Wie Risikofreudige die Zuversicht der Börse für Brennstoffzellen und Elektrolyseure nutzen: Plug Power und ITM Power im Aufwind, Bloom Energy und Ceres Power mit Alternativen erfolgreich.
Hinweis: Dieser Artikel erschien zuerst am 19. Mai in der BÖRSE ONLINE-Ausgabe 22/26. Wenn Sie in Zukunft als Erstes die Einschätzung unserer Experten lesen wollen, dann werfen Sie einen Blick auf dieses Angebot.
Wasserstoff kommt an den Börsen wieder in Fahrt. Die Aktienkurse der finanziell weiterhin arg gebeutelten Pioniere der Technologie, Hersteller von Brennstoffzellen und Elektrolyseuren, den Anlagen zur Erzeugung der emissionsfreien Energiequelle, ziehen deutlich an: Firmen wie ITM Power in Großbritannien, Nel Asa in Norwegen und Plug Power in den USA. Allerdings beflügelt die neue Zuversicht auf ein Comeback von Wasserstoff nicht alle Pioniere gleich stark.
Der Börsenkurs von ITM Power vervielfachte sich, seit die Briten im April ein Joint Venture mit dem Rüstungskonzern Rheinmetall bekannt gaben. Mit Rheinmetalls Giga PtX sollen europaweit mehrere Hundert dezentrale ITM-Anlagen mit einer Elektrolysekapazität von bis zu 50 Megawatt zur jährlichen Produktion von je 5.000 bis 7.000 Tonnen Wasserstoff gebaut werden. Das soll eine von Benzin und Diesel unabhängige Mobilität der NATO-Truppen und ihrer Logistik gewährleisten.
Auch die jüngst gewährte staatliche Förderung von umgerechnet knapp 100 Millionen Euro, zum Teil über eine Beteiligung an ITM, stärkt das Vertrauen in das Potenzial des Technologie-Pioniers und in den Ausbau der Produktion von grünem Wasserstoff in Großbritannien. Mit dem Geld wird auch die automatisierte Fertigung der nächsten Anlagengeneration Chronos mit bis zu einem Gigawatt (GW) Leistung finanziert. ITMs Auftragsbestand von 152 Millionen Euro vor dem Joint Venture mit Rheinmetall sichert das Geschäft nach Einschätzung der UBS-Bank bis einschließlich 2028 ab, auch ohne neue Verträge — sofern sich der Markt für grünen Wasserstoff erholt. Für RWE und einen Kunden aus der Region Asien-Pazifik hat ITM Anlagen mit jeweils 150 und 300 Megawatt (MW) Leistung reserviert. RWEs Abruf wird in Kürze erwartet. Im Jahr 2028 sollte ITM erstmals schwarze Zahlen schreiben. Die Reserven, etwas mehr als 230 Millionen Euro in der Hälfte des Geschäftsjahres bis Ende April 2026, helfen bei Aufträgen mit langem Vorlauf. Bis zum ersten Gewinn 2028 sollte ITM deshalb ohne Kapitalerhöhung auskommen. Mit dem 23-Fachen des Umsatzes für 2026 ist ITM aber im Vergleich zu Nel Asa mit dem 5,6-Fachen und Plug Power mit dem 7,2-Fachen des Umsatzes sehr hoch bewertet.
Nel Asa: stark runter, dann wieder rauf
So stabil wie bei ITM läuft das Geschäft bei Nel Asa noch nicht. Die Reaktion auf die Quartalszahlen schickte die Aktie der Norweger in den Keller. Im ersten Quartal wurden keine neuen Aufträge gebucht. Der Erlös war geringer als erwartet. Der Auftragsbestand zum Ende des Quartals deckte nur 54 Prozent der für 2026 in Aussicht gestellten Erlöse ab. Wenige Tage später meldeten die Norweger einen Sieben-Millionen-Dollar-Auftrag des Douglas County Public Utility District im US-Bundesstaat Washington. Mit dem ersten Verkauf von Membran-Elektrolyseuren (PEM) an einen kommunalen US-Versorger legte die Aktie um mehr als 60 Prozent zu. Nel Asas Elektrolyseure sollen bei Stromspitzen im Netz, also wenn viel weniger Energie verbraucht als eingespeist wird, die überschüssige Energie eines Wasserkraftwerks zur Herstellung von Wasserstoff nutzen.
Auch Thyssenkrupp Nucera ergatterte einen großen Auftrag. Die Dortmunder sollen für die erste Phase des im spanischen Huelva geplanten „Andalusian Green Hydrogen Valley“ die Technik für die Wasserelektrolyse einer 300-Megawatt(MW)-Anlage liefern. Bei vollem Ausbau sollen im Andalusian Green Hydrogen Valley jährlich 45.000 Tonnen grüner Wasserstoff hergestellt werden. Anders als bei Nel Asa bewegte der Auftrag Nuceras Aktienkurs kaum. Betreiber des Großprojekts ist der in Moeve umbenannte Energiekonzern Cepsa, heute im Besitz des Investmentfonds Mubadala und des Private-Equity-Konzerns Carlyle Group. Abu Dhabis Staatsfonds war auch bei dem inzwischen abgesagten Großprojekt zum Bau der Zukunftsstadt Neom im Konsortium. Für die Megacity im Nordwesten Saudi-Arabiens sollte Nucera die Technologie für grünen Strom liefern. Verständlich, dass Investoren auf Zukunftsprojekte nun verhalten reagieren. Auch, dass Nuceras Erlöse im abgeschlossenen Quartal um 77 Prozent auf 50 Millionen Euro schrumpften und der operative Verlust (Ebit) von 65 Millionen auf vier Millionen Euro zulegte, bremst die Kursfantasie.
Die Dortmunder müssen höhere Kosten und die Vertragsauflösung eines US-Pilotprojekts wegstecken. Im März hatte Nucera deshalb seine Jahresprognose gekappt. Für das Geschäftsjahr bis Ende September erwarten Analysten bei knapp 521 Millionen Euro Umsatz 29 Millionen Nettoverlust, im nächsten Jahr mit rund 645 Millionen Euro wieder knapp 15 Millionen Gewinn. Von der neuen Zuversicht für Wasserstoff profitiert Nucera bisher nicht. Springt die Aktie an, scheint das Kursziel von BÖRSE ONLINE von 15 Euro weiterhin realistisch, der Stoppkurs wird bei 7,20 Euro belassen.
Die Kündigung von Nuceras US-Pilotprojekt und die Auftragsflaute bei Nel Asa im ersten Quartal zeigen, dass das Geschäft mit Wasserstoff schwierig und unberechenbar bleibt. In Amerika bremst die von US-Präsident Donald Trump durchgesetzte „Big Beautiful Bill“ Projekte für grünen Wasserstoff aus erneuerbaren Energien aus. Analysten des US-Börsendiensts Bloomberg reduzierten ihre Prognose für die Produktion grünen Wasserstoffs im Jahr 2030 deutlich: von 1,2 Millionen auf 150.000 Tonnen. Immerhin wird blauer Wasserstoff gefördert. Der wird aus Erdgas hergestellt, wobei das CO2 mit CCS-Technologie abgefangen und anschließend unterirdisch gelagert wird, um nicht in die Atmosphäre zu entweichen.
Plug Power mit starken Zahlen
Plug Power, US-Pionier für grünen Wasserstoff, hat Wege gefunden, um auch im schwierigen Markt erfolgreich zu sein. Jose Luis Crespo, seit Oktober Chef der Firma aus Latham im US-Bundesstaat New York, hat diese Strategie entwickelt. Vor seinem Aufstieg an die Spitze war Crespo für das operative Geschäft verantwortlich. Der Spanier, seit 2014 bei Plug Power, erhöhte die Erlöse seither von 20 auf mehr als 700 Millionen Dollar im Jahr 2025. Schlüsselkunden für Plug Powers Vertrieb sind Konzerne wie Amazon, Walmart und Home Depot. In Amazon-Logistik-Depots werden Gabelstapler mit Plug Powers Wasserstoff-Brennstoffzellen betrieben: mehr als 17.000 in über 80 Amazon-Logistikzentren, überwiegend in Nordamerika. Im Depot in Colorado „betankt“ Plug Powers Elektrolyseur mit einem Megawatt mehr als 225 Stapler und könnte dies für bis zu 400 Stapler tun.
Vor wenigen Tagen überraschte der Konzern mit starken Quartalszahlen. Die Aktie, seit Jahresbeginn gut 90 Prozent im Plus, legte weiter zu. Mit 163,5 Millionen Dollar Umsatz, 22 Prozent mehr als im Vorjahr, läuft das Geschäft besser als erwartet. Rund 48 Prozent der Erlöse bringt der Verkauf von Anlagen, Dienstleistungen für Brennstoffzellen erzielen mit rund 22 Millionen Dollar etwas mehr als 13 Prozent. Erlöse aus vereinbarten Stromlieferungen machen rund 16 Prozent des Geschäfts aus. Weitere 22 Prozent bringt Strom, der mit entsprechender Ausrüstung an Kunden geliefert wird. Insgesamt fuhr Plug Power auch weniger Verlust ein als erwartet: 18 Cent gegenüber den 21 Cent pro Aktie im Vorjahr. Man sei auf gutem Weg, im Schlussquartal, wie geplant, den ersten operativen Gewinn zu schreiben, freute sich Chef Crespo. 2028 soll Plug Power dann auch im Gesamtjahr und netto schwarze Zahlen schreiben.
Auch mit Betreibern von Rechenzentren kommt die Firma aus Latham besser ins Geschäft. Der Stream-Data-Center-Deal in New York zur Lieferung von Wasserstoffzellen für Back-up-Strom soll jährlich 132 bis 142 Millionen Dollar Umsatz bringen. Bis Juni soll der Deal abgeschlossen sein. Mit weiteren Betreibern wird derzeit über Verträge mit Laufzeiten von mindestens sieben Jahren verhandelt. Wir stufen die Aktie auf „Kaufen“ hoch. Der in Ausgabe 18/2026 empfohlene Optionsschein hat sich verdoppelt.
Flexibilität zahlt sich aus
Bereits sehr gut im Geschäft mit Rechenzentrumsbetreibern dank Brennstoffzellen, die bis auf Weiteres auch mit Erdgas statt grünem Wasserstoff betrieben werden können, sind die US-Firma Bloom Energy und Ceres Power aus Großbritannien. Beide nutzen Festoxid-Technologien zur Produktion von Strom und Wasserstoff bei hohen Temperaturen von 500 bis 1.000 Grad Celsius. Das ist ein wesentlicher Unterschied zur Membran-Technologie, die bei niedrigen Temperaturen (50 bis 80 Grad Celsius) arbeitet und nicht mit Erdgas betrieben wird. Erdgas ist überall vorhanden und nutzbar, sofern nicht auf geringe CO2-Emissionen geachtet werden muss.
Bloom Energy ist mit umgerechnet 3,1 Milliarden Euro Umsatz und 519 Millionen Nettogewinn für 2025 profitabel und deutlich größer als Ceres mit rund 68 Millionen Euro Erlös. Die Briten wollen ab 2028 Gewinne schreiben. Mit dem 22- und 21-Fachen des Umsatzes für 2026 sind die beide Aktien ähnlich hoch bewertet. Bloom Energy, unsere Empfehlung aus dem Oktober letzten Jahres, riss im Dezember knapp den Stopp bei 65 Euro und wird aktuell bei 237 Euro gehandelt, deutlich über dem damaligen Kursziel 125,00 Euro. Für Risikofreudige sind beide interessant, BÖRSE ONLINE präferiert bei den spekulativeren Titeln aber Bloom Energy.
Fazit
Im schwierigen Markt für grünen Wasserstoff sind ITM Power und Plug Power auf einem guten Weg. Die Brennstoffzellen von Bloom Energy und Ceres Power können auch mit Erdgas betrieben werden. Das bringt sie mit Betreibern von Rechenzentren stärker ins Geschäft.