Die Deutsche Bank warnt vor einer Gefahr, die viele Anleger unterschätzen: Nicht der große Crash, sondern viele kleine Volatilitätsschocks ziehen ihnen das Geld aus der Tasche. Selbst klassische sichere Häfen lösen das Problem nicht.
Die Deutsche Bank sieht die Märkte auf eine neue Art von Risiko zulaufen. Nicht ein einziger großer Crash, sondern viele kleine Schockereignisse könnten für Anleger zum Problem werden. Dieses Szenario sei in den vergangenen Wochen schon zu beobachten gewesen. Als Beispiel nennt das Deutsche Bank Research Institute den koreanischen Kospi-Index, der in den vergangenen Wochen häufiger zweistellig einbrach. Für Anleger ist das brisant, weil Hebelprodukte, Margin Calls und automatisierte Schutzmechanismen solche Kursbewegungen heute noch schneller verstärken können als früher.
Kleine Schocks, große Wirkung
In ihrer Studie verweisen die Research-Analysten Luke Templeman und Galina Pozdnyakova auf zwei scheinbar isolierte Ereignisse der vergangenen Tage: den Zusammenbruch der AI-Wetten des Hedgefonds Situational Awareness von Leopold Aschenbrenner und die heftigen Kursausschläge im südkoreanischen Kospi-Index. Beides wirke oberflächlich zunächst beherrschbar, zumal sich beispielsweise der Kospi schnell wieder erholte.
„Wir halten diese Interpretation für falsch oder zumindest unvollständig“, schreiben die beiden Kapitalmarktanalysten. Diese Ereignisse seien vielmehr Symptome desselben Problems: stark gehebelte ETFs, wie sie in Südkorea bereits üblich sind, Margin-Konten und Hedgefonds-Positionen können Kursbewegungen gegenseitig verstärken. Diese Strategien seien durch mehr als ein Jahrzehnt niedriger und stabiler Zinsen begünstigt worden. „Dass nun aber drei Prozent der erwachsenen Bevölkerung Koreas in den letzten zwei Wochen einen Margin Call erhalten haben, ist zutiefst besorgniserregend, sollte sich die Zahl als wahr erweisen“, warnen Templeman und Pozdnyakova.
Hebel statt Konstanz
Es sei damit zu rechnen, dass solche kurzzeitigen Börsenschocks – die Experten nennen sie „small vol“-Ereignisse – künftig häufiger auftreten. Der Begriff steht für Marktphasen, in denen nicht der eine große Kollaps dominiert, sondern viele kurze, teils heftige Volatilitätsschübe die Taschen der Anleger leeren: Sie werden ausgestoppt, ihre Hebelprodukte verfallen wertlos oder Margin Calls zwingen sie, Geld nachzuschießen oder Positionen auf den Tiefstständen zu verkaufen.
Dieses Szenario treffe auf ein Finanzsystem, das sich an billiges Geld und niedrige Schwankungen gewöhnt habe. „Wir befürchten, dass Investoren, Unternehmen und politische Entscheidungsträger sich darauf konzentrieren, die nächste große Finanzkrise zu vermeiden, und dabei möglicherweise das Risiko kleinerer Ereignisse unterschätzen, die eine Kettenreaktion auslösen können“, schreiben die Analysten des Deutsche Bank Research Institute.
Besonders heikel seien gehebelte und inverse ETFs sowie gehebelte Retail-Positionen. Sie verkaufen ihre Positionen in der Regel mechanisch, ohne jeglichen Ermessensspielraum, sobald die Kurse kippen. „Dadurch kann aus einer normalen Korrektur schnell ein Zwangsverkauf werden.“ Luke Templeman und Galina Pozdnyakova verweisen darauf, dass dieser Effekt in Südkorea durch gehebelte ETFs auf Einzelaktien wie Samsung Electronics und SK Hynix noch verstärkt wurde.
Südkorea hatte diese Art von ETFs erst Ende Mai 2026 eingeführt, um abgewanderte Anleger von ausländischen Märkten zurückzuholen. Doch die neuen Einzel-ETFs führten zu massiven Marktturbulenzen und einer extremen Volatilität, da die Fonds täglich umschichten müssen und dadurch Preissprünge bei den schwergewichtigen Chip-Giganten verstärken. Nach heftigen Kursstürzen, Milliardenverlusten von Privatanlegern und Protesten stoppte die südkoreanische Finanzaufsicht die Zulassung neuer Produkte und verschärfte die Regeln drastisch, indem sie etwa höhere Mindesteinlagen und Portfolio-Obergrenzen vorgab.
Einer der weltweit beliebstesten gehebelten ETFs ist der "Helige Amumbo" auf den S&P500
Die Grafik zeigt seinen Kursverlauf im Vergleich zum S&P 500-Index (blau)
Keine sicheren Häfen mehr
Früher flüchteten die Anleger in volatilen Börsenzeiten in Gold oder Staatsanleihen. Doch die Deutsche Bank zweifelt daran, dass klassische Save-Haven-Assets wie Gold, der Dollar, der Franken, der Yen oder US-Staatsanleihen heute noch in jeder Stressphase zuverlässig wirken. Seit 2020 hätten diese Anlagen „in mehreren Schockmomenten schlechter als erwartet als Puffer funktioniert“. „Wenn aber die Puffer schwächer werden, steigt das Risiko, dass Schocks länger nachwirken und sich gegenseitig verstärken.“
Ungewöhnlich scharf äußern sich die Researcher auch zur veränderten Rolle der US-Notenbank Fed: Die Tatsache, dass die Fed unter Kevin Warsh weniger Forward Guidance geben wolle und gleichzeitig die Zinsen, wider besseres Wissen, stabil halte, sorge auch dafür, dass die Märkte mehr Unsicherheit einpreisen müssten. Das könne gewollt sein, heißt es sinngemäß in der Studie.
Grafik: Auch die Auschläge im US-Vola-Index VIX werden häufiger
Was Anleger daraus lernen
Nicht nur der nächste große Crash im System zählt. Auch viele kleinere Stressphasen können Schäden anrichten, wenn sie auf verschuldete Privatanleger, gehebelte Produkte und fragile Absicherungen treffen. „Ein Index, der innerhalb weniger Tage eine Schwankung von 45 Prozentpunkten verzeichnet, ist wirtschaftlich gesehen nicht dasselbe wie einer, der einfach stillsteht“, erklären die Experten der Deutschen Bank. Hebel- und Margin-Positionen würden bei Kursrückgängen in der Regel automatisch und unwiderruflich glattgestellt, unabhängig davon, ob es einen anschließenden Wiederanstieg gebe. „Die Gewinn- und Verlustrechnung mag sich auf Indexebene ausgleichen; der Vermögensverlust für einzelne, oft unerfahrene Anleger, die mit Hebeleffekten handeln, tut dies jedoch nicht.“
Auch Privatanleger sollten das Risiko, das sich hinter auf Wochensicht scheinbar harmlosen Marktbewegungen verbirgt, also nicht unterschätzen. Wer stark auf gehebelte Produkte setzt, sollte prüfen, ob das eigene Risikomanagement wirklich noch zu einem Markt passt, in dem kleine Schocks groß werden können und klassische sichere Häfen nicht mehr wie gewohnt funktionieren. Oder wie es Luke Templeman und Galina Pozdnyakova von Deutsche Bank Research ausdrücken: „In einem Markt mit mehr Leverage, weniger verlässlichen Häfen und einer neuen Toleranz für alltägliche Volatilität steigt das Risiko, dass ,small vol‘-Ereignisse größere Probleme auslösen.“
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Häufige Fragen zum Thema
Was ist das Deutsche Bank Reserach Institute?
Das Deutsche Bank Research Institut (DBRI) ist der Nachfolger der früheren Abteilung Deutsche Bank Research und wurde im März 2025 gegründet. Es gilt als Denkfabrik der Deutschen Bank und bündelt die globale Expertise des Insituts für Analysen und europäische Perspektiven zu Themen wie Geopolitik, Makroökonomie oder Technologie.
Warum trägt die Studie den Titel "Situational awareness - do we have it"?
Der Titel spielt auf den Hedgefonds "Situational awareness" des deutschen KI-Experten Leopold Aschenbrenner an. Sein Fonds musste Ende Juli seine gesamten börsengehandelten Wertpapiere verkaufen, weil gehebelte Kurswetten, etwa auf den Chipsektor, gegen ihn gelaufen waren und die Banken Margin Calls auslösten. Aschenbrenner hat den Fonds nach einem 165-seitigen Aufsatz benannt, den er 2024 verfasste und der als ein Manifest der KI-Forscher gilt.
Gibt es in Südkorea wirklich gehebelte ETFs auf Einzelaktien? Widerspricht das nicht dem Prinzip eines ETFs?
Ja, in Südkorea gab es solche gehebelten ETFs (sogenannte Single-Stock-Leveraged-ETFs) auf Einzelaktien wie Samsung Electronics und SK Hynix. Sie wurden Ende Mai 2026 eingeführt, um abgewanderte Anleger von ausländischen Märkten zurückzuholen. Doch die Einführung dieser Produkte führten zu massiven Marktturbulenzen und einer extremen Volatilität, da die Fonds täglich umschichten (rebalancen) müssen und dadurch Preissprünge bei den schwergewichtigen Chip-Giganten verstärken. Nach heftigen Kursstürzen, Milliardenverlusten von Privatanlegern und Protesten stoppte die südkoreanische Finanzaufsicht die Zulassung neuer Produkte und verschärfte die Regeln drastisch, indem sie etwa höhere Mindesteinlagen und Portfolio-Obergrenzen vorgab.