäftsmodell, wofür sie 5 von 5 Sternen gibt. Besonders überraschend: Die Analystin errechnet ein Kurs-Fair-Value-Verhältnis von 0,51. Das heißt: Der aktuelle Kurs ist gerade mal halb so hoch wie der faire Wert. Eine ungewöhnlich deutliche Diskrepanz für einen Wert, dessen Umsätze und Gewinne wachsen.
Denn die Unsicherheit, die zum Kursabschlag bei Rheinmetall führte, bewertet die Analystin nur mit mittel. Das heißt, dass Morningstar die Aktie zwar nicht als risikolos ansieht, aber eben auch nicht als spekulativ.
Warum der Titel wieder spannend wird
Starkes Wachstum, starker Burggraben und ein Kurs weit unter dem fairen Wert – wüsste man nicht, dass es sich um Rheinmetall handelt, das in einem hochpolitischen Umfeld agiert, wäre so eine Aktie blind ein klarer Kauf. Und vielleicht sollte man sie aus vier Gründen genauso nüchtern behandeln:
- Der Konzern noch auf Jahre vom europäischen Rüstungsboom profitieren.
- Die Skalierung beginnt gerade erst und Rheinmetall zeigt, dass die Margen sogar wachsen können.
- Die Auftragslage ist mit mehr als 80 Milliarden Euro außergewöhnlich gut.
- Viertens ist die Bewertung nach Morningstar-Sicht inzwischen so niedrig, dass viel Negatives eingepreist sein dürfte.
Der Haken bleibt aktuell die Transparenz. Solange der Markt Fragen zu Projekten, Lieferplänen und Cashflow hat, bleibt die Aktie anfällig für Rückschläge. Rheinmetall ist deshalb kein Selbstläufer. Aber das Geschäft wächst stark, die Margen sind hoch, der Burggraben breit. Wer langfristige Industrie betrachtet, sollte Rheinmetall deshalb wieder auf die Watchlist setzen.
Seit der Aktienkurs im April den Stoppkurs der Redaktion riss, hat BÖRSE ONLINE keine neue Kaufempfehlung für Rheinmetall abgeben. Wenn Sie wissen möchten, welche Aktien die Redaktion diese Woche favorisiert, können Sie die Ausgabe 36/2026 hier direkt als E-Paper kaufen.
Häufige Fragen zu Rheinmetall
Warum ist die Rheinmetall-Aktie in 2026 so stark gefallen?
Rheinmetall musste im laufenden Jahr eine Reihe schlechter, oder zumindest durchwachsener, Nachrichten hinnehmen. So strich Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius die geplante Betsellung von sechs Fregatten der Klasse F126 von Rheinmetall, da die Kosten massiv gestiegen wären. Stattdessen sollen nun kleinere Meko-A200-Fregatten über den Konkurrenten TKMS beschafft werden. Das führte im Juni zu einem Kurssturz der Rheinmetall-Aktie von zeitweise bis zu 20 Prozent und dem Rutsch unter die Marke von 1.000 Euro.
Wie steht es um den Cashflow von Rheinmetall in 2026?
Obwohl die Auftragsbücher insgesamt voll sind, sorgen teurere Kapazitätsausweitungen, Lieferkettenanpassungen und hohe Vorinvestitionen für einen spürbaren Druck auf den kurzfristigen Cashflow von Rheinmetall. Anleger fordern den Nachweis, dass die Rekord-Auftragsbestände jetzt auch zeitnah in Gewinne umgemünzt werden.
Welche Projekte von Rheinmetall haben sich verzögert?
Bei einigen Programmen wie dem Skyranger 30 gibt es Diskussionen über mögliche Zeitverzögerungen bei den Auslieferungen. Auch neue schwere Fahrzeuge für die Infanterie der Bundeswehr, die dort das bisherige Kettenfahrzueg "Wiesel" ablösen sollen, verzögern sich womöglich um bis zu 16 Monate.